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Schubert-Inszenierung

„Get Lost in November“ im Studio R

Transitmenschen: Im Stück „Get Lost in November“ lässt man fünf einsame Wanderer auf Identitätssuche
durch Berlin streifen – zu den Liedern von Schuberts Winterreise. Wie kann das funktionieren?

Foto: Ute Langkafel / MAIFOTO

Auf der Bühne hebt Franz zum Solo an: „Fremd bin ich eingezogen, fremd zieh ich wieder aus.“ Klassikertext, Klassikerlied. Franz ist eine Frau, ihr Mezzosopran klar, doch ihr suchender Blick mag nicht zur festen Stimme passen. Dann: Abbruch. So ginge das nicht, sagt Franz, dargestellt von der Schauspielerin und Musikerin ­Elmira Bahrami. Und sie hat vermutlich Recht, wenn sie einwendet: Das kennen doch schon alle. Noch bevor die Winterreise im Studio R begonnen hat, zweifelt ihre Protagonistin ihre Relevanz an.

Franz Schuberts Winterreise, ein aus 24 Stücken bestehender Liederzyklus, ist ein Klassiker der Deutschen Romantik. Das Nonplusultra der hiesigen Liedkunst. Im Jahr 1827, wenige Monate vor seinem Tod, verwob Schubert die Gedichte des Lyrikers Wilhelm Müller zu einem Epos über die Einsamkeit: Nach einem Schicksalsschlag zieht Müllers Wanderer rastlos durch die Lande, trifft Weggefährten und verliert ihre Spur. Bis heute lassen sich die Erlebnisse des Getriebenen vielfältig deuten: als Chiffre für Entfremdung, Weltschmerz, Anderssein.

Im Studio R, der Off-Bühne des Maxim Gorki Theaters, begeben sich im Stück „Get Lost in November“ nun fünf Personen auf die Reise, die kein Ziel kennt. Die ­Isolation macht sie zu Komplizen: Ob Mann oder Frau – auf der mit fernsehergroßen, weißen Kuben bestückten Bühne heißen alle Franz. Auch sie sind unterwegs, doch statt durch die Schauerwälder des 19. Jahrhunderts ziehen sie durch Berlin – der Stadt der Suchenden, der Transitmenschen, wie Necati Öziri sagt, der Dramaturg des Stückes und Leiter des Studio R.
Die Inszenierung ist eine Ausnahme­erscheinung im Repertoire der Bühne. „Uns ist daran gelegen, neue Perspektiven zu ­zeigen. Aber die müssen erst noch aufgeschrieben werden”, sagt Oziri. Keine Klassiker findet man im Programm, dafür viele Uraufführungen, Experimentelles und ­Queeres. Und nun eben auch: den 200 Jahre alten Liedzyklus eines lange verstorbenen weißen Mannes. Warum eigentlich?

Fast anderthalb Jahre vergingen von der ersten Idee bis zur Uraufführung des Stücks. Die Performer seien damals mit der Idee, die Winterreise neu zu interpretieren, auf Öziri zugekommen. Man kannte sich bereits aus dem Ensemble des Ballhaus Naunystraße. Es war das Frühjahr, bevor sich tausende Geflüchtete vom Budapester Bahnhof auf nach Deutschland machten; das Frühjahr vor der Lageso-Krise und „Wir schaffen das“. Im Jahr der Migration entstand die moderne Winterreise.
Wie hat es sich angefühlt, einen Klassiker zu dekonstruieren? „Gut“, sagt Öziri. „Allerdings erweisen wir dem Text ja auch einen Dienst, indem wir seine aktuelle Relevanz zeigen. So bewahren wir den Stoff vor konservativem Historismus.“

Öziris Reisende sind Menschen, die man in Deutschland nirgendwo ankommen lässt. Da ist Elmira Bahrami, die von der Heimatsuche eines alten Taxifahrers aus dem Iran erzählt. Da ist der Videokünstler Guillaume Cailleau, der als stummer Pierrot nur durch seine Bilder zu sprechen vermag. Und da ist der Schauspieler und Sänger Hasan Taşgın als junger Berliner, der von einer rassistischen Nachbarin geschasst wird. „Die Figur, die ­Hasan Taşgın spielt, ist auch ein Wanderer, ein Getriebener. Sie zeigt, wie man auch in Berlin ewig fremd bleiben kann, obwohl man hier geboren wurde“, sagt Öziri.

Vor allem Taşgın eignet sich Schuberts Stücke grandios an. Mit seinem arabesken ­Gesangsstil setzt er der Erwartungshaltung des Publikums leuchtendes Selbstbewusstsein entgegen. Und das ist entscheidend –  denn Taşgıns Figur, sagt Öziri, stamme aus einem Milieu, dem man nicht zutraut, sich mit der „Winterreise” zu befassen.

Doch die Modernisierungsmission birgt auch Risiken. Wer sich mit Volksliedgut auf eine postnationale, mit DJ-Equipment und Videoinstallation ausstaffierte Bühne wagt, läuft Gefahr, wie ein überambitionierter, ­etwas hilfloser Deutschlehrer zu wirken, der seine Schüler Faust-Passagen zu Raptexten umformen lässt. Damit sich endlich mal ­jemand für den alten Kram interessiert.

Tatsächlich ächzt „Get Lost in November“ streckenweise unter der Überfrachtung mit Popkultur. Die unvermeidliche Hip-Hop-Einlage kommt tatsächlich, der DJ darf ein bisschen herumscratchen. Warum, erschließt sich zumindest aus musikalischer Sicht nicht wirklich. So viel Street Credibility mit dem Holzhammer, so viel zur Schau gestellte Aktualität hätte die Inszenierung nicht ­gebraucht.
Man kann diese Genre-Revue als Versuch des Ensembles lesen, dem Volksliedgut alles, wirklich alles Volkstümelnde auszutreiben. Dabei hätte es gereicht, auf die Intensität ­jener Szenen zu vertrauen, in denen sich die Balladen aus dem 19. Jahrhundert erstaunlich gut in die Geschichten der modernen Suchenden fügen. Dann nämlich wird ersichtlich, dass Weltschmerz ein universelles Gefühl ist. Und die Sehnsucht nach Heimat nicht an einen Ort gebunden.

Studio R Hinter dem Gießhaus 2, Mitte, Do 8.12. + Fr 9.12., 20.30 Uhr, Eintritt 10, erm. 5 €

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