• Kultur
  • „Gift“ im Deutschen Theater

Kultur

„Gift“ im Deutschen Theater

Gift_c_ArnoDeclairEin Mann, eine Frau, ein tristes Wartezimmer auf einem Friedhof. Seit zehn Jahren haben sie einander nicht gesehen, seit zehn Jahren versuchen beide, über ihre Lebenskatastrophe hinwegzukommen, den Unfalltod ihres Kindes. Jetzt sind sie hier, weil ein Teil des Friedhofs angeblich geschlossen und ihr totes Kind umgebettet werden soll. Erst haben sie ihren Sohn verloren, dann jeder sich selbst, dann einander, so fasst der Mann ihr Schicksal einmal knapp und nüchtern zusammen. Vor langer Zeit konnte er das alles nicht mehr ertragen, am letzten Tag des letzten Jahrhunderts, am 31. Dezember 1999, ein paar Stunden vor Mitternacht, ist er einfach gegangen. Er ist in sein Auto gestiegen und weggefahren, um dieses Leben und diese Frau und das gemeinsame Unglück für immer hinter sich zu lassen.

Kein Wunder, dass sie beide bei dieser ersten Begegnung nach einer Ewigkeit der Trennung nervös sind. Der Mann rettet sich in hilflose Übersprungshandlungen, isst Schokolade, holt sich aus dem Automaten einen Kaffee („gar nicht so schlecht“), versucht es mit freundlicher Konversation und vorsichtigen Gesten der Annäherung. Die Frau ist dünnhäutiger, fahriger, gereizt. Immer wieder kann sie ihr Gesicht nur mühsam kontrollieren. Ab und zu strahlt sie den Mann, den sie einmal geliebt hat und vielleicht, zumindest für einen Moment, immer noch liebt, glücklich, ungeschützt, freudig an. Aber das sind nur kurze Augenblicke, die sie abrupt abschneidet, wenn sie harsch und aggressiv wieder alle Schotten dichtmacht, als wollte sie sich vor Gefühlsrisiken nur noch panisch und wütend mit einem Panzer aus Härte und Enttäuschung und Hass schützen. Immer wieder hat man Angst, dass die dünne Schicht ihrer Selbstkontrolle zerbricht, dass ihr die Versuche, die Fassung zu bewahren, entgleiten und dass ihr etwas zu hysterisches Lachen in den puren Schrecken, die Ausweglosigkeit der Depression kippt.

Wie Dagmar Manzel, die für die Rolle ans Deutsche Theater zurückgekehrt ist, diese Studie einer Depressiven spielt, ist atemberaubend und auf nüchterne Weise berührend. Genau, unsentimental, völlig frei von Larmoyanzschmierstoffen ist Manzels Spiel. Fast leuchtend in ihrer Klarheit zeigt sie diese Frau, die sich über die Katastrophen ihres Lebens nichts vormacht, die weiß, dass sie daran zerbricht, die sich selbst einigermaßen unbarmherzig beobachtet. Und die gleichzeitig immer wieder nach einer Lebensmöglichkeit sucht und jeden kurzen Moment von Freude gierig aufsaugt. Natürlich kann man sie in ihrer offensiv schlechten Laune sehr gut verstehen, wenn sie ihrer Misanthropie freien Lauf lässt: „Ich hasse Glück, ich hasse glückliche Menschen, die sehen immer so aus, als …“, dazu verzieht sie ihr Gesicht sehr angewidert und spöttisch.

Gift_c_ArnoDeclairManzel schafft es, diesen Lebensekel strahlend, mit kalter Grazie und Leichtigkeit, fast schon mit Komik und Grandezza, zu spielen, ohne ihn dadurch irgendwie zu denunzieren oder gar mit Ironie zu verkleistern, im Gegenteil. Gerade weil sie immer so klar und nüchtern bleibt und in keiner Millisekunde auch nur in die Nähe der Gefahr gerät, sich einzukitschen, schaut man ihr so fasziniert zu, gleichzeitig beglückt von ihrem Spiel und bewegt vom Schmerz und den seelischen Kämpfen ihrer Figur. Nach all den schönen Ausflügen, die Dagmar Manzel an Barrie Koskys Komische Oper gemacht hat, wünscht man sich an diesem Abend sehr, dass diese hinreißende Schauspielerin wieder ihre Lust am Schauspiel entdeckt.

Ulrich Matthes spielt den Mann, das macht er natürlich gewohnt fein und in den Registern zwischen leichtem Spott, zartem Aufflackern der alten Liebe, kurzen Wutausbruchsmomenten und tiefer, hilfloser Trauer leicht und präzise und selbstverständlich in schönster Matthes-Kunst unverschwitzt wechselnd. Aber seine Rolle ist etwas unergiebiger als die seiner Partnerin, schon weil sein Mann ein Pragmatiker ist, der sich, nur zu verständlich, aber theatralisch weniger reizvoll, nach der Katastrophe in ein neues, vielleicht sogar halbwegs glückliches Leben retten konnte. Dass er auch noch einer dieser mittelalten Journalisten ist, die auf einmal den Literaten in sich entdecken, und dass er den Tod seines Kindes unbedingt in Prosa verwerten will, macht ihn nicht unbedingt sympathischer, aber leider auch nicht interessanter.

Weiterlesen: Philipp Stölzl über Placido Domingo, Madonna, Rammstein, Richard Wagner und seine Verdi-Inszenierung an der Staatsoper

Faszinierend ist Matthes’ Spiel immer, wenn es zwischen vorsichtiger Zuwendung, kurzen Momenten des Schuldgefühls und innerem Rückzug kippt. Die Versuchsanordnung im Wellmade-Beziehungs-Play „Gift“ der niederländischen Autorin Lot Vekemans ist so simpel wie wirkungsvoll. Diese Muster der verkrampften Annäherungsversuche, die nie lange tragen, und der überreizten, allergischen Reaktionen auf alles, was an die alten Verletzungen erinnert, die Wiederholungsschleifen, in denen die gegenseitige Enttäuschung immer wieder durchgespielt wird – das ist seit Albees „Who is afraid of Virginia Woolf“ die bewährte Dramaturgie für Beziehungskrisengebiets-Theater. Der Filmregisseur Christian Schwochow hat das metiersicher und klischeefrei inszeniert, und er war klug genug, in das Stück nicht mehr Kunst und Bedeutung hineinlegen zu wollen, als drin ist. Ein großer Abend wird das bei der Lektüre etwas dünne Stück durch die große Schauspielkunst von Dagmar Manzel und Ulrich Matthes.

Text: Peter Laudenbach

Foto: Arno Declair

tip-Bewertung: Sehenswert

Gift Deutsches Theater, Mi 4.12., 20 Uhr, So 22., Sa 28.12., 19.30 Uhr, Karten-Tel. 28 44 12 21

Mehr über Cookies erfahren