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Klassiker

„Hamletmaschine“ am Maxim Gorki Theater

Meer aus Blut: Sebastian Nübling und das herausragende Exil-Ensemble rücken ­­­Heiner Müllers schockkalte „Hamletmaschine“ in die Gegenwart

Ute Langkafel/ Maifoto.

Heiner Müllers „Hamletmaschine“ ist ein schockgefrorenes Rätsel-Drama. Eine Selbstabrechnung des marxistischen Intellektuellen („wie einen Buckel schlepp ich mein schweres Gehirn“), Absage an Fortschrittsoptimismus, Shakespeare-Überschreibung und dunkler Hassgesang auf den Ruinen von Europa: „Nieder mit dem Glück der Unterwerfung“. Keine Inszenierung kann die kondensierten Schocks dieses knappen Textes einholen. Jetzt ist Sebastian Nübling, sonst eher ein Regisseur für den naiv verspielten Zugriff, mit dem Exil-Ensemble aus geflüchteten Schauspielern am Maxim Gorki Theater eine frappierend schlüssige Aufführung gelungen. Statt des zum Scheitern verurteilten Versuchs, den Text zu illustrieren oder psychologisch-realistisch zu bewältigen, setzt er auf artistische Verfremdung und belässt ihn in seiner Schockkälte.

Eine Gruppe tänzelnder Horror-Clows in bunten Seidenkostümen arbeitet sich vielsprachig durch den Text, ohne ihn mit Erklärungen, Emotions-Unterfütterung oder anderen Weichspüler-Programmen irgendwie zugänglich oder weniger sperrig machen zu wollen. Stattdessen entwickelt das virtuose Exil-Ensemble mit Maryam Abu Khaled, Mazen Aljubbeh, Hussein Al Shateli, Karim Daoud, Tahera Hashemi, Kenda Hmeidan, Ayham Majid Agha, Schauspielern aus Syrien, Palästina und Afghanistan, einen grimmigen Witz: Dem Schwergewicht des Textes ist nur mit der Leichtigkeit des Spiels beizukommen. Der Schrecken, den Müllers Text festhält, ist für die Künstler aus Gewaltregionen alles andere als nur eine literarische Erfahrung.

Zwischengeschaltet ist eine zweite Ebene: neue Texte des syrischen Regisseurs, Schauspielers und Autors Ayham Majid Agha, dem Kopf des Exil-Ensembles. Er setzt die Konstellationen und Gedanken der „Hamletmaschine“ sehr lakonisch in die Gegenwart fort, eine Shakespeare-Müller-Überschreibung: „Hamlet: ein dänischer Prinz, der in Ost-Syrien geboren wurde, in Deir ez-Zor. Er verließ die Stadt nach 520 Tagen der Belagerung, während der sein Vater getötet worden war.“ Der Krieg und die Ruinen sind hier keine Metapher, sondern Alltagsrealität, die literarischen Bilder koppeln direkt und zwingend an Müllers Allegorien an: „Berlin ist eine Hafenstadt in einem Meer aus Blut, das bis Damaskus reicht.“

Termine: Maxim Gorki Theater Am Festungsgraben 2, Mitte, Karten 10 – 34 €

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