Kultur

Hämmern oder fingern?

Sexspielzeug

Ich bin zu gut im Masturbieren geworden!“, beschwere ich mich bei meinem schwulen Kumpel Can.
„Wieso ist das denn ein Problem?“, fragt er.

„Na ja“, sage ich, „ich bin so gut geworden, dass es keinen mehr Spaß macht. Ich fange an mit der Hand und so, ne, mache mich bereit, fange an zu wichsen und, schwupps, zwei Sekunden später ist alles schon vorbei. Ich komme zu schnell! Das ist ein echtes Problem! Es ist alles enttäuschend schnell vorbei.“

„Denk doch dabei an jemand Hässlichen!“, empfiehlt Can. „Das mache ich immer beim Ficken! An Angela Merkel und Rainer Brüderle oder so.“

„Ja, das habe ich auch gemacht“, sage ich. „Aber ich bin so gut im Masturbieren geworden, dass ich dann merke, dass ich gerade über Rainer Brüderle gekommen bin. Über Brüderle zu kommen ist schon eklig, ich muss mich hinterher ganz lange duschen.“

„Machst du es immer nur mit der Hand?“, fragt mich Can.

„Ja“, sage ich. „Ich benutze meine Hand und die ?Matratze.“
„Ich weiß, was du brauchst!“, sagt Can.
„Komm mit mir in die Karl-Marx-Straße. Ich will dir etwas zeigen.“
Can und ich gehen die Karl-Marx-Straße entlang, Richtung Hermannplatz. Als wir so ungefähr auf der halben Strecke sind, zeigt er mir einen Laden. Das Ladenfenster ist voll unattraktiver Strumpfhosen und Korsetts, supersexy Schuhe und kleiner Vibratoren. Sehr klein und niedlich.
„Ich sehe nie, dass jemand in diesen Laden reingeht!“, sage ich zu Can.
„Ich glaube, das ist nur ein Mafia-Laden, für Geldwäsche und so.“
„Nee, diesen Laden gibt es, seitdem ich von West­deutschland nach Berlin gekommen bin“, antwortet er.
„Also seit Jahren. Gehört zwei Berlinern. Lass uns reingehen und dir ein Geschenk kaufen!“

„Nein!“, rufe ich voller Schamgefühl peinlich berührt.
„Doch!“, ruft er voller Vor- und Schadenfreude. Er drückt die Klinke runter, und als ich sehe, dass die Tür nicht aufgeht, wird mein Herz vor Erleichterung leichter als ein Luftballon.

„Ist schon zu“, sagt Can enttäuscht.
„Ja“, sage ich. „Es ist schon sieben. Sie machen um sieben zu.“
„Die Kopftuch- und Perückenläden haben immer noch auf“, sagt Can.
„Aber der Sex-Laden macht pünktlich um sieben zu. Das ist so Berlin!“
„Ja“, sage ich. „Ein spießiger Sex-Toy-Laden ist so was von Berlin!“
Nachdem ich wieder zu Hause bin, rufe ich meine lesbische Freundin Tracy an.
„Wo kaufst du deine Vibratoren?“, frage ich sie.
„Gehst du in einen Laden?“
Tracy lacht mich aus. „Niemals!“, sagt sie. „Ich bestelle bei Dildoking. Alle Lesben bestellen bei Dildoking.“

„Echt?“, frage ich.
„Alle echten Lesben!“, sagt sie. „Ein paar Muschis nutzen Fun Factory, aber echte Lesben wie ich bevorzugen Dildoking.“
Ich logge mich ein und schlucke besorgt. Die Leute von Pegida werden nicht halb so besorgt über Ausländer sein wie ich beim Anblick der Dildoking-Webseite.

„Tracy, ich bin gerade auf der Dildoking-Homepage und gucke mir den Dildo ,Jamaica Hammer‘ an. Ich glaube nicht, dass dieses Instrument bei mir reinpassen würde.“
„Ach, sei nicht so zimperlich!“, sagt sie. „Ist alles nur eine Frage der Übung. Übung macht den Meister.“
„Besitzt du so ein Gerät?“, frage ich sie.
„Hast du nie Angst“ – ich zögere – „dass ,Jamaica Hammer‘ vielleicht rassistisch sein könnte?“
„Nein“, sagt sie. „Beim Ficken denke ich nicht an Rassismus.“

Ich lege auf und lege mich hin und masturbiere gewohnt gut. Nach nur zwei Sekunden bin ich gekommen, so macht das keinen Spaß. Nachdem ich fertig bin, suche ich Rat bei meiner Freundin Lizzy. Lizzy wohnt seit ungefähr 1?000 Jahren in Berlin und ist eine Expertin für alles. Man braucht kein Google und kein Wikipedia, muss auch keine Ärzte oder die Volks­hochschule besuchen, wenn man mit Lizzy befreundet ist.
„Heutzutage geht man nicht in einen billigen Sex-Laden, um ein Sex-Toy zu kaufen“, sagt Lizzy total expertenhaft. „Und nette Frauen nutzen auch nicht Dildoking oder King Dildo oder was weiß ich. Das ist wie bei McDonald’s oder Burger King zu essen. Aber heut­zutage essen nette Frauen immer bio, oder, Jacinta? Deshalb kaufen wir Sex-Toys bei Amorelie. Ich kaufe alle meine Sex-Spielzeuge dort.“

„Echt?“, frage ich.
„Bist du eine totale Anfängerin?“ fragt Lizzy. „Hast du niemals einen Vibrator besessen?“
„Ich hatte einen“, sage ich. „Aber das hat nie Spaß gemacht. Ich hatte als Teenager einen Rabbit-Dingsbums, den aus ,Sex And the City‘, aber das machte ungefähr so viel Spaß wie ein Besuch beim Frauenarzt.“

„Kauf dir bei Amorelie einen Finger-Vibrator. Oder einen Mini-Vibrator! Das ist was für Anfängerinnen wie dich! Oder den Anatomical Massager. Oder …“ Lizzys Augen glänzen vor Begeisterung. „Man kann bei Amorelie auch ein Anfängerinnen-Set bestellen!“

„Was passiert bei einem Anatomical Massager?“, frage ich neugierig.

„Der G-Punkt wird stimuliert!“, ruft Lizzy mit der Begeisterung einer Top-Sex-Toy-Verkäuferin oder sogar der einer Priesterin.
Ich gucke mir die Amorelie-Webseite an, es sieht nicht halb so einschüchternd aus wie bei Dildoking. Ein Anfängerinnen-Set! Ich werde es mir bestellen. Das wird meine Anschaffung zum neuen Jahr sein. 2015 – das Jahr darf kommen. Ich werde es wahrscheinlich im Bett verbringen, aber kommen darf das Jahr.


Text:
Jacinta Nandi

Jacinta Nandi
Jahrgang 1981 und Britin, ist Lesebühnen­autorin und schreibt unter anderem für die „taz“ die Kolumne „Die gute Ausländerin“. Im Frühjahr erscheint bei Ullstein extra ihr auto­biografisches Buch „Nichts gegen blasen“.

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