Kultur

Grüne Infrastruktur

Ingo Kowarik

Berlin im Sommer 2030: Eine grüne Stadt, wo man in der Spree badet? Könnte so kommen, meint Ingo Kowarik, muss aber nicht. Die Weichen dafür würden jetzt gestellt.
Denn: Das Klima 2030 wird anders sein als heute. „Wir wissen nicht genau, wie es im Detail aussehen wird“, sagt der Professor am ­Institut für Ökologie der TU Berlin, der seit 2001 Berlins Landesbeauftragter für Naturschutz und Landschaftsplanung ist. „Abzusehen ist aber, dass die extremen Wetter­phänomene zunehmen werden.“
Einerseits werde es an manchen Tagen sintflutartige Regenfälle geben, andererseits lange Trocken- und Hitzeperioden jenseits der 35-Grad-Marke. „Das macht vor allem alten Menschen zu schaffen, aber auch der Natur“, so Kowarik. Er setzt auf „grüne Infra­struktur“. Das ist ein System aus bestehenden Wäldern, Gärten und Parks, zu dem auch Natur­elemente an Straßen und auf Bauflächen gehören. „Um die Lebensqualität in ­Berlin zu halten, muss die gesamte grüne Infrastruktur gestärkt werden“, so ­Kowarik. Sein Fachgebiet: Ökosystemkunde und Pflanzen­ökologie. „Grüne Flächen sollten besser über die ganze Stadt verteilt sein.“
Berlin erfährt derzeit eine Stadtverdichtung, immer mehr Brachen werden zugunsten von Wohnungen verbaut. Parks und Straßenbäume sind zwar unverzichtbar, aber Naturfunktionen sollten überall gefördert werden – also auch auf Dächern und an Straßenrändern. „Das erfordert Zusammenarbeit auf vielen Ebenen“, so der Forscher. Allerdings: „Die Bezirke brauchen dafür Geld, das ist klar.“
Denn die grüne Infrastruktur wird wegen des Klimawandels immer wichtiger. Dabei geht es nicht nur um Masse, sondern auch um Klasse. Damit das Grün anpassungsfähig bleibt, ist biologische Vielfalt wichtig. Wie auch immer der Klimawandel ausfällt: Möglichst vielfältige Artenbestände in Gärten, Parks und auch im Straßenbaumbestand bieten die Gewähr, dass in allen denkbaren Szenarien auch immer anpassungsfähige Arten dabei sind – und nicht alle zugleich ausfallen, wenn sich die klimatischen Belastungen verstärken.
Man sollte also nicht nur Linden pflanzen sondern auch neue Straßenbaum­arten wie die Purpur-Erle ausprobieren. Bei Monokulturen besteht die Gefahr, dass beispielsweise nach langen Dürreperioden alle Bäume derselben Art eingehen – dann wäre das grüne Berlin auf einen Schlag ganz schön grau.
Aber nicht nur für das Stadtgrün gilt bei den Themen Klimawandel und Umweltschutz: Es besteht erheblicher Handlungsbedarf. Bis 2050, schätzen die Vereinten Nationen, werden drei Viertel der Menschheit in Städten wohnen. Städte sind gierig, fressen 75 Prozent der Ressourcen, hinterlassen Massen von Müll und Abwasser, verursachen 80 Prozent aller Kohlendioxid-Emissionen. Umdenken tut not, wenn eine zukunftsfähige Gesellschaft gelingen soll.
Neue Technologien werden bei diesem Umdenken eine große Rolle spielen. Forscher der Columbia University haben beispiels­weise Systeme entwickelt, mit denen Gemüse und Obst direkt in der Stadt produziert werden kann – mit speziellen Beleuchtungs- und Bewässerungs­anlagen und vor allem in der platzsparenden Vertikalen, als grüne Hochhausfassade. Dadurch würde der energiefressende und umweltschädliche Transport der Lebensmittel wegfallen.
Das Fraunhofer-Institut für Bauphysik hat ein Haus mitentwickelt, das mehr Energie produziert, als es benötigt. Als Energieproduzent und mit der Nutzung der Überschussenergie für die Mobilität bildet es somit eine wesentliche Schnittstelle zum Energie- und Mobilitätssektor. „Das Effizienzhaus-Plus ist sicher der ­Ferrari unter den Häusern„, sagt Eckhart Hertzsch, Leiter der Geschäftsstelle Nationale Plattform Zukunftsstadt des Fraunhofer-Instituts für Bauphysik. „Damit wollen wir zeigen, was technisch möglich ist.“
Und was ist nun mit dem Traum, mal in der Spree zu baden? „Das wird bis 2030 nicht einfacher“, sagt der TU-Wissenschaftler Ingo ­Kowarik. Die Initiative, die den Spree-Abschnitt an der Museumsinsel zu Badewasser filtern will, findet der Ökologe sympathisch. Er mahnt aber: „Wenn innerhalb kurzer Zeit sintflutartige Niederschläge auf die Hauptstadt hineinprasseln, dann wird Schmutzwasser aus der Kanalisation auch in den Fluss gedrückt. Davon wird die Spree zusätzlich gereinigt werden müssen.“
Auch hierbei kann die Natur helfen. Am Institut für Ökologie wird beispielsweise an der „grünen Leber“ geforscht. Das sind Konstruktionen mit speziell ausgewählten Wasserpflanzen, die schwimmend oder am Ufer Schadstoffe aus dem Wasser filtern.“

Text: Michael Metzger

Mitarbeit: Sascha Karberg

Foto: David von Becker

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