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Volksbühne

Gespräch mit René Pollesch, der die Intendanz der Volksbühne übernehmen wird

„Ich bin kein trojanisches Pferd“ – René Pollesch, der designierte Intendant der Volksbühne, über Paten, Restauration, politische Korrektheit und autonome Künstler

René Pollesch, Foto: imago images/ snapshot-photography/ F.Boillot

René Pollesch sitzt bestens gelaunt im Prater-Biergarten am Prenzlauer Berg. So grundentspannt, angstfrei und optimistisch dürfte selten ein Berliner Intendant gestartet sein – erst recht nicht an einem so riskanten Haus wie der Volksbühne, die Pollesch in der Castorf-Ära als Regisseur mitgeprägt hat. Der bekennende Anti-Sexist spricht konsequent von Schauspieler-Innen und Regisseur-Innen, um klar zu machen, dass immer Männer und Frauen gemeint sind.

tip Herr Pollesch, kehrt mit Ihrer Intendanz der alte „Volksbühnengeruch“ zurück, wie eine Lokalzeitung geschrieben hat? Ist Ihre Berufung eine „restaurative Entscheidung“, wie es in anderen Medien hieß?
René Pollesch Natürlich nicht. Ich habe bei der Pressekonferenz gesagt, ich bin kein trojanisches Pferd, das die alte Volksbühne wieder einschleusen will. Und das meinen wir auch so. Ich habe mich mein Leben lang nie um einen Job beworben, ich bin eigentlich immer gefragt worden. Die Bewerbung um die Intendanz der Volksbühne war tatsächlich die erste Bewerbung meines Lebens.

tip Sie sagten vor einigen Jahren in einem Interview, dass Sie bei Regisseuren, die Intendanten werden, beobachten, dass sie sich menschlich auf eine unangenehme Weise verändern. Wie sieht das aus?
René Pollesch Ich habe mal einen Regisseur erlebt, der ein sehr gutes Verhältnis zu seinen Schauspielern hatte, die SchauspielerInnen liebten es, mit ihm zu arbeiten. Er wurde Intendant, man stand immer noch im Innenhof des Theaters zusammen, aber er hatte jetzt eine andere Position. Er versuchte, sich so zu verhalten wie früher, aber er bekam ein anderes Echo. Die SchauspielerInnen waren vorsichtiger. Es war durch seine Funktion eine andere ­Beziehung.

tip Auch Sie haben jetzt eine andere Funktion. Sie entscheiden, welche Schauspieler zu welchen Konditionen engagiert und wessen Verträge nicht verlängert werden. Sie entscheiden, welche Regisseure mit welchem Budget welche Stücke inszenieren. Bemerken Sie an sich schon unangenehme Veränderungen?
René Pollesch Ich bin zu authentisch für unangenehme Veränderungen. Ich tappe nicht in Bedeutungsfallen. Als ich an der Volksbühne anfing, habe ich mich auch nicht für das gehalten, was ich danach über mich gelesen habe. Zuerst mal habe ich die SchauspielerInnen gefragt, was sie davon halten, dass ich mich um diese Intendanz bewerbe. Meine Bewerbung war keine einsame Entscheidung. Ich hätte das nicht gemacht, wenn sie dagegen gewesen wären. Das waren SchauspielerInnen, mit denen ich seit vielen Jahren arbeite, Sophie Rois, Kathrin Angerer, Martin Wuttke, Christine Groß, Franz Beil. Es bedeutet nicht Restauration, wenn ich wieder mit Sophie oder Christine oder Martin arbeite. Leute, die das restaurativ finden, lehnen eh ab, was ich mache. Eine Kritikerin hat 2001, nach unserer dritten Produktion im Volksbühnen-Prater geschrieben, das sei ja immer dasselbe, wir sollten uns mal was Neues ausdenken. Damals hatten wir gerade erst angefangen. Die Themen der Stücke waren immer andere, das hat sie nicht gesehen. Der Schauspieler Fabian Hinrichs hat mir gestern gemailt, „wenn Leute sagen, ich sei restaurativ und sie wollen etwas neues, klingt das, als wollen sie ein neues Zalando-Paket. Aber das neue Zalando-Paket ist auch keine Heimat. Es klingt, als wollen sie immer einen weiteren braunen Amazon-Karton geliefert bekommen, den sie dann auch schnell zurückschicken können. Und dann heulen sie über die Kälte des ­Kapitalismus.“

tip Sie haben die alten Volksbühnen-Heroen Castorf, Marthaler, Fritsch nicht eingeladen, wieder dort zu arbeiten. Wie suchen Sie die künftigen Volksbühnen-Regisseure?
René Pollesch Zusammen mit den SchauspielerInnen, nicht alleine. Wir sehen viele Aufführungen und treffen uns mit RegisseurInnen. Deshalb stimmt es nicht, wenn Sie sagen, dass ich jetzt alleine entscheide, welche RegisseurInnen an die Volksbühne kommen. Es geht bei der Suche nach RegisseurInnen darum, ob man zusammen eine Arbeitsweise entwickeln kann, in der jeder autonom seiner Kunst nachgehen kann, und die eigene Autonomie, vor allem als RegisseurIn, nicht hermetisch denkt.
Wir werden dieses Theater gemeinsam machen. Es geht nicht, dass SchauspielerInnen mit RegisseurInnen arbeiten, weil ein Intendant das will, oder eine Dramaturgen-Etage. Dass ich bei der Pressekonferenz allein da saß, haben wir zusammen entschieden. Andere Theater machen am Anfang einer Intendanz ein rituelles Gruppenfoto, das Gruppenbild mit Dame. Das ist eine Marketingmaßnahme, die Kollektivität simuliert, aber am Ende entscheidet alles Wichtige die Intendanz. Wir machen es umgekehrt.

tip Die taz nennt Ihre Berufung den Versuch einer „Fortsetzung des Blockbusters“, das Sequel: Auf Volksbühne 1 folgt Volksbühne 2. Können Sie damit etwas anfangen?
René Pollesch Also wie bei „Avengers“? Ich habe nichts gegen Kassenschlager, ich mache kein Theater für zehn Leute. Unsere Produktion „Cry Baby“ am Deutschen Theater war in dieser Spielzeit 28-mal ausverkauft, mit jeweils 600 Zuschauern. Das freut mich ungeheuer. Ich weiß, dass Vegard Vinge und Ida Müller, die bei uns arbeiten werden, ein großes Publikum in dieser Stadt haben. Aber die alte Volksbühne war ja vielleicht mehr als ein Kassenschlager. Ich mochte, dass sie für viele Leute ein Orientierungsraum, ein Raum der politischen Auseinandersetzung war. Ein die unterschiedlichen Kräfte der Stadt zentral bündelnder Ort. Es ist nicht restaurativ, das jetzt wieder zu installieren. Ich finde es restaurativ, das nicht zu versuchen und im Theater nur Kunst und nur tönendes Ideentheater machen zu wollen. Die Kollektive, die die Volksbühne zu Beginn der Dercon-Intendanz besetzt haben, haben genau diesen Ort vermisst, an dem bestimmte politische Themen verhandelt werden. Diese Forderung der BesetzerInnen finde ich absolut legitim. Interessant ist zum Beispiel ihre Idee eines „Parlaments der Wohnungslosen“. Natürlich habe ich sie getroffen und bin mit ihnen im Gespräch.

tip Noch etwas mediales Pollesch-Bashing anlässlich Ihrer Berufung: Sie werden beschrieben als „der Pate“, als „Silberrücken“, als „älterer westdeutscher Mann mit viel Vergangenheit“, der nicht für ein „jüngeres, vielfarbigeres, weiblicheres Theater“ stehe. Woher rührt diese Aggression?
René Pollesch Das ist lustig. „Pate“, was soll das bedeuten? Kriminelle Energie? Das ist doch gut, nur zu. Silberrücken zielt auf weiß, männlich, patriarchalisch. Heterosexuell, was ich nicht bin, wird weggelassen, weil das wahrscheinlich Heteros und Heteras geschrieben haben. Ich habe einen anderen Blick auf Heteronormativität. Es ist völlig okay, wenn man statt älterer weißer Männer lieber junge, nicht unbedingt weiße Frauen auf solchen Posten will, in einer Intendanz oder in der Chefredaktion einer Zeitung. Ich bin absolut für politische Korrektheit und für die Frauenquote, auch bei Machtpositionen im Theater. Wir benutzen es aber nicht als Marketingtool, das ist alles. Ich werde immer leicht trotzig wenn es auch nur annähernd so aussieht, als wollte ich alles richtig machen. Ich bin kein Trittbrettfahrer.

tip Aber ein alter, weißer Mann.
René Pollesch Neulich hat mich eine Theaterkritikerin, Christine Wahl, als feministischen Regisseur bezeichnet. Ich würde mich nie selbst so nennen, das wäre anmaßend. Aber dass sie das so sieht, und sich erinnert hat an unsere Anfänge, hat mich gefreut. „Mann mit Vergangenheit“? Ja, ich habe eine bestimmte Arbeitspraxis entwickelt. Und ich glaube, dass es an der Zeit ist, dass diese Arbeitspraxis ein Haus bekommt.

tip Das glaubt wahrscheinlich jeder Regisseur, der ein Theater übernehmen will. Was unterscheidet Ihre Arbeitsweise von der anderer Regisseure?
René Pollesch Ich habe mal gesagt, ich bin als Autor der Dienstleister von Sophie Rois. Und nicht umgekehrt, wie es alle anderen handhaben. Ich treffe auf einer Probe keine Entscheidungen unabhängig von allen anderen im Raum. Wenn sich SchauspielerInnen für etwas, was ich geschrieben habe, nicht interessieren, fliegt nicht der Schauspieler raus, sondern mein Text. So kann man einigermaßen stressfrei und lässig arbeiten, es macht mehr Spaß und man kommt zu geileren Ergebnissen. Kollektiv bedeutet nicht Mittelmaß und fauler Kompromiss. Ein Kollektiv von lauter Nullen bleibt immer Null. Aber ein Kollektiv starker Künstlerpersönlichkeiten, die ihre Autonomie nicht hermetisch denken, ist etwas anderes als Theater, das Service am Publikumskunden bieten will. An der Volksbühne spielten die SchauspielerInnen nie, um dem Publikum irgendwas zu vermitteln. Wenn man dauernd die Zuschauer befriedigen will, ist man verloren. Das neutralisiert sich gegenseitig, dieses Dienstleistungstheater erzielt keine Wirkung. Wir machen etwas anderes. Das ist eben genau keine Restauration, sondern eine Errungenschaft.

tip Was haben Sie dagegen, dem Publikum zu gefallen?
René Pollesch Man muss schneller sein und etwas Unerwartetes machen. Statt gesellschaftliche Zustände nachzuahmen, muss man etwas anderes entwerfen. Wenn alle über Gentrifizierung reden, müssen wir nicht wie Thementrittbrettfahrer ein Stück darüber machen. Es war viel interessanter, 2001 im Volksbühnen-Prater „Stadt als Beute“ zu machen, Stücke nach gentrifizierungskritischen Sachbüchern, als sich nicht so viele Leute dafür interessiert haben.

tip Was ist das Schlimmste, was in den ersten beiden Jahren Ihrer Intendanz geschehen könnte?
René Pollesch Es kann nichts Schlimmes passieren. Wir glauben fest daran, dass wir unsere Arbeitspraxis auf die Volksbühne als ganzes Haus übertragen können. Sonst würden wir das nicht machen.

tip Aber es ist ein kleiner Unterschied, ob Sie für sechs Wochen proben mit einer kleinen Gruppe von Schauspielern oder über fünf Jahre für eines der größten Theater des Landes verantwortlich sind. Das kann konfliktträchtig werden.
René Pollesch Hoffentlich. Es wird spannende Situationen geben. Wir reden miteinander. Es geht darum, starke Gegenüber zu haben. Aber das heißt eben, eine künstlerische Autonomie und keine hermetische, künstlerische Attitude. Eher im Gegenteil.

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