• Kultur
  • „Wir sollten die Klappe halten“ – Gespräch mit Emilia Smechowski über Strebermigranten

Polen in Berlin

„Wir sollten die Klappe halten“ – Gespräch mit Emilia Smechowski über Strebermigranten

Sie kam als Fünfjährige mit ihren Eltern aus Polen nach Berlin. Jetzt hat die Autorin und Journalistin Emilia Smechowski ein Buch über Anpassung, Familie und den Status der Polen als Strebermigranten geschrieben

Foto: Linda Rosa Saal

tip Frau Smechowski, waren Sie in der Schule eine Streberin?
Emilia Smechowski Ich habe von meinen Eltern viel Druck bekommen, gute Noten zu schreiben. Aber ich war keine Außenseiterin in der Schule. Das mit den Einsen ließ auch nach, nachdem ich ausgezogen war. Dann häuften sich die Fehlstunden.

tip Sie sind erst 33, haben Operngesang studiert, waren Redakteurin bei der „taz“, sind heute Autorin bei der „Süddeutschen Zeitung“ und der „Zeit“, haben Preise gewonnen, sind Mutter. Jetzt haben Sie ein Buch geschrieben.
Emilia Smechowski Ja, das klingt sehr strebermäßig. Gegen die Disziplin, die ich von zuhause mitbekam, habe ich mich zwar gewehrt, aber sie hat mich auch wieder eingeholt. Zu meiner Verteidigung kann ich allerdings sagen: Wenn mir was zu blöd wird, schmeiße ich hin, immer.

tip In Ihrem Buch „Wir Strebermigranten“ beschreiben Sie auch, wie Sie 1988 als Fünfjährige aus Polen nach Deutschland gekommen sind.
Emilia Smechowski Ich erinnere mich an das Wohnheim in Neukölln in der Teupitzer Straße. An die große Halle, wir hatten ja anfangs kein Zimmer. An Schnapsgestank, Aldi-Tüten, die überall herumlagen. Aber vor allem auch an dieses kollektive Schweigen. Sobald wir auf die Straße gingen, sollten wir die Klappe halten, Deutsch konnten wir nicht, Polnisch sollten wir nicht sprechen.

tip Wegen Ausländerfeindlichkeit?
Emilia Smechowski Nein. Ich glaube, das kam aus einer Angst, erkannt zu werden, und dem Ziel, das sich meine Eltern gesteckt haben, möglichst schnell anzukommen und deutsch zu werden.

tip Funktionierte das denn?
Emilia Smechowski Natürlich nicht. Ich halte Assimilation für absoluten Quatsch. Sie funktioniert nicht. Meine Eltern sind heute zwar beide erfolgreich, aber man hört jedem ihrer Sätze an, dass sie nicht Deutsche sind. Sie sprechen immer noch mit Akzent, machen Fehler.

tip Sie kamen als Aussiedler nach Deutschland, bekamen dadurch sehr schnell die deutsche Staatsangehörigkeit.
Emilia Smechowski Wir bekamen nach ein paar Monaten einen deutschen Pass; der macht etwas mit einem, vor allem, wenn man die Sprache nicht kann und weder Job noch Wohnung hat. Wenn man sich überlegt, wie viel Menschen, die heute hierher kommen, dafür leisten müssen. Und wir bekamen das auf einem Tablett serviert. Da ging der Staat in Vorleistung, und wir haben versucht, diesem Papierstück zu entsprechen, fühlten uns aber auch wie Schauspieler, die nur so taten, als seien sie deutsch.

tip Eine Bringschuld?
Emilia Smechowski Natürlich! Und meine Eltern haben Arbeitslosengeld bekommen, keine Sozialhilfe!

tip Für Ihr Buch haben Sie das Heim nach 30 Jahren wieder besucht. In einem Teil wohnen dort heute syrische Flüchtlinge. Da ging Ihnen auf: „Wir waren Premium-Flüchtlinge.“
Emilia Smechowski Ich begegne Geflüchteten oft, auch durch meine Arbeit als Journalistin. Und ich muss ehrlich sagen, ich schäme mich, dass wir damals so eine Luxusbehandlung genossen haben. Dabei waren wir ganz klar Wirtschaftsflüchtlinge, die vor allem eins wollten: den sozialen und ökonomischen Aufstieg. Als Kriegsflüchtling ist das Ankommen in einem Land das Ziel, man sehnt sich nach Frieden. Für einen Wirtschaftsflüchtling ist die Ankunft der Startpunkt für ein neues Leben. Aus der Perspektive macht es Sinn, dass man das hinter sich lassen will, woher man kommt. Deshalb nenne ich uns auch Strebermigranten. Der Druck war der Motor in unserer Familie, auch, weil man sich verstecken, weil man nicht zeigen wollte, woher man kam.

tip Was wäre eigentlich das Gegenteil von „Strebermigranten“?
Emilia Smechowski Die sichtbaren Migranten, die selbstbewusst zu ihrer Herkunft stehen. Die zumindest für sich selbst entscheiden, inwieweit ihre Herkunft ein Teil ihrer Identität ist.

tip Sie schreiben, man erkannte die Polen in Berlin daran, dass sie flüsterten.
Emilia Smechowski Ich erkannte sie daran. Wenn ich mir die ­Situation von damals nochmal vorstelle, dann höre ich Türkisch, Arabisch, auch Kroatisch, laut über den Spielplatz gerufen. Polnisch war damals, wenn überhaupt, leise zu hören, ein wispernder Ton, der sich durch die Stadt zog.

tip Sind die Polen ein Musterbeispiel für ­gelungene Integration?
Emilia Smechowski Nein, ich würde sagen, sie werden dafür ­gehalten. Ich glaube nicht, dass gelungene Integration bedeutet, sich komplett zu assimilieren. Das ist Selbstbetrug. Natürlich sind viele von außen betrachtet angekommen in diesem Land. Aber zu welchem Preis? Wenn man sich die zweite Generation wie mich anschaut, dann stellt man fest, dass sich viele dagegen wehren und sich mittlerweile das Polnische ein bisschen zurückholen.

tip Fühlen Sie sich heute mehr als Deutsche oder als Polin?
Emilia Smechowski Die Frage mag ich nicht. Jeder hat ja seine eigene Identität, die sich nicht nur aus Herkunft und Wohnort speist, sondern auch aus vielen anderen Dingen. Eine wichtige Entscheidung ist aber die Sprache, und ich habe festgestellt, dass ich es schön finde, mit meiner Tochter Polnisch zu sprechen. Ich bin damit zurück zu meiner Muttersprache gekommen, weil ich mich in ihr mehr zuhause fühle.

tip Sie haben, auch als Mutter, Ihr Polnisch-sein wiederentdeckt. Auch die Ironie?
Emilia Smechowski Sobald man ein eigenes Selbstbewusstsein für seine Identität entwickelt, ist auch Raum für Ironie. Die Wiederentdeckung meines Polnisch-seins war natürlich ein Prozess. Es hatte viel damit zu tun, dass ich anderen ­Migranten begegnet bin, Türken, Kroaten, Arabern. Die gehen da mit einer anderen Haltung ran: positiv aggressiv. Sie fordern selbstbewusst ein, dass sie gesehen werden.

tip Könnte man sagen, dass das, was Ihre Eltern unterdrücken wollten, heute aus Ihnen herausbricht?
Emilia Smechowski Bestimmt, und ich lasse auch zu, dass es ausbricht. Und doch, wenn ich auf Polnisch laut über den Spielplatz rufe, komme ich mir manchmal komisch vor. Wieder: wie eine Schauspielerin. Es hört einfach nicht auf. Meine Mutter sagte neulich, sie will mit ihrer Enkelin draußen lieber gar nicht Polnisch sprechen. Es könnte ja sein, dass das Kind deshalb ausgegrenzt wird.

tip Wie empfinden Sie heute das Zusammenleben von Deutschen und Polen in Berlin?
Emilia Smechowski Es ist extrem anders. Die Polen, die in den letzten Jahren gekommen sind, bringen ein anderes Selbstbewusstsein mit. Heute gibt es ja sogar einen Hype um das Polnische. Moderne Kunst, Mode, Design, coole Imbisse. Polish Furniture, wo ein Sessel aus der ehemaligen Volksrepublik jetzt 600 Euro kostet. Das sexy Polen. Das ist aber sehr berlinzentriert. Auf der anderen Seite treffe ich hier immer wieder Leute, die die ganze Welt bereist haben und sagen: Ach, nach Polen wollte ich auch mal. Dabei ist die Grenze nur 80 Kilometer weit weg!

Interview: Jacek Slaski und Erik Heier

Wir Strebermigranten von Emilia Smechowski, Hanser Berlin, 224 S., 22 €
Buchpremiere: Kantine am Berghain, Am Wriezener Bahnhof, Friedrichshain, Mi 6.9., 20 Uhr

Mehr über Cookies erfahren