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Gespräch mit Karsten Krull vom Arbeitskreis Wohnungsnot

Gespräch mit Karsten Krull vom Arbeitskreis Wohnungsnot

tip Vor Kurzem wurden rund 150 Obdachlose von der Kreuzberger Cuvry-Brache vertrieben, 2013 mussten 30 Obdachlose die alte Eisfabrik räumen. Wo kommen solche Leute unter??
Karsten Krull Ich schätze mal, dass einige der einstigen Cuvry-Brachen-Bewohner jetzt andere provisorische Übernachtungsplätze in Kreuzberg nutzen.

tip Gibt es nicht genug Notübernachtungsplätze?
Karsten Krull Bis zum Spätherbst gibt es so gut wie keine Möglichkeiten, längerfristig eine Notunterkunft nutzen zu können. Zumal viele der Menschen von der Cuvry-Brache und der Eisfabrik arbeitssuchende EU-Bürger sind, die ihre Ansprüche auf Unterstützung bei uns nur schwer realisieren können. Oft können sie kein Deutsch. Die vorhandenen Beratungsstellen für Migranten sind vornehmlich auf solche Menschen ausgerichtet, die bereits hier wohnen.

tip Wo sind provisorische Übernachtungsplätze?
Karsten Krull Da gibt es ganz viele Orte. Wenn man vom Hardenbergplatz zum Schleusenkrug geht, sieht man jede Menge Schlafplätze an den Bahngleisen. Auch unter den Brücken am Hauptbahnhof haben sehr viele Menschen kampiert. Die wohnungslosen EU-Bürger haben während der warmen Jahreszeit keine Möglichkeit, auf Dauer eine Notunterkunft zu bekommen. Im Gegensatz zu Deutschen oder Menschen, die schon lange hier leben, die einen Anspruch auf eine odnungsrechtliche Unterbringung haben.

tip Wie viele Menschen leben in Berlin ohne eigenes Dach?
Karsten Krull Die Datenlage ist da sehr, sehr spärlich, und es gibt auch keinen politischen Willen, dies zu ändern. Laut konservativer Schätzungen beträgt die Zahl der Wohnungslosen in Berlin um die 12?000 Menschen. Das sind Zahlen der Senatsverwaltung, die aber auch nur die Wohnungslosen berücksichtigen, die in Pensionen und anderen Notunterkünften untergebracht sind. Die Zahl derer, die in Berlin tatsächlich auf der Straße leben, kann man nur schätzen.

tip Zwischen 600 und 1?300 Menschen, heißt es im Netz.
Karsten Krull Die Zahl wird nicht offiziell erfasst. Ich würde sie weit höher vermuten. Allein durch die EU-Bürger, vor allem die aus osteuropäischen Ländern, aber auch aus Spanien oder Italien, sind das sicher sehr viel mehr.

Gespräch mit Karsten Krull vom Arbeitskreis Wohnungsnot

tip Wie sieht der Alltag der Straßenobdachlosen aus?
Karsten Krull Man ist nicht nur der Witterung ausgesetzt, sondern muss sich ständig um seine elementare Habe sorgen, lebt in der Angst, dass seine Sachen, der Schlafsack, die Matratze oder Kleidung vom Ordnungsamt oder sonst wem geräumt werden. Man kann nicht alles mit sich herumschleppen. Außerdem muss man zusehen, wo man wann was zu essen kriegt, sich waschen kann. Durch Flaschensammeln oder Betteln wird wenigstens ein minimales Einkommen erzielt, denn so toll ist die Versorgung in den Hilfseinrichtungen nicht. Aufgrund der finanziellen Einschränkungen gibt es da höchstens mal eine Suppe. Umfragen, die wir einmal im Jahr auch auf Russisch, Polnisch und weiteren Sprachen machen, haben ergeben, dass von diesen Menschen eigentlich keiner ein richtiges Einkommen hat, keiner Transferleistungen bekommt und dass die Armut unter diesen Leute noch viel, viel größer ist als unter den deutschen Wohnungssuchenden, von denen die meisten wenigstens Transferleistungen für sich realisieren können.

tip Wieso kommen diese Leute hierher, wenn sie nicht wissen, ob sie hier Arbeit und ein Dach finden?
Karsten Krull Das liegt an der Verzweiflung von Menschen, die in ihren Herkunftsländern bereits in Armut und ohne Arbeit leben. Die bekommen mit, dass Deutschland ein reiches Land ist, und die hoffen, hier Arbeit zu finden. Wie schwierig die Arbeitssuche ist, erfahren die Menschen oft erst hier.

tip Was ist das Hauptproblem?
Karsten Krull Die Sprache. Wir haben hier im Warmen Otto immer wieder Leute, die in ihren Heimatländern in qualifizierten Berufen gearbeitet haben. Die aber überhaupt keine Deutschkenntnisse haben. Wir hatten bei uns beispielsweise einen erfahrenen Fernfahrer aus Spanien. Doch alle potenziellen Arbeitgeber, die von uns kontaktiert wurden, winkten ab: ohne Sprachkenntnisse keine Chance. Das ist auch ein Grund, warum wir hier versuchen, in einem Deutschkurs einmal die Woche wenigstens einfache Redewendungen zu vermitteln. Es gibt zwar einige kostenlose Sprachkurse in der Stadt, aber die muss man auch erst einmal finden.

tip Wo erfahren diese Leute, welche Hilfen sie möglicherweise beanspruchen können?
Karsten Krull In Berlin gibt es beispielsweise die Frostschutzengel. Das sind zwei Kolleginnen, die durch die Einrichtungen der Wohnungslosenhilfe ziehen und dort stundenweise Beratungen in verschiedenen, meist osteuropäischen Sprachen anbieten. Allerdings ist dieses auf Spendenbasis aufgebaute Projekt gefährdet und wird wahrscheinlich Ende des Jahres eingestellt. Die Politik in Berlin sieht die Probleme nicht oder will sie nicht sehen. Dabei profitiert die exportorientierte deutsche Wirtschaft von den offenen Grenzen in der EU sehr. Und wenn aufgrund der Freizügigkeit eben auch Menschen hierherkommen, die arm sind, die Arbeit suchen, dann muss man damit umgehen und kann diese Leute nicht alleinlassen.

tip Wie geht es mit den Obdachlosen weiter, wenn es kälter wird?
Karsten Krull Ab November bis zum März gibt es die Möglichkeit, die Einrichtungen der Kältehilfen aufzusuchen. Da kann jeder kommen, der Zugang ist unbürokratisch. Aber es gibt auch viele, die das ganze Jahr draußen schlafen.

tip Was muss getan werden?
Karsten Krull Die Situation wohnungsloser, aber auch armer Menschen braucht grundsätzlich mehr Beachtung. Nicht nur im Winter, wenn öffentlichkeitswirksam Suppen oder Schlafsäcke gespendet werden. Es muss viel deutlicher werden, dass es nicht alleine darum geht, Almosen zu verteilen, sondern darum, dass diese Menschen einen Rechtsanspruch auf ein menschenwürdiges Leben haben.

Interview: Eva Apraku

Foto: Eva Apraku, Warmer Otto

Arbeitskreis Wohnungsnot
1988 gegründeter Zusammenschluss von insbesondere der professionellen Wohnungslosenhilfe in Berlin aus den verschiedensten Bereichen. Die Mitglieder des Arbeitskreises Wohnungsnot kommen regelmäßig zusammen, tauschen sich fachlich aus, wollen aber vor allem auch Lobbyarbeit für ihre Klientel der wohnungs­losen Menschen betreiben. Dazu gehört die Entstigmatisierung der Betroffenen, aber auch das Werben für geschützte Segmente auf dem Wohnungsmarkt. www.ak-wohnungsnot.de

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