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Regierender Bürgermeister A.d.

„Wer weiß!“ – Gespräch mit Klaus Wowereit zu seinem neuen Buch

Am 11. Dezember 2014 gab Klaus Wowereit sein Amt als Regierender Bürgermeister auf, jetzt zieht er in einem neuen Buch Bilanz. Ein Gespräch über Verantwortung im BER-Chaos, seine „durchlässige Schmerzgrenze“, die Folgen des Berliner Spardiktats – und Erkenntnisse bei einem Baccara-Konzert

FA Schaap

tip Herr Wowereit, Ihre Autobiografie „… und das ist auch gut so“ wurde 2007 als bundespolitische Ambition gedeutet. Jetzt ein ­neues Buch. Haben Sie noch was vor?
Klaus Wowereit Ich hoffe doch, dass ich im Leben noch was vorhabe. Vor allem eine glückliche Zeit. Das soll jetzt keine Bewerbung für irgendetwas sein.

tip Was machen Sie eigentlich gerade so?
Klaus Wowereit Ich habe tatsächlich keinen festen Job nach dem Job, sondern genieße meine Freiheit und mache nichts, was mich den ganzen Tag beschäftigen würde. Ich habe Freizeit.

tip Wie langweilig ist das Leben jetzt?
Klaus Wowereit Klar gibt’s keine spektakulären Ereignisse. Aber ich versuche relativ früh aufzustehen. Dann die normalen Dinge des Alltags. Einkaufen, kochen, auch Freunde bekochen. Ins Theater gehen. Alles Dinge, die ich früher auch gemacht habe. Aber immer unter Zeitdruck.

tip Googlen Sie manchmal Ihren Namen?
Klaus Wowereit Dafür habe ich sogar einen Alert eingestellt.

tip Wie viel kommt da so?
Klaus Wowereit Man wundert sich ja immer. Aber regelmäßig kommt was. Manchmal zwei-, dreimal am Tag.

tip Sie waren dreizehneinhalb Jahre lang Berlins Bürgermeister. Beim Tempo Berlins, schreiben Sie, kommt das fast einer Epoche gleich. Gibt’s eine Wowereit-Epoche?
Klaus Wowereit Zumindest eine Berlin-Epoche in der Zeit unter Wowereit. Berlin war 2001 in einer depressiven Phase, ein Grauschleier zog sich über die Stadt. Eine Käseglocke, wo man nicht nur schöne Gerüche hatte. Ich hoffe, ich habe dazu beigetragen, das zu durchlüften.

tip Was bleibt haften von der Wowereit-Epoche: Der mit „Schwul und das ist auch gut so“? Der mit „arm aber sexy“? Der mit dem roten Damenschuh und dem Schampus? Oder der mit ohne Flughafen?
Klaus Wowereit Die einzelnen Punkte gehören zu meiner Biografie. Aber insgesamt glaube ich, was ich von vielen gehört habe, gerade auch mit einer Sichtweise von außen: Mit dem Namen Wowereit ist verbunden, Berlin zu einer hippen Stadt gemacht, das Lebensgefühl dieser Stadt gut vertreten zu haben.

tip Steht auch so im Buch. Gehen Sie für Selbstzweifel in den Keller?
Klaus Wowereit Nee, aber man kann ja nur schreiben, was man selber empfindet. Das mögen andere anders betrachten.

tip Wie oft in der Zeit an Rücktritt gedacht?
Klaus Wowereit Nicht ein einziges Mal.

tip Auch nicht, als die BER-Eröffnung im Mai 2012 zwei Wochen vor der großen Sause abgesagt wurde?
Klaus Wowereit Da bin ich erstens Preuße und zweitens keiner, der die Flinte ins Korn wirft.

tip Und als der tip Sie in diesem Jahr 2012 zum „Peinlichsten Berliner“ wählte?
Klaus Wowereit Na ja, das ist eine Auswahl, da sage ich mal, die muss man hinnehmen.

tip Wie viele BER-Eingeladene haben sich persönlich bei Ihnen beschwert?
Klaus Wowereit Keiner. Das Thema Flughafen hat man eine Weile in meiner Gegenwart nicht mehr angesprochen. Das ist etwas, das ich zumindest noch mal anmerken wollte: Der Flughafen liegt in Brandenburg. Berlin und Brandenburg haben die gleichen Gesellschafteranteile. Der Bund hat maßgeblichen Anteil. Komischerweise ist dann hinterher immer nur einer Schuld.

tip Den Fokus auf den Aufsichtsratsvorsitzenden K.W. empfinden Sie als „ungerecht und auch nicht zutreffend“. Wo bleibt Ihre ­politische Verantwortung?
Klaus Wowereit Da kommst du gar nicht raus als Regierender Bürgermeister. Ich glaube, der Aufsichtsrat war nicht der unkritischste, den es gab. Auch meine Person ist dafür bekannt, dass ich da nicht unkritisch reingehe. Nur wenn wir immer wieder hören: Es gibt Schwierigkeiten, aber wir können sie lösen… Wir haben da nicht selber herumgeschraubt.

tip Gibt es eine Entscheidung, die Sie am BER heute anders machen würden?
Klaus Wowereit Man kann die Zeit ja nicht zurückdrehen.

tip Schon klar. Aber für die Zukunft lernen, vielleicht für den nächsten Flughafen.
Klaus Wowereit Ich finde nach wie vor, dass die Grundentscheidung für Schönefeld in Frage zu stellen ist. Die Berliner SPD-Leute waren die letzten, die für Sperenberg waren. Es war verquast von Anfang an.

tip In einem Clip der „heute-Show“ wollte Captain Picards Raumschiff Enterprise im Jahr 3745 auf dem BER landen. Da war der immer noch nicht fertig. Finden Sie so etwas lustig?
Klaus Wowereit Nee, das kann ich überhaupt nicht lustig finden. Bevor das Ding jetzt nicht fertig wird, ist dieses Projekt angreifbar von allen Seiten.

tip Wie unterschied sich der knuffige Bürgermeister Wowi vom Klaus Wowereit in internen Gremien?
Klaus Wowereit Wer mit mir verhandelt hat, weiß, das macht keinen unbedingten Spaß. Aber ich glaube schon, dass ich immer fair war.

tip Hatte Rainer Schwarz Angst vor Ihnen?
Klaus Wowereit Glaube ich nicht. Es wurde ja auch immer ­behauptet, wir hätten politische Eröffnungstermine gesetzt. So ein Quatsch. Auf der anderen Seite: Ein bisschen Druck auf dem Kessel muss auch sein.

tip Sie schreiben von Ihrer „durchlässigen Schmerzgrenze“. Was heißt das genau?
Klaus Wowereit Ich bin ja ein relativ abgeklärter Mensch. Deshalb erschüttert mich so schnell wenig. Aber wenn, dann eruptiv.

tip Jemals bedauert, jemanden zu Unrecht runtergemacht zu haben?
Klaus Wowereit Ja, bestimmt. Aber da würde ich jetzt keine Namen nennen. Aber manchmal trifft man zwar in dem Moment den Falschen, aber grundsätzlich den Richtigen. Und dann ist es auch wieder gut.

tip Sie beklagen im Buch Ihr Image in den ­Medien. Aber Party-Bürgermeister klingt schon geiler als Aktenfresser, oder?
Klaus Wowereit Es hat mir offensichtlich nicht geschadet, ich bin ja immer wieder gewählt worden. Aber es hat eine Zeit gegeben, da war Party-Bürgermeister diffamierend gedacht. Party war ja bei denjenigen dann jede Veranstaltung, wo ein Sektglas in der Nähe war.

tip Mal ehrlich: Welcher Aktenfresser schafft es in die überregionalen Medien?
Klaus Wowereit Es ist ja auch die Routinearbeit, die keinen interessiert. Aber beides gehört zusammen. Ich habe das ja bewusst für die Imagebildung Berlins eingesetzt. Wir hatten eine schwere wirtschaftliche Situation. Die Stärken dieser Stadt lagen im kreativen Bereich. Und wenn wir Berlin zur Modestadt, zur Musikstadt, zur Startup-Stadt machen wollten, gehört es dazu, dass der Regierende Bürgermeister da Präsenz zeigt.

tip Verlernt man dieses Wähler-Ankumpeln eigentlich, das Sie so gut konnten?
Klaus Wowereit Ich werde ja noch relativ häufig erkannt. Manche sagen: „Wir vermissen Sie.“ Das ist natürlich schön. Das Häufigste ist aber: „Sie sehen ja so entspannt aus.“ Da habe ich immer ­gedacht: Wie verspannt muss ich eigentlich vorher ausgesehen haben?

tip Kleiner Wowereit-Zitate-Check. Auf einer Skala von eins: grottig bis zehn: der Oberhammer. „Arm, aber sexy“?
Klaus Wowereit Bis heute: Oberhammer.

tip „Sparen bis es quietscht.“
Klaus Wowereit Fünf.

tip „Ich kann auch jeden verstehen, der sagt, dass er da seine Kinder nicht hinschickt.“ Das bezog sich damals auf Schulen mit hohem Migrantenanteil.
Klaus Wowereit Wie auch andere Zitate aus dem Zusammenhang genommen. Im Zusammenhang wirkt es anders. Also: auch fünf.

tip „Berlin ist nicht Haiti.“
Klaus Wowereit Das stimmt ja!

tip Glatte Zehn also? Das war während des Schneechaos 2010, als manche nach dem Technischen Hilfswerk riefen.
Klaus Wowereit Auch das war völlig aus dem Zusammenhang gerissen. Das Zitat stammt aus einer Diskussion mit einer Frau auf der Straße, die nachher auch einigermaßen zufrieden war. Aber da war halt eine Kamera dabei.

tip Einer, der für vielleicht sogar noch mehr memorable Zitate als Sie gut war, taucht in ihrem Buch überhaupt nicht auf: Ex-Finanzsenator Thilo Sarrazin.
Klaus Wowereit Nußbaum kommt auch nicht vor.

tip Aber mit Sarrazin haben Sie die GSW verkauft, die Anschlussförderung für den sozialen Wohnungsbau gekappt, den öffentlichen Dienst herunter gespart, bis es nicht mehr quietschte, sondern rostete.
Klaus Wowereit Damals hat man gesagt: Das ist alles Quatsch. Wozu sparst du 100.000 Euro da und dort – bei fast 60 Milliarden Euro Schulden? Macht doch alles keinen Sinn. Und trotzdem mussten wir fünf Milliarden Euro neue Kredite aufnehmen. Das war nicht so populär. Bei mir standen nicht die Eltern mit ihren Kindern vor der Tür: Du verschuldest jetzt die nächsten Generationen. Aber es war richtig. Heute kann die Nachfolge­regierung Geld ohne Ende ausgeben. Wir haben die Grundlagen gelegt.

tip Aber die Folgen sind teilweise dramatisch. Wer früher bei der GSW mietete, bibbert heute bei der Deutschen Wohnen, aus dem Kiez verdrängt zu werden. Bei der Polizei wurde jahrelang niemand eingestellt. Und so weiter.
Klaus Wowereit Als die GSW-Verkaufsentscheidung getroffen wurde, war die Kassenlage angespannt. Und wir hatten 150.000 leer stehende Wohnungen. Heute sage ich: Hätten wir gewusst, wie rasant sich die Bevölkerungszahlen entwickeln, hätten wir es nicht gemacht. Insofern war das aus heutiger Sicht die falsche Entscheidung, aus damaliger Sicht eine lang diskutierte, die man vertreten konnte.

tip Was vermissen Sie selbst an der Politik?
Wenn man sich entscheidet, aus der Politik auszuscheiden, sollte man für sich damit im Reinen sein. Klar, wenn Bundestagswahlkampf ist oder der SPD-Parteitag, denkt man auch: Was würdest du eigentlich machen? Aber ich sage immer, es ist wie bei Jauch: Zu Hause auf der Couch im Quiz weiß man mehr als auf dem Stuhl. Und alles besser zu wissen, davon haben wir genug Ex-Politiker. In die Rolle will ich nicht rein.

tip Der Glaubwürdigkeitsverlust der Politik ist dramatisch. Was hilft dagegen?
Klaus Wowereit Einfach immer zu sagen, Politik ist blöd und nicht am Wählerwillen orientiert, das ist falsch. Das wollte ich im Buch auch darstellen. Politik ist einer der härtesten Jobs, die es gibt. Ich kann es ja jetzt sagen. Hätte ich das als aktiver Politiker gesagt, hätte es wieder geheißen: Jammerei! Ich muss da mal eine Lanze brechen für alle, die jetzt kommen: Es wird wahrscheinlich nicht einfacher werden. Sondern komplexer. Die Probleme sind nicht leicht zu lösen, nicht so (schnippst mit dem Finger). In bestimmten Bereichen haben wir auch noch keine Antwort.

tip Zum Beispiel?
Klaus Wowereit Jeder redet über Digitalisierung. Aber was das bedeutet, wurde nicht definiert. Wie wird sich unser Leben verändern? Muss das Grundeinkommen automatisch kommen, weil es keine Arbeit mehr für Leute gibt? Wer da heute eine perfekte Antwort gibt, den betrachte ich mit Skepsis.

tip Sie waren der bekannteste Bürgermeister des Landes. Und außer Jamaika haben Sie so ziemlich alle Koalitionen durch. Hat es Sie gewurmt, dass da für Sie nicht bundespolitisch mehr draus geworden ist?
Klaus Wowereit Nö. Ich war ja stellvertretender Parteivorsitzender, hätte auch zum Parteivorsitz kandidieren können, als Gabriel damals gewählt wurde. Ich habe mich bewusst für Berlin entschieden.

tip Liegt das an der „stabilen Mobbingkultur“, die Sie einst der SPD attestierten?
Klaus Wowereit Ich bin ja jemand, der sich wehren kann. Aber ich werde das mit Beck nie vergessen, da draußen damals am Schwielowsee.

tip 2008 wurde Kurt Beck auf einer Klausur­tagung vom Duo Müntefering/Steinmeier vom Parteivorsitz verdrängt.
Klaus Wowereit Das hat mir im Herzen wehgetan.

tip Immerhin bringen Sie, ähnlich wie seinerzeit Gerhard Schröder, eine sozialdemokratische Aufsteiger-Story mit. Prekäre Verhältnisse, ohne Vater aufgewachsen.
Klaus Wowereit Diese Story hat mein Leben geprägt, war aber für mich nicht der Punkt, womit ich mich definieren oder für mein öffentliches Leben nutzen wollte.

tip Und Sie haben keine Wahl verloren. Welcher SPD-Kanzlerkandidat konnte das zuletzt vorweisen? Da schien es eher so, dass man gerade keine Wahl gewonnen haben sollte, um gegen Merkel zu kandidieren.
Den Eindruck konnte man manchmal haben.

tip Ist politische Wehmut eine Option?
Klaus Wowereit Wenn man älter wird, hat man öfter den Eindruck, früher war alles besser. Aber wenn dieser Zustand da ist, dann sollte man spätestens aufhören. Aber Wehmut? Wenn man hört, dass die Bundes-SPD in aktuellen Umfragen bei 17 Prozent liegt und man immer gedacht hat, es könne nicht noch tiefer gehen – das tut einem schon weh.

tip Die Berliner SPD steht nicht wesentlich besser da. Juckt es Sie da gar nicht?
Klaus Wowereit Die Zeit ist vorbei. Jetzt müssen die, die dran sind, sehen, dass sie die Konsequenzen ziehen. Da hilft ja nichts. Schon gar nicht gute Ratschläge von draußen. Das sind meist Schläge.

tip Sie werden im Oktober 65. Heynckes hat mit 71 noch mal die Bayern übernommen.
Klaus Wowereit Ja, ja! Und Baccara habe ich neulich auch auf der Bühne im Theater des Westens gesehen.

tip Das spanische Disco-Duo aus den 70ern? Die müssten jetzt in Ihrem Alter sein.
Klaus Wowereit Danach habe ich schon einigen angedroht: „Wer weiß!“

tip Jupp Heynckes war schon im Ruhestand.
Klaus Wowereit Ja, eben! Also das ist jetzt nicht meine Planung. Aber man sieht ja, was alles im Leben passieren kann.

Sexy, aber nicht mehr so arm: Mein Berlin von Klaus Wowereit, Edel, 240 S., 19,95 €, (ab 4.5.)

Buchvorstellung: Dussmann, Mo 7.5., 19 Uhr, Eintritt frei

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