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Kultur

?“Hate Poetry“ im HAU1

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Dieses rotzfreche Islamisten-U-Boot heißt Mohamed. Das sagt doch schon alles.“ Findet zumindest der Leserbriefschreiber, der damit den „Tagesspiegel“-Autor Mohamed Amjahid meint. Der „Spiegel“-Journalist Hasnain Kazim wurde von einem aufgebrachten Bürger per Mail auch schon mal blumig mit „Hasnain, du bepimmelter Kackmuslim“ angesprochen. Und die Publizistin Mely Kiyak durfte sich die barmende Frage anhören: „Kann man dich nicht in einem türkischen Militärlager abwerfen, möglichst zu den kurdenjagenden Einsatztruppen?“ Die Fantasie treibt ungeahnte Blüten, wenn Leser in die Tasten hauen, um Journalisten zu beleidigen. Besonders, wenn es Journalisten mit nicht deutsch klingenden Namen sind. „Schön, dass Sie zwischen zwei Ehrenmorden noch Zeit finden, eine Kolumne zu schreiben“,  findet jemand in einer Mail an den „taz“-Kolumnisten Deniz Yücel.
Das birgt absurde Komik eigener Art. Weswegen die Autorin Ebru Tasdemir die Idee hatte, den Hassmail-Verkehr ihrer Kolleginnen und Kollegen zu bündeln und von den Bepöbelten selbst als Performance vortragen zu lassen: „Hate Poetry“. So lernt man die schmutzigen  Abgründe seiner Mitbürger kennen. Die „Hate-Poetry“-Abende wurden ein großer, sehr unterhaltsamer Erfolg. Jetzt ist die beliebte Schmäh-Lesung im HAU zu erleben. Es wird ja auch fortwährend neues Material von den fleißigen Menschen da draußen geliefert.
Die Hassmails sind in der heiteren Show nach drei Kategorien sortiert. Die erste heißt „Sehr geehrte Frau Fotze, sehr geehrter Herr Arschloch“. Diese Briefe „fangen nett an und driften dann ins Üble“, so Tasdemir. In der Abteilung „Abokündigung“ legen die Leser dar, weshalb ihnen das ganze Blatt verleidet ist. Und unter „Große Oper“ fallen die epischen Beschimpfungen, ein Twitter-Schlagabtausch in 40 Tweets zum Beispiel. In allen entlarven sich Dummheit und Ressentiments, rechtsex­tremer deutscher wie rechtsextremer türkischer Hass. Gemeinsam ist den Hassmails, dass sie sich nicht gegen Artikel richten. „Sondern dass die Autorinnen und Autoren ad hominem angegriffen werden“, sagt Tasdemir. Für sie ist „Hate Poetry“ eine „antirassistische Veranstaltung. Nur nett verpackt“.
Aus den Briefen sprechen die diffuse Unterwanderungsangst und die neurotischen Vorurteile, die auch die Pegida-Bewegung befeuern. Die sich gegen Türken, Roma, Muslime, alles Fremde oder welche vermeintlichen Unterwanderer auch immer richten. Und das ist, bei aller Absurdität, natürlich gar nicht komisch. „Da sollte man sich schon Gedanken machen“, sagt Tasdemir. „Das ist Deutschland 2015.“                                                   

Text: Patrick Wildermann

Foto: Thies Ratzke

HAU1 So 15.2., 17 Uhr, Karten-Tel. 25 90 04 27

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