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Hans Neuenfels\ „Lear“-Inszenierung an der Komischen Oper

Hans Neuenfels
tip Herr Neuenfels, Verdi mühte sich Jahrzehnte vergeblich damit ab, eine Oper über „Lear“ zu schrei­ben. Warum gelang Aribert Reimann, was Verdi nicht möglich war?
Hans Neuenfels Er konnte die Zerrissenheit und Rücksichtslosigkeit der Welt einfach besser durchschauen. Bei Reimann ist der Einzelne orientierungslos in der Gesellschaft, während bei Verdi diese grundsätzliche Trennung noch nicht möglich war.
tip Shakespeares „Lear“ ist 400 Jahre alt, Reimanns Oper stammt aus den 70er Jahren des 20. Jahrhunderts. Was erzählt sie über ihre eigene Zeit?
Neuenfels Dieser „Lear“ hat für mich viel mit den 68ern zu tun – als Erkenntnis, die damals die gesamte Kunst und Kultur durchzog und für die auch ein Maler wie Francis Bacon steht: Als Erfahrung des Scheiterns und des Verlustes einer Utopie.
tip Und auf welcher Seite steht Lear? Immerhin ist er ein Vertreter der alten Garde.
Neuenfels Aber er hat kapiert, dass es so nicht weitergeht und versucht etwas Neues. Nur weiß er nicht, damit umzugehen und wird immer mehr zur Kreatur.
tip Sehen Sie da ein historisches Vorbild? Man könnte da doch an Willy Brandt denken.
Neuenfels Sicher, der Name fiel mir auch zuerst ein. Aber das fand ich dann zu nahe genäht. Mir geht es mehr um die grundsätzliche Situation der Politik: Um die Entidealisierung, die nur noch in Kleinlichkeit tappenden Korrekturen.
tip Das haben wir doch heute genauso. Hilft es trotzdem, die 68er-Zeit selbst miterlebt zu haben?
Neuenfels Durch mein Alter bin ich klar im Vorteil, weil ich um den großen Bogen weiß: um die Unfortschrittsmäßigkeit, um die verzweifelt rudernden Versuche des Individuums, sich selbst zu benennen. Und um die Erkenntnis des Stücks, dass in einer Welt völliger Relativierungen der Tod als das einzig Absolute bleibt.

Interview: Jörg Königsdorf
Foto: Monika Rittershaus


Termine: Lear
in der Komischen Oper,
Behrenstraße 55-57, Mitte, So 22.11., 19 Uhr
Tickets unter www.tip-berlin.de/tickets

 

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