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Händels Vorlieben im Radialsystem

HändelWar er’s nun oder war er’s doch nicht? Seit Jahren beunruhigt die Musikwissenschaft der Verdacht, dass einer der größten Komponisten schwul gewesen sein könnte: Georg Friedrich Händel stellte zwar faszinierende Frauengestalten ins Zentrum seiner Opern, verkehrte privat aber eher in Männerrunden, in denen auf barock verklausulierte Weise die gleichgeschlechtliche Liebe gefeiert wurde.
Ziemlich überzeugend ist jedenfalls die Indizienkette, die Franzpeter Messmer, gestützt auf die Forschungsergebnisse englischer Kolleginnen, in seiner gerade erschienenen Händel-Biografie (erschienen bei Artemis und Winkler) knüpft – über schwule Freunde und Mäzene reicht sie sogar bis in die Musik selbst hinein.
Auch in Rom, wo Händel mit Anfang 20 sein Glück zu machen versuchte, kam der schmucke, groß gewachsene Norddeutsche offenbar bestens an, zum Beispiel beim Papstneffen und Kardinal Benedetto Pamphili, der den Jungstar mit schwülstigen Oden feierte und ihm den Auftrag gab, einen von ihm selbst verfassten allegorischen Oratorientext zu vertonen. Die Konstellation von „Il trionfo del tempo e del disinganno“ – „Der Triumph von Zeit und Erkenntnis“ – ist jedenfalls auch heute noch problemlos szenekompatibel und könnte auch als Kneipenkonversation dreier alternder Schwuler durchgehen. „Schönheit“ jammert über ihre Vergänglichkeit, „Lust“ schwelgt in Erinnerung an bessere Zeiten, während „Erkenntnis“ sich schon in ihr Schicksal ergeben hat.
Zum Händel-Jubiläumsjahr hat die Akademie für Alte Musik jetzt das selten gespielte Frühwerk des 1759 gestorbenen Komponisten wieder aufs Programm gesetzt. Vorerst leider nur in Konzertform, doch für 2010 ist auch eine szenische Umsetzung in Aussicht gestellt.
Aus der Geschichte mit Händel und dem Kardinal wurde übrigens nichts: Später bezeichnete der Komponist seinen Verehrer als „alten Narren“, der ihm „Komplimente gemacht habe“. Auch Schwule sind ja leider nicht immer nett zueinander.
Text: Jörg Königsdorf

Il trionfo del tempo e del disinganno
Radialsystem Holzmarktstraße 33, Mitte, Fr 20. + So 22.2., 20 Uhr

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