Film & Kunst

Harun Farocki

Mit einer großen Retrospektive zu Harun Farocki und einer Präsentation des Werks von Danièle Huillet und Jean-Marie Straub ist der politische, intellektuelle, künstlerische Film bei dieser Art Week ein zentrales Thema

Harun Farocki, 2007 © Hertha Hurnaus

Im Jahr 1983 wird in Berlin und Hamburg der „Amerika“-Roman von Franz Kafka verfilmt. Die Geschichte des 17 Jahre alten Karl Roßmann, den es in die neue Welt verschlägt, ist für die Regisseure Jean-Marie Straub und Danièle Huillet ein exzellentes Ausgangsmaterial, an dem sie einmal mehr ihre ganz eigene Ästhetik erproben können: ein starkes Augenmerk auf die Romanvorlage als (gesprochenen) Text und eine karge Bildsprache, die sich deutlich von den Illusionseffekten des geläufigen Ausstattungskinos abwendet.
Eine der tragenden Nebenrollen in dem Film, der den Titel „Klassenverhältnisse“ bekommt, übernimmt Harun Farocki, zu diesem Zeitpunkt bereits als einer der wichtigsten politischen Dokumentaristen der Bundesrepublik ausgewiesen. Farocki hat von den Dreharbeiten mit Straub/Huillet (so das geläufige Autorenkürzel, unter dem das Paar seit den 60er-Jahren eine radikale Position im Weltkino einnahm) selbst einen kleinen Film gemacht, in dem man sehen kann, wie Jean-Marie Straub die Sätze des Hauptdarstellers so lange in die Mangel nimmt, bis die Mitte zwischen Schauspiel und bloßem Aufsagen gefunden ist, nach der er sucht.

Harun Farocki und Straub/Huillet sind einander mehrfach begegnet. Zwischen ihren künstlerischen Projekten gibt es große Unterschiede, aber sie teilten einen intellektuellen und politischen Hintergrund, den man im Wesentlichen als einen aufgeklärten Materialismus bezeichnen könnte. Von Marx zu Brecht und von Cézanne über die Brüder Lumière bis zu einem Playboy-Bild, das in Farockis berühmtem Dokumentarfilm „Ein Bild“ zu einem Epochengemälde wurde. Man muss in jedem Fall von einer List der Vernunft sprechen, wenn in diesem Herbst in Berlin nun diese beiden Gesamtwerke nebeneinander präsentiert werden – wobei sie einander damit natürlich auch Konkurrenz machen.
Den umfangreichen Schwerpunkt zu Straub/Huillet haben die beiden Kuratoren Annett Busch und Tobias Hering unter den Titel „Sagen Sie’s den Steinen“ gestellt, worin man auch eine Anspielung auf das hohe Ethos (um nicht zu sagen: Pathos) von Filmen sehen kann, die sich um ihre Zuschauerkommunikation zuerst einmal kaum zu kümmern scheinen, stattdessen auf die lange Dauer der Geschichtsphilosophie setzen.
Tatsächlich fällt an ihnen zuerst einmal der Tonfall auf: egal, ob Straub/Huillet eine griechische Tragödie wie „Antigone“ (klarerweise in der von Brecht bearbeiteten Hölderlin-Übersetzung), moderne Texte von Cesare Pavese („Von der Wolke zum Widerstand“) oder von dem italienischen Antifaschisten Elio Vittorini („Sicilia“) bearbeiten, es läuft immer auf eine Art Singsang hinaus, auf eine eigenwillige Deklamatorik, die das Primat der Sprache zugleich hervorhebt wie unterläuft. Mit der Wahl ihrer Themen und Bezugspersonen haben Straub/Huillet über die Jahrzehnte eine ganz eigene Geschichte der Subversion geschrieben, wobei Subversion eben auch heißen kann: Originalklang-Bewegung, wie in ihrem Film über Johann Sebastian Bach, den sie aus der Metaphysik befreien wollten und nebenbei auch in die Alltagswirklichkeit einer frühmodernen Paarbeziehung einbetteten.

Musik von Schönberg, Malerei von Cézanne, Poesie von Mallarmé – für Straub/Huillet ist das alles Revolutionkunst, und ihre eigenen Filme dienen der Freilegung des verschütteten revolutionären Potenzials. Dass Harun Farocki, der ganz entscheidend von den Erfahrungen von 1967/68 geprägt war, diesen Impetus teilte, steht außer Frage. In seiner eigenen Bewegung durch die Felder des Kinos, der Künste und der Politik ging es aber um andere Formen des Begriffs. Wenn Straub/Huillet die abendländische Klassik kritisch mit Agitprop verbanden, so war Farocki eher ein Essayist – darin sicher auch von Jean-Luc Godard beeinflusst, dem unsichtbaren Dritten in dieser Berliner Begegnung mit entscheidenden Positionen des linken Kinos.

Danièle Huillet und Jean-Marie Straub in den Gärten des Palais de Chaillot, paris 1990er Jahre

Das entscheidende Faktum in Farockis Karriere war, dass Mitte der 90er Jahre die Produktionsbedingungen für seine Form der dokumentarischen Untersuchung nicht mehr gegeben waren. Zur gleichen Zeit bot sich ihm die Chance, mit Installationen in Kunsträumen sein ganzes Projekt neu zu konzipieren – mit dem Ergebnis, dass er als bildender Künstler zu einem der großen Stars der Nullerjahre wurde. Die große Zusammenschau, die es in Berlin nun drei Jahre nach seinem Tod gibt, schließt nun endlich die Lücke, die dabei meist offen blieb. Denn der Kunstbetrieb interessierte sich nur sehr selektiv für das (frühere) filmische Werk von Farocki.

Nun kann man ihn endlich in der wünschenswerten Vollständigkeit mit den beiden Flügeln seines Arbeitens studieren: der Neue Berliner Kunstverein zeigt im Rahmen der Möglichkeiten installative Arbeiten, das Arsenal verfolgt das filmische Werk wirklich bis in jeden derzeit erreichbaren Winkel – weitere Veranstaltungen bieten dazu Kontexte und Reflexionen. Man wird eine experimentelle Praxis entdecken können, die von den Impulsen der Linken vor allen eine große Bereitschaft zur permanenten Revision bewahrt hat, während deren Dogmatismus hier ständig der Überprüfung auf Ideologie hin unterworfen wird.
Für Berlin als Kunststandort stellt die Konstellation, dass zwei so bedeutende Großwerke die Gelegenheit bekommen, einander wechselseitig zu erhellen, einen echten Meilenstein dar.

Harun Farocki
Die umfangreiche Retrospektive zu Harun Farocki wird multimedial in jeder Hinsicht sein. Das deutet schon der Titel „Mit anderen Mitteln – By Other ­Means“ an, der über der Ausstellung im Neuen Berliner Kunstverein steht. Hier sollen installative ­Arbeiten von Farocki zu sehen sein, der Mitte der 90er-Jahre mit der kleinen Zwei-Kanal-Arbeit „Schnittstelle“ zum ersten Mal die klassische Kinokonstellation bzw. das Fernsehen überschritt und gleichsam zu „anderen Mitteln“ griff. Die Filmschau im Arsenal, eine Neuausgabe der Schriften von Farocki und eine Gruppenausstellung bei Savvy Contemporary gehören ebenfalls zur Retrospektive.
neuer Berliner Kunstverein Chausseestr. 128/129, Mitte, 14.9.–28.1., Eröffnung Mi 13.9., 18 Uhr

Straub/Huillet
Das filmische Werk von Jean-Marie Straub (bis 2006 gemeinsam mit Danièle Huillet) umfasst mehr als 50 Titel, von dem Klassiker „Nicht versöhnt“ (nach einem Roman von Heinrich Böll), über „Schwarze Sünde“ bis zu späten Höhepunkten wie „Schakale und Araber“ (nach Kafka). Es lohnt sich, jeden einzelnen Film in der Akademie der Künste zu sehen, schon allein, um die Konsequenz zu begreifen, die hier am Werk ist. Zur Filmschau „Sagen Sie’s den Steinen. Zur Gegenwart des Werks von Straub/Huillet“ gibt es zahlreiche Begleitveranstaltungen, wobei dem Komplex der Beschäftigung mit der Musik von Arnold Schönberg bei Straub/Huillet besonderes Augenmerk gilt. Zudem wird eine Ausstellung in der Akademie der Künste den Einfluss von Straub/Huillet auf andere Künstler untersuchen.
Akademie der Künste Hanseatenweg 10, Tiergarten, 14.9.-19.11., Eröffnung Mi 13.9., 19 Uhr

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