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„Habe ich das richtige Leben gelebt?“ – Maria Furtwängler im Gespräch

Die Schauspielerin Maria Furtwängler über ihre Rolle in „Alles muss glänzen“ und über anachronistische Frauenbilder

Foto: Marcel Weisheit

tip Frau Furtwängler, vor vier Jahren haben Sie Ihr Theaterdebüt mit der Santinis-Produktion „Rumors“ gegeben, jetzt spielen Sie bei „Alles muss glänzen“ zum zweiten Mal Theater, wieder bei den Santinis, wieder im Theater am Kurfürstendamm. Wie kommt’s?
Maria Furtwängler Ivan Vrgoc, der Santinis-Produzent, konnte mich mit der Rolle dieser Rebecca überreden, die da am Rand der Apokalypse versucht, irgendwie Ordnung zu halten. Als ich den Regisseur llan Ronen getroffen habe, sagte er, das sei eine „tour de force for an actress.“ Ich dachte, er übertreibt, jetzt merke ich bei den Proben wie Recht er hatte; es ist wahnsinnig fordernd, aber auch sehr spannend.

tipWas macht die Rolle so spannend?
Maria Furtwängler Diese Frau erlebt vom ersten Moment an eine emotionale Achterbahnfahrt, zwischen unglaublichen Euphorien und Abstürzen. Freunde erschießen sich, der Sohn wird leicht irre, sie hat permanente Sehnsucht nach dem Mann. Während vor dem Fenster der Weltuntergang und die Sintflut stattfinden, versucht sie, in ihrer Küche alles schön zu ordnen. In einer Welt, die grade zusammenbricht, will sie leicht manisch die Fassade aufrecht halten. Ihre Haltung ist: Egal, was draußen geschieht, ich kann nur versuchen, mit Anstand weiter zu machen, meine kleine Welt in Ordnung zu halten und zu leben, als müssten wir nicht sterben. In gewisser  Weise tun wir das ja alle dauernd. Man weiß, welche bedrohlichen Dinge geschehen, vom Klimawandel bis zur aktuellen amerikanischen Politik, aber letztlich leben wir doch jeden Tag so weiter, als könnte uns nichts passieren. Gleichzeitig ist diese Rebecca eine sehr menschliche, warmherzige Figur. Es ist ein andauernder Prozess für mich, diese Frau ganz in mich aufzunehmen. Ich hoffe, dass ich mich irgendwann gleichsam in einen  Bob setzen und da durchsausen werde, dass sich die Figur nach all den Vorbereitungen wie von selbst spielt  und ihre Emotionalität freien Lauf bekommt.

tip Was hat es mit der Sintflut vor dem Küchenfenster auf sich? Liegt es am Klimanwandel oder sind das biblische Strafen für unsere Sünden?
Maria Furtwängler Das kann jeder für sich entscheiden, finde ich. Es ist auf jeden Fall ein kraftvolles Bild. Man könnte das Ganze ja sehr absurd und überdreht spielen. Das will der Regisseur Ilan Ronen nicht, bei uns wird das realistischer. Die Absurdität des Stücks ist groß genug, das muss man nicht noch szenisch verdoppeln. Wir spielen in der Komödie am Kurfürstendamm, aber das ist sicher kein Boulevardstück.

tip Ilan Ronen, der langjährige Intendant des israelischen Nationaltheaters Habimah in Tel Aviv, ist ein erfahrener Profi. Wie ist die gemeinsame Arbeit?
Maria Furtwängler Das ist interessant und – für mich – ungewöhnlich. Wenn ich verunsichert bin, denke ich, der hat das schon hundertmal gemacht, er wird schon wissen, was er tut. Er geht sozusagen von außen nach innen. Er baut erstmal die Struktur, das Skelett, die äußeren Abläufe, den Bogen, bevor man an die Emotionen und in die Psychologie geht. Vom Film kenne ich es eher umgekehrt, dass man von der Figurenpsychologie ausgeht.

tip Diese Rebecca, die Sie spielen, geht völlig in einem anachronistischen Frauenbild als Hausfrau und Mutter auf. Etwas befremdlich – oder?
Maria Furtwängler Ich finde es spannend, gerade weil wir heute ein ganz anderes Rollenverständnis haben. Diese Rebecca lebt wie die meisten Frauen vor zwei Generationen. Auch in Deutschland war das Frauenbild in den 1950er Jahren so, dass es die wichtigste Aufgabe einer Frau ist, den richtigen Mann zu finden und ihm mit Hingabe eine gute Ehefrau zu sein. Es gibt diese schönen ‚10 Gebote einer Ehefrau’ aus den 1950er Jahren. Da kann man lesen, dass sich die Frau, bevor der Mann nach Hause kommt, kurz ausruhen sollte, damit sie für ihn gut gelaunt ist. Und sie sollte ihn nie mit ihren Problemen behelligen, er hat einen anstrengenden Tag hinter sich. Wenn er zu spät kommt, beschwer dich nicht, er wird seine Gründe haben. Gib ihm die Hausschuhe, leg’ ihm ein gemütliches Kissen hin und serviere ihm sein Lieblingsmahl, mache ihm das Heim zum Hafen seiner Geborgenheit. Und das soll bitte alles mühelos aussehen. Das war damals völlig ernst gemeint.

tip Müssen Sie lachen oder werden Sie wütend, wenn Sie so etwas lesen?
Maria Furtwängler Zuerst kocht die Feministinnen-Seele in mir. Das ist ein Manifest der schäbigen Unterdrückung der Frau, wie sie über Jahrhunderte in verschiedensten Varianten gelebt wurde. Gleichzeitig hat diese selbstlose Liebe einer Mutter natürlich etwas Schönes. Frauen- und Rollenbilder beschäftigen mich, meine Stiftung „Malisa Home“ setzt sich auf vielfältige Weise mit Unterdrückung von Frauen und Mädchen auseinander. Gerade weil ich anders lebe und denke, ist es spannend, diese Rebecca ernst zu nehmen und in ihre Sehnsüchte einzutauchen. Natürlich gibt es bei ihr eine Verzweiflung und einen Zweifel: Habe ich das richtige Leben gelebt, hätte ich doch auf’s College gehen sollen? Leben wir heute die Sehnsüchte, die diese Frauen damals hatten, frage ich mich.Und welchen Preis zahlen wir dafür?

tip Ist die Pointe nicht, dass sich diese Frau verzweifelt an eine Fiktion vom idyllischen Heim klammert, das es schon lange nicht mehr gibt?
Maria Furtwängler Ja, es ist so im Verfall begriffen, sie hält es noch irgendwie aufrecht. Ich glaube, dass Noah Haidle, der amerikanische Autor des Stücks, hier ganz stark seiner Mutter ein Monument setzen wollte. Bei allen grotesken Momenten gibt es auch viel Liebe für diese Figur. Es geht sicher nicht darum, sich über sie lustig zu machen, weil uns ihre Haltung etwas fremd ist. Wir wollen das so authentisch und persönlich wie möglich erzählen.

Termine: Theater am Kurfürstendamm Eintritt 19–49,50 €

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