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Stadt der Spione

„Es muss auch blödsinnige Filme geben“ – Gespräch mit Christoph Ewering vom Deutschen Spionagemuseum

Die Darstellung des angeblich zweit­ältesten Gewerbes der Welt – des Spionierens – im Buch, Film und Fernsehen ist oft zweifelhaft. Christoph Ewering, Leiter der Museumspädagogik im Deutschen Spionagemuseum am Leipziger Platz, geht mit uns ein paar Fälle durch

OCTOPUSSY, Roger Moore, 1983, (c) United Artists/courtesy Everett Collection

tip Herr Ewering; einer unserer Lieblingsfilme aus dem Kalten Krieg ist Len Deightons „Finale in Berlin“ von 1966 mit Michael ­Caine. Der beobachtet, mit seinen Agenten, das Brandenburger Tor – von der Dachterrasse des Europa Centers aus.
Christoph Ewering Gutes Fernglas! Funktioniert natürlich so nicht, aber das passiert ja in vielen Filmen, dass Sachen zusammen geschnitten werden. Und der gemeine Berliner sitzt da und beißt die Zähne zusammen.

tip Der gemeine Berliner wusste, wo die ­alliierten Geheimdienste ihren Sitz ­hatten. Als der britische Agent Quiller in „Gefahr aus dem Dunkel“ von 1966 nach West-Berlin kommt, kriegt er es mit einer Bande kommunistischer Spione (in der Synchronfassung Neo-Nazis) zu tun, die nicht wissen, wo der MI5 seinen Sitz in Berlin hat. Wie kann das passieren?
Christoph Ewering Das passiert eigentlich nicht. Natürlich wussten die östlichen Geheimdienste, wo ihre Gegner ihren Sitz hatten. Die Neo-Nazis aus der deutschen Fassung, die hätten das vielleicht nicht hingekriegt.

tip Ein ganz großes Fragezeichen steht hinter einem meiner Trash-Lieblinge: „Die Wildgänse kommen, Teil 2“ von 1985: Eine Gruppe von Söldner wird von einem TV-Sender angeheuert, Rudolf Heß aus dem Span­dauer Gefängnis zu befreien. Dabei bekommen sie es mit Kommunisten, Nazis und der Berliner Unterwelt zu tun.
Christoph Ewering Ich habe Tränen gelacht, eine derart abstruse Story ist mir selten untergekommen. Ich mag sehr gerne historisch angehauchte Filme, ­deshalb tun mir solche Filme echt weh. ­Andererseits habe ich höchstens Respekt vor der Krea­tivität der Filmschaffenden. Und es muss schließlich auch blödsinnige Filme ­geben.

tip Ähnlich blödsinnig erscheint mir der ­internationale Zirkus, der in „James Bond 007 – Octopussy“ von 1983 ohne Über­wachung und mit komplett unkontrollierten Kontakten durch die DDR tourt.
Christoph Ewering Ich fand den als Kind ganz toll. Vor anderthalb Jahren habe ich ihn das letzte Mal gesehen. Der ist konfus und unlogisch, da passt das mit dem Zirkus gut rein.

tip „Most Wanted Man“ von 2014 ist ein etwas sperriger Film nach einem eher mittel­mäßigen John-le-Carré-Roman. Aber wirft der Stoff, in dem es um einen Flüchtling geht, ein realistisches Bild auf das Verhältnis der Dienste zueinander?
Christoph Ewering Kein ganz falsches auf jeden Fall. Ich glaube, die „befreundeten“ Dienste reden viel miteinander. Aber wenn es um die Ziele, die Interessenlagen geht, dann kann ein Einzelner da schon unter die Räder kommen, das ist nicht unrealistisch. Es ist doch immer eine Abstimmungsfrage. Dazu wurden ja Orte wie das gemeinsame Terrorismusabwehrzentrum geschaffen. Aber es gibt eben auch Beispiele wie den Fall Amri, wo das dann in die Hose ging. Es ist doch so: Geredet wird, aber die Frage ist, wer agiert. Der Informationsfluss ist relativ gut, nur was macht man mit den Daten?

Deutsches Spionagemuseum

tip Am Ende von Le Carrés „Karla“-Trilogie (1974–79) benutzt der Leiter der sowjetischen Spionageabwehr in einer sehr Szene zum Überlaufen ausgerechnet den Übergang an der Oberbaumbrücke. Gäbe es da keine anderen Möglichkeiten?
Christoph Ewering Theoretisch ist das doch möglich! Die Oberbaumbrücke war seit Anfang der 70er für den Fußgängerverkehr offen, und als romantisches Bild macht diese alte Brücke durchaus was her. Die Sache ist eher die: In West-Berlin waren Überläufer nicht restlos sicher.

tip In Spielbergs „Bridge Of Spies“ von 2015 wird Tom Hanks zwischen dem Bahnhof Friedrichstraße und der Sowjetbotschaft Unter den Linden ausgeraubt. In einer der sichersten Hauptstädte der Welt?
Christoph Ewering „Bridge Of Spies“ hat ja einige böse Kritiken bekommen, weil er so plakativ ist. Denken Sie nur an die Szene, in der Tom Hanks S-Bahn fährt und Zeuge eines verhinderten Grenzdurchbruchs wird. Ich glaube ja auch, dass Spielberg speziell in dieser Szene einen berühmten Defa-Film zitiert: „Berlin Ecke Schönhauser“.

tip In der Serie „Deutschland ’83“ von 2015 nimmt ein Ost-Agent eine fremde Identität an und steigt dann in kürzes­ter Zeit zum Adjutanten eines NATO-Generals auf.
Christoph Ewering Da ist die Fantasie mit den Machern der Serie durchgegangen. Aber das Ganze ist ja an eine reale Person angelehnt: Der Agent Rainer Rupp saß bei der NATO und hatte Zugang zu brisantem Material. Aber der hatte natürlich eine lange Ausbildung durchlaufen. In der TV-Serie geht das ratzfatz, er wird rekrutiert, bei der Bundeswehr in Position gebracht und dann geht alles sehr schnell. Das ist historisch nicht so korrekt, aber schön schnell erzählt.

tip In modernen Agentenserien im TV wie „Berlin Station“ – seit 2016 – geht es darum, dass Berlin anscheinend immer noch der Tummelplatz der Spione ist. Kann man das so bestätigen?
Christoph Ewering Ich verlasse mich da auf Aussagen von Leuten, die sich auskennen. Der Präsident des Verfassungsschutzes Hans-Georg Maaßen hat das in einem Interview behauptet. Es gab ja diese Antennenkuppeln auf den Dächern der amerikanischen und britischen Botschaften, die inzwischen verschwunden sind, die aber sehr an die Abdeckungen auf dem Teufelsberg ­erinnerten. Und „Berlin Station“ orientiert sich sehr an aktuellen Ereignissen: In der ersten Staffel ging es um Snowden, in der zweiten um den Aufstieg einer rechtsradikalen Partei in Deutschland.

tip Zum Schluss noch ein Schritt zurück: In der DDR-Serie „For Eyes Only“ von 1963 kommt der Kundschafter des Friedens in den Westen und findet: Alles Nazis außer Mutti.
Christoph Ewering Das war halt der Zeigefinger der Propaganda – durch enge Zusammenarbeit mit dem MfS.

Deutsches Spionagemuseum Leipziger Platz 9, Mitte, tgl 10–20 Uhr

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