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„Schnellschüsse richten nur Schaden an“ – Gespräch mit Klaus Dörr, dem kommissarischen Intendanten der Volksbühne

Klaus Dörr, der kommissarische Intendant der Volksbühne am Rosa Luxemburg Platz,
über seine Pläne für das Haus nach Chris Dercon

Foto: Arthur Zalewski

Klaus Dörr, 56, war Geschäftsführer am Berliner Maxim Gorki Theater und ist bis Ende dieser Spielzeit Künstlerischer Direktor und stellvertretender Intendant am Staatstheater Stuttgart. Seit Chris Dercons Rücktritt ist er kommissarischer Intendant der Berliner Volksbühne am Rosa Luxemburg Platz.

Eigentlich sollte Klaus Dörr zu Beginn kommender Spielzeit geschäftsführender Direktor der Volksbühne werden. Nach der Entlassung Chris Dercons leitet er die Bühne jetzt als kommissarischer Intendant: Irgendwer muss das beste Theater der Welt ja retten. Wir haben kurz nach seiner Berufung mit Klaus Dörr telefoniert.

tip Herr Dörr, kam die Entlassung Chris Dercons am 12. April für Sie überraschend?
Klaus Dörr Überraschend war die Geschwindigkeit der Entwicklung. Das Ergebnis ist nicht überraschend. Man kann am Theater mit einer schwierigen finanziellen Situation umgehen, wenn man konkrete Lösungsansätze hat. Die hatte Herr Dercon nicht.

tip Wie ist die finanzielle Situation?
Klaus Dörr Ich wurde im März als geschäftsführender Direktor ab der kommenden Spielzeit berufen. Bei der Analyse der Zahlen wurde klar, dass die Produktions- und Vorstellungskosten viel zu hoch sind. Es wurde nicht nachhaltig produziert. Die Produktionen sind zu teuer und laufen zu selten. Die Volksbühne kann in der jetzigen Struktur bis Jahresende bei einer schwarzen Null landen, aber nur, wenn man zwei geplante Produktionen für die große Bühne auf 2019 verschiebt oder absagt. Aber dann kann das Theater in 2018 nicht genug Vorstellungen spielen. Es gibt zu wenig repertoiretaugliche Produktionen. Der finanzielle Spielraum ist extrem begrenzt. Bisher gibt es für den Spielplan nur Entwürfe, die ich jetzt überprüfen muss. Die Verabredung mit ­Susanne Kennedy, 2019 eine zweite Inszenierung an der Volksbühne zu machen, halten wir sehr gerne ein.

tip Am Tag nach Dercons Entlassung, am Freitag, dem 13. April, waren Sie Gast einer auf Wunsch von Kultursenator Lederer einberufenen Betriebsversammlung. Wie war die Atmosphäre?
Klaus Dörr Gelöst und freundlich.

tip Ist es möglich, das Haus ohne zusätzliches Geld wieder arbeitsfähig zu machen?
Klaus Dörr Ganz ohne zusätzliche Mittel wird es nicht gehen. Wir versuchen, repertoirefähige Neuproduktionen für die große Bühne zu initiieren. Wir müssen nach und nach Repertoire aufbauen und die Voraussetzungen für den Neuaufbau des Ensembles und die Spielfähigkeit des Theaters schaffen. Ich spreche mit mehreren Regisseurinnen und Regisseuren.

tip Und bis dahin?
Klaus Dörr Bis dahin müssen wir improvisieren. Das ist eine Ausnahmesituation. Ich will nicht pathetisch werden, aber es geht jetzt darum, dieses Theater zu retten. Ich werde unter anderem auf befreundete Theater zugehen und fragen, ob sie Möglichkeiten der solidarischen Unterstützung sehen. Die letzten Tage waren für alle Beteiligten sehr turbulent, jetzt muss man über mögliche Perspektiven nachdenken.

tip Der „Tagesspiegel“ schreibt, man müsse jetzt für die Intendanz der Volksbühne „in kürzester Zeit einen Nachfolger finden“. Muss man?
Klaus Dörr Genau wie gute Regisseure stehen potentielle Intendantinnen und Intendanten nicht Schlange. Für die qualifizierte Vorbereitung einer Intendanz braucht man anderthalb bis zwei Jahre. Schnellschüsse richten nur Schaden an. Ich halte es angesichts der Bedeutung der Ära Frank Castorfs fast für ausgeschlossen, dass ein einzelner Intendant, eine einzelne Intendantin das stemmen kann. Vielleicht ist eine Struktur mit mehreren prägenden Regisseurinnen und Regisseuren sinnvoll, denen man das Haus zur Verfügung stellt. Ich kann mir vorstellen, dass man in Osteuropa, wo bedeutende Regisseure aus politischen Gründen Probleme mit ihrer Arbeit haben, wichtige Künstler für die Volksbühne finden kann.

tip Noch im Juni vergangenen Jahres, im letzten Monat der Intendanz Castorfs, war die Volksbühne eine hochtourig arbeitende Produktionsmaschinerie. Kann man sie nach dem jetzigen Desaster wieder dazu machen?
Klaus Dörr Davon bin ich überzeugt. Hier arbeiten hervorragende Leute, anders wäre das Hochleistungstheater unter Castorf nicht möglich gewesen. Jetzt muss man das Haus wieder zu einem produzierenden, spielfähigen Theater machen.

tip Frank Castorf hat gesagt, dass die Volksbühne für ihn vorbei ist. Ist die große Geschichte des Theaters eher eine Last oder ein Kapital?
Klaus Dörr Vielleicht beides. Das Ziel kann sicher nicht sein, zu versuchen, die Castorf-Volksbühne zu reanimieren. Das würde nicht funktionieren. Man muss versuchen, etwas Neues zu entwickeln. Dafür braucht man Künstler, die an die Tradition der Volksbühne anknüpfen. Aber singuläre Künstler wie Frank Castorf oder Erwin Piscator kommen nicht jedes Jahr zur Welt. Ich kenne und bewundere die Arbeiten von René Pollesch und Frank Castorf seit über 20 Jahren, mit beiden habe ich Arbeitserfahrungen, sie haben am Staatstheater Stuttgart inszeniert.

tip Stimmt das Gerücht, dass die Gruppe, die die Volksbühnen-Besetzung organisiert hat, eine neue Aktion plant?
Klaus Dörr Angeblich ist für Mai eine weitere Besetzung geplant. Wir werden das nicht tolerieren.

tip Haben Sie eigentlich Angst vor der Riesenaufgabe, die jetzt vor Ihnen liegt?
Klaus Dörr Stimmt, das ist eine riesige Aufgabe. Ich kann nicht mehr machen, als zu arbeiten. Und nein, ich habe keine Angst.

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