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Haruki Murakami: „Die Pilgerjahre des farblosen Herrn Tazaki“

Sofort umschließt sie einen, diese eindringliche metaphysische Atmosphäre, die für Murakamis Werke so charakteristisch ist. Obwohl weitaus weniger fantastisch als das Monumentalwerk „1Q84“, tänzelt auch „Die Pilgerjahre des farblosen Herrn Tazaki“ sacht und behutsam um jenen Abgrund, der Realität und Traum voneinander trennt. Obwohl die Handlung – auf den ersten Blick – recht bodenständig erscheint.

Der Protagonist Tsukuru Tazaki, ein typischer Murakami-Antiheld – ungesellig, eigenbrötlerisch, unauffällig –, wird im Alter von 20 Jahren plötzlich von seiner Freundesclique verstoßen. Er wisse doch warum, sagen sie. Doch er weiß es nicht, und er fragt auch nicht nach. Zu lähmend ist der Schock. Tsukuru verfällt daraufhin in eine Art Schattendasein. Jegliche Farbe ist aus seinem Leben gewichen. Sinnbildlich und buchstäblich. Denn jeder seiner ehemaligen Freunde trägt eine Farbe im Namen. Nur er nicht. Sein Name bedeutet „Machen“. Also macht er weiter. Leidenschaftslos und blass.

16 Jahre später verliebt sich Tsukuru das erste Mal in eine Frau. Doch Sara spürt den Schmerz und die unverarbeiteten Erlebnisse tief in seinem Innern. Sie könne nicht mit ihm zusammen sein, bevor er sich der Vergangenheit nicht gestellt habe. Also zieht Tsukuru auf eine Pilgerreise, ganz ähnlich der Wilhelm Meisters in der Goethe’schen Erzählung, deren musikalische Umsetzung in Form von Franz Liszts „Annйes de pиlerinage“ sich als Leitmotiv durch die Handlung schlängelt.

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Am Ende der fast krimiartigen Reise stehen natürlich keine plumpen, eindeutigen Antworten. Murakamis Geschichten wirken ja gerade deshalb so feinsinnig und weise, weil ihre Vagheit den Leser unmerklich dazu bringt, die eigenen Gedanken und Erlebnisse miteinfließen zu lassen, sich den Text quasi individuell einzuverleiben. Ein paar schemenhafte Erkenntnisse sind Tsukuru aber vergönnt: Er begreift, warum die Freundschaft zerbrechen musste, warum Harmonie allein eine Beziehung nicht am Leben hält: „Viel tiefer war die Verbindung von Wunde zu Wunde“.

Text: Henrike Möller

tip-Bewertung: Herausragend

Haruki Murakami: „Die Pilgerjahre des farblosen Herrn Tazaki“, ?Aus dem Japanischen von Ursula Gräfe, DuMont, 318 Seiten, 22,99 Ђ 

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