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Bonaventure Ndikung: „Berlin kann es sich nicht leisten, uns nicht zu finanzieren“

Bonaventure Ndikung betreibt in Berlin den Kunstraum SAVVY Contemporary und ist einer der gefragtesten Kuratoren der Welt, zuletzt bei der Documenta. Mit SAVVY versucht er, festgefahrene Perspektiven und Konstrukte in und mit der Kunst zu verändern

Bonaventure Ndikung, Foto: Paul Huf

tip Herr Ndikung, gibt es so etwas wie den westlichen Blick?
Bonaventure Ndikung Den westlichen Blick? Der ist genau so ein Konstrukt wie jedes andere Konstrukt, das versucht, den „Einen“ oder den „Anderen“ zu machen, beziehungsweise zu definieren. Es gibt keine Kultur oder Gesellschaft der Welt, die nicht in kontinuierlichem Austausch mit seinen Nachbarn – nah und fern – ist. Diese Kons­trukte und Mythen gilt es zu dekonstruieren, und genau das versuchen wir. Bevor man das macht, muss man sich aber natürlich erst einmal genau anschauen, was mit dem Begriff Westen eigentlich jeweils gemeint ist. Wird er geografisch, historisch oder quasi philosophisch verwendet?

tip Sie sprechen von einem sozialen Konstrukt. In der gesellschaftlichen Praxis dürfte es dennoch verschiedene Wahrnehmungshorizonte geben.
Bonaventure Ndikung Konkret gesagt: Ja, es gibt einen westlichen Blick, welcher geprägt ist von den großartigen philosophischen, literarischen, technologischen, wirtschaftlichen und politischen Fortschritten und Errungenschaften des Westens in den letzten 500 Jahren. Diese Errungenschaften sind zweifellos erkennbar. Aber im gleichen Atemzug muss man auch sagen, dass viele dieser wirtschaftlichen, sozialen und technologischen Errungenschaften nur möglich waren dank des Sklavenhandels, der Kolonialisierung und Dehumanisierung des „Anderen“.

tip Dabei hat es einen Austausch zwischen dem Westen und „dem Anderen“ historisch immer gegeben.
Bonaventure Ndikung Was immer man den westlichen Blick nennen mag, ist auch von einem Nicht-Westen geformt und beeinflusst worden. Die griechische Philosophie und ihre Geschichte und Mythen, auf die man den westlichen Blick auch zurückführen mag, sind in der ägyptischen Geschichte verankert. Martin Bernal hat mit „Black Athena“ ja versucht zu beweisen, wie diese griechische Kultur ihre Wurzeln in afro-asiatischen Kulturen hat.

tip Welche Konsequenzen hat die Tilgung dieser Verbindungen aus dem kollektiven Gedächtnis?
Bonaventure Ndikung Die Universalisierung eines westlichen Systems, Wissens und Blicks über die letzten Jahrhunderte hat einige positive, aber auch brutale Wirkungen. Wir erleben noch heute deutliche Konsequenzen dieser brutalen Vorgänge aus den letzten paar hundert Jahren. Dazu gehört die Kontinuität kolonialer Strukturen ebenso wie der Terror und Terroranschläge, die auch mit in dieser Geschichte wurzeln.

tip Wie wirkt sich diese Gemengelage auf die zeitgenössische Kunst aus? Gibt es westliche und nicht-westliche Kunst?
Bonaventure Ndikung Ich glaube, diese Einteilung der zeitgenössischen Kunst in westlich und nicht-westlich ist von Grund auf fehlerhaft. Es geht doch in Bezug auf zeitgenössische Kunst vor allem um die Zeitachse, um Menschen, die in der gleichen Zeit leben, die Teil derselben Noosphäre sind. Wer jetzt lebt, in dieser Zeit, der ist Zeitgenosse im wahrsten Sinne des Wortes. In dieser extrem medialisierten Welt bekommt jeder in allen Teilen der Welt fast die gleichen Informationen. Die Fragen an die Welt und über die Welt ähneln sich also – und die Kunst arbeitet genau damit. Die Frage, die sich daran anschließt, ist, welche künstlerischen Sprachen benutzt werden, um Ausdruck zu schaffen, um mit diesen Fragen und der Zeit umzugehen. Vielleicht ist Harun Farocki hier ein Beispiel, dem verschiedene Berliner Kunsträume und Institutionen zur Art Week eine Retrospektive widmen, von der auch SAVVY Contemporary mit der Ausstellung „El Usman Faroqhi Here and a Yonder: On Finding Poise in Disorientation“ ein Teil ist.

tip Ihr Ansatz, sich Farocki zu nähern, kommt fast ohne Werke von Farocki aus.
Bonaventure Ndikung Es geht uns um die Welten, die Farocki in sich vereint, den Westen und den Nicht-Westen, wenn man so will. Das fängt schon beim Namen an, der unter dem Aspekt der „politics of naming“ den Ausgangspunkt für die Ausstellung bildet. Farocki heißt ursprünglich Harun El Usman Faroqhi. Ein stark arabisch klingender Name, den er später zu Harun Farocki geändert hat, indem er das El Usman ganz weggelassen und das Faroqhi mit dem typisch arabischen qh in das für Deutsche einfacher zu lesende und auszusprechende Farocki abgewandelt hat. Dabei geht es um eine sachliche Sicht auf die Umstände und die Frage: Wieso ändert man seinen Namen im Allgemeinen? Weil der Name zu schwer auszusprechen ist? Oder weil Farocki nicht aufgrund seines Namens benachteiligt werden wollte? Wollte er durch seinen Namen nicht automatisch in eine Kategorie gesteckt werden? Farocki hat dabei nicht nur mit seinem eigenen Namen gespielt, sondern auch verschiedene Pseudonyme benutzt, etwa Rosa Mercedes. Oder, wie erst vor kurzem bekannt wurde, Franz Putz. Unter diesem Namen hat Farocki schon 1968 Zeitungsartikel geschrieben.

tip Sie waren ja mit SAVVY Contemporary prominent mit an der Ausrichtung der Documenta beteiligt. Was kann und will ein solches Großereignis eigentlich leisten?
Bonaventure Ndikung Die Documenta setzt sich natürlich aus einem riesigen Feld verschiedenster Themen zusammen. Am ehesten geht es vielleicht darum, zu verstehen, was unsere Zeit ausmacht und tastend nach dem Stellen der richtigen Fragen zu den Ereignissen zu suchen, die heute geschehen. Dabei sind andere Epistemologien aus allen Teilen der Welt natürlich zentral. Im Projekt „Everytime A Ear Di Soun“ ging es immer sehr viel um Klang, dessen Übersetzung ins Visuelle und darum, wie Informationen und Wissen mit Klang transportiert werden können.

tip Wie erforscht man diesen Komplex?
Bonaventure Ndikung Man muss erst einmal danach suchen, was das eigentlich heißt, wenn ein Klang entsteht. Zum Beispiel, wenn man auf eine Tischplatte schlägt. Damit haben sich in gewisser Weise ja auch schon Stockhausen und Schönberg auseinandergesetzt. In einer Zeit, die so stark vom Visuellen geprägt ist, erscheint es wichtig, genau dies in unserer Zeit zu reflektieren. Damit haben wir uns unter anderem auch im Documenta Radio auseinandergesetzt.

tip Sprechen wir über Athen. War das ein Versuch, den eingefahrenen Blick zu brechen?
Bonaventure Ndikung Ich glaube, da ist es wichtig zu verstehen, dass es sowieso eine Illusion ist anzunehmen, dass die Welt alle fünf Jahre nach Kassel angetanzt kommt, um über die Welt zu reflektieren. Da ist Kassel wichtig, aber man muss irgendwie auch aus dieser Komfortzone herauskommen. Nach Athen zu gehen, was Adam Szymczyk vorgeschlagen hat, war da eine Möglichkeit, gerade auch wegen der Spannungen zwischen Deutschland und Griechenland. Für viele Griechen ist die Documenta eine deutsche Institution…

tip … und wird sicher entsprechend kritisch gesehen.
Bonaventure Ndikung Auch wenn die Leute, die das alle fünf Jahre als Team verkörpern, vielleicht gar nichts mit Deutschland zu tun haben. Die Auseinandersetzung mit den Sachen, die da in der Konfrontation passieren – psychopolitisch, wirtschaftlich – ist genau deswegen spannend und wichtig. Allein diese Darstellung, die man häufig zu lesen meint, dass so eine Krise wie in Griechenland etwas Neues sei! Das ist natürlich Unsinn, ich habe so eine Situation selber in den 90er Jahren in Kamerun erlebt. Oder man schaut sich Argentinien an. Wichtig ist, dass man die Menschen mit den Realitäten der Welt konfrontiert. Das muss eine Weltausstellung wie die Documenta können. Worüber soll man denn sonst reden?

tip Wie sieht die Zukunft von SAVVY Contemporary aus, jetzt nach Ihrer Teilnahme an der Documenta?
Bonaventure Ndikung Wir haben ein klares Ziel: Wir wollen eine institutionelle Förderung durch das Land Berlin. Allein schon, weil Berlin es sich nicht leisten kann, einen Ort wie SAVVY Contemporary nicht zu finanzieren. Das ist immer noch der einzige langjährig international agierende Kunstraum in Berlin, der von einer Person mit Migrationshintergrund gegründet wurde. Wir haben mit der Documenta kollaboriert, gerade setzen wir eine Ausstellung in Harare, Zimbabwe um, haben viele internationale Ausstellungen durchgeführt. Nennen Sie mir mal einen anderen Kunstraum, der so international arbeitet ohne eine Grundfinanzierung. Klar, wir haben vor ein paar Jahren mal den Preis für Projekträume gewonnen. Aber dieses Geld reicht ja nicht einmal für die Durchführung eines einzigen Projektes, wenn man Löhne zahlen und Arbeiten kommissionieren will und nicht alles auf dem Prinzip der Selbstausbeutung aufbaut.

tip Was muss sich im Berliner Kulturbetrieb noch ändern?
Bonaventure Ndikung Mir ist es auch wichtig, auf die Besetzung von Gremien wie bei der City Tax hinzuweisen, wo von 14 Jurymitgliedern vielleicht gar keine oder eine aus einem außereuropäischen Kontext stammen, während das in Berlin auf ein Drittel oder Viertel der Bevölkerung zutrifft. Ich finde, das ist eine Katastrophe, weil es die Realität in dieser Stadt nicht widerspiegelt.

El Usman Faroqui Here and A Yonder
Ausgehend von der grundlegenden Frage der „politics of naming, re-naming and de-naming“ haben Bonaventure Ndikung und seine Kollegin Antonia Alampi Künstler aus verschiedenen Ländern eingeladen, die sich mit Namen und Identität beschäftigen: Candice Breitz, Ariani Darmawan, Fehras Publishing Practices, Shilpa Gupta, Ho Tzu Nyen, Samson Kambalu, Michael Zheng. Olaf Nicolai ist mit der Arbeit „Nom de Guerre“ dabei. Die Themen der Ausstellung schließen an Farockis Reflexionen und Recherchen über den Vietnamkrieg, über Industrie, Arbeit, ­Pornographie, Identität und Sprache an.
SAVVY Contemporary Plantagenstr. 31, Wedding, 14.9.–28.1.

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