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Hauptstadt eines neues Bewusstseins

Zukunftsangst, wachsende Ungerechtigkeit, ­Bildungsnotstand, Zerstörung natürlicher ­Ressourcen – angesichts dringender ­Probleme ­scheinen viele alte Modelle nicht mehr zu ­funktionieren. In Berlin wächst eine Gemeinschaft von Vordenkern, Aktivisten und Unternehmern, die zeigen, wie es besser gehen kann

i+m naturKosmetik Berlin
Foto: i+m naturKosmetik Berlin

Die alte Frau ist auf eine Weise alt, wie man es im Westen kaum noch sieht. Die ­Falten auf ihren gelblichen Wangen sehen aus wie Furchen in einer Gebirgslandschaft. Ihr Blick ist intensiv, er scheint einem zu ­folgen. Das riesige leuchtende Porträt steht in ­einem dunklen Raum, durch den der Duft von Räucherwerk weht. Es ist Teil der Ausstellung „Atman“ von Bernd Kolb, die noch bis Ende September in der Schöneberger Malzfabrik zu sehen ist. Die Bilder entstanden auf langen Reisen in Asien, wo Kolb in den letzten Jahren spirituelle Weisheit gesucht und auch gefunden hat.

Bernd Kolb ist kein Eso-Spinner. Er war als Internet-Unternehmer erfolgreich, als die meisten in Deutschland noch nicht einmal wussten, was das Internet ist. Später wurde er Innovationsvorstand der Deutschen Telekom und gründete den Club of Marrakesh, ein ­interdisziplinäres Netzwerk, das globale Herausforderungen lösen soll. Viele Jahre hat Kolb Vorträge zum Thema Nachhaltigkeit gehalten, vor Entscheidern aus Wirtschaft und Politik. Er präsentierte Argumente, Zahlen, Daten, ­Fakten. Und musste am Ende feststellen: Wissen verändert gar nichts.

Kolb dachte nach: Was bringt Menschen dazu, ihr Verhalten zu ändern? Er stellte fest: „Wissen ist im Grunde eine Begrenzung, was es braucht, ist Weisheit.“ So ­machte er sich auf die Suche nach den Quellen. Weisheit hat mit Erfahrung und Intuition zu tun, erklärt Kolb, mit dem Gefühl tiefer Verbun­denheit.
In allen mystischen Tradi­tionen der Welt gibt es die Vorstellung unmittelbarer ganzheitlicher Erkenntnis. Zu erkennen „was die Welt im Innersten zusammenhält“ hat Goethe noch als das Wesen allen wissenschaftlichen Strebens definiert, in den letzten Jahrhunderten hat die Wissenschaft stattdessen die Welt in immer kleinere Teile zerstückelt und diese untersucht, als hätten sie nichts miteinander zu tun.

Mit seiner Suche nach ganzheitlicher Weisheit ist Kolb nicht allein. In den letzten Jahren hat sich Berlin zur Hauptstadt der „concious community“ entwickelt, einer wachsenden Gruppe von Menschen, die sich darüber einig sind, dass wir ein verändertes Bewusstsein brauchen, um mit Krisen fertig zu werden und ein glückliches Leben zu führen. Wobei Glück in diesem Zusammenhang immer auch das Glück der anderen bedeutet. Auf Festivals wie Agape Zoe und Forever Now, Konferenzen wie der Slow Living Conference, in Facebook-Gruppen wie Berlin Loves You werden Ideen zu persönlicher, gesellschaftlicher und wirtschaftlicher Transformation diskutiert und erprobt. Außerdem wird der „Tribe“ gefeiert, der „Stamm“, die Gemeinschaft Gleichgesinnter. Die Fragen, für die neue ­Lösungen gesucht werden, betreffen die unterschiedlichsten ­Lebensbereiche. Es geht um „seelenvolle“ ­Unternehmen, in denen nicht nur Geld verdient, sondern auch Sinn gestiftet wird, um medizinische Behandlungsmethoden, die nicht nur an Symptomen herumdoktern, sondern wirklich heilen können, um Mentaltechniken, die es uns ermöglichen, das volle Potenzial unseres Geistes auszuschöpfen.
Interessant ist, dass die „neuen“ Lösungen oft so neu gar nicht sind. Ob Yoga, schamanische Rituale oder Kräuterheilkunde nach Hildegard von Bingen – bei all dem handelt es sich um jahrhundertealte Weisheit, die, so die Hoffnung, in Kombination mit neuem Wissen Lösungen für aktuelle Probleme bieten kann.

Wer einen Tag auf dem Yoga und alternativer Heilkunst gewidmeten Festival Agape Zoe, das seit letztem Jahr alle zwei Monate in den idyllischen Eden-Studios in Pankow stattfindet, verbringt, wird sich der Anziehungskraft der neuen Bewegung kaum entziehen können. Auch Skeptiker, die angesichts vermeintlich naiver Beschwörungen von Liebe und Gemeinschaft, Herzmeditationen und Fremden-in-die-Augen-schauen die Augen rollen, spüren den utopischen Impetus, dem die Möglichkeit echter Veränderung innewohnt. Und hier sind keinesfalls nur weltfremde Hippies unterwegs, sondern auch Leute wie Margret Rasfeld, Lehrerin seit 39 Jahren. Die Direktorin der Evangelischen Schule Berlin Zentrum (ESBZ) und Gründerin der Bildungsinitiative Schulen im Aufbruch meint, dass unser Bildungssystem in einer tiefen Krise steckt. „Die ­Hauptaufgabe von Schulen sehe ich heute darin, dass man das Zusammenleben lernt.“ Die Selektion an deutschen Schulen bewirke das Gegenteil. „Wie sollen wir das Zusammenleben in der einen Welt – eine der größten Aufgaben, vor denen wir stehen – lernen, wenn wir uns nicht einmal trauen, Kinder neun Jahre ­zusammen in die Schule zu schicken?“
Margret Rasfeld zeigt an der Evangelischen Schule Berlin Zentrum, wie es anders geht. Wissensvermittlung steht nicht im Vordergrund, Frontalunterricht ist abgeschafft, ebenso die klassische 45-Minuten-Einheit. Schüler bestimmen ihr Lerntempo selbst, und fragen, wenn sie nicht weiter wissen, erst andere Schüler. In Projekten gehen sie eigenen Forscherfragen nach. Die Lehrer fungieren als Berater und haben, da sie nicht als Alleinunterhalter vor der Klasse stehen, mehr Zeit für einzelne Schüler. Auch sie arbeiten selbstorganisiert und in Teams.

Dass Gemeinschaft nicht mehr erlernt wird, führt auf politischer und gesellschaftlicher Ebene zu fortschreitender Entsolidarisierung, ist die Bildungsaktivistin überzeugt und verweist auf die Langzeitstudie zum Thema gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit von Wilhelm Heitmeyer (Universität Bielefeld). 40 Prozent aller Befragten äußerten die Ansicht, dass wir uns zu viel um Schwache und Versager kümmern und uns das nicht mehr leisten können. Solche Ergebnisse, sagt Rasfeld, seien auch ein Problem der Schulen.

„Wir wissen, dass Lernen über Beziehung funktioniert“, sagt Margret Rasfeld, „dennoch sind Schulen üblicherweise so organisiert, dass Beziehung kaum möglich wird.“ Wo ­immer die gefragte Rednerin Rasfeld auftritt, hat sie Schüler dabei. Das Selbstbewusstsein mit denen diese Schüler auftreten, ist beeindruckend. Dabei haben viele von ihnen klassische Schulversager-Geschichten hinter sich. Selbstvertrauen, ist Rasfeld überzeugt, lernt man, indem man Verantwortung übernimmt, erlebt, dass man etwas bewirken kann und dafür wertgeschätzt wird. „Verantwortung“ steht daher auf dem Stundenplan – zwei Stunden pro Woche arbeiten Schüler in selbst gewählten Projekten, in denen sie ­einen ­gesellschaftlichen Beitrag leisten. Auch „Herausforderung“ gehört zum Schulkonzept. Die kann zum Beispiel darin bestehen, sich drei Wochen lang ohne Geld durchzuschlagen oder in einer abgelegenen Scheune täglich acht Stunden ein Musikinstrument zu üben.
Was Schüler in solchen Projekten lernen, ist Mut und Vertrauen. Das Vertrauen, sich in ergebnisoffene Prozesse zu begeben und auch gelegentliches Scheitern anzunehmen. „Dass wir meinen, alles kontrollieren zu können, ist eine Fiktion“, so Rasfeld. Es scheint paradox, gerade dann zu vertrauen, wenn alles immer unübersichtlicher und beängstigender wird. Aber gerade dann ist es notwendiger denn je. Ganz im Sinne Albert Einsteins, der festgestellt hat, dass es für die Lösung von Problemen ein anderes Bewusstsein braucht als das, das sie verursacht hat. Dass Einzelne alles wissen und daher bestimmen, was zu tun ist, funktioniert angesichts immer komplexerer Probleme nicht mehr.

2007 als Experiment mit 16 Schülern gegründet, hat die ESBZ heute lange Warte­listen. Die Schule hat weder mehr Geld noch mehr Lehrer als andere Schulen. Für ihr Abitur müssen die Schüler sich den allgemeinen Prüfungsbedingungen stellen – die sie überdurchschnittlich gut meistern.
Was unser Wirtschaftssystem antreibt, scheint eher das Gegenteil von Vertrauen und Gemeinschaft, ein Dogma des Kapitalismus ist die Vorstellung, dass Wirtschaften Konkurrieren bedeutet, dass das „ich“ nur gewinnen kann, wenn andere verlieren. Es gibt Unternehmen, die sich dem Konzept von Egoismus und Konkurrenz widersetzen – und dabei durchaus gut gedeihen. Firmen wie das Biokosmetik-Unternehmen I +M.

Keine klassischen Unternehmer: Jörg von Kruse und Bernhard von Glasenapp von I+M
Keine klassischen Unternehmer: Jörg von Kruse und Bernhard von Glasenapp von I+M

Geschäftsführer Jörg von Kruse steht vor dem ehemaligen Steinmetzhaus auf dem Friedhofsgelände in der Hermannstraße. An diesem leicht verregneten Sommerabend gibt es etwas zu feiern: 13.000 Euro hat die Firma mit dem Verkauf einer Duschgel-Sonder­edition erwirtschaftet und den gesamten Erlös dem gemeinnützigen Projekt Gärtnerei gespendet. In der Gärtnerei bewirtschaften Geflüchtete gemeinsam mit Ehrenamtlichen Brachflächen auf einem Teil des Friedhofes, bauen Blumen, Wildkräuter und Gemüse an.

1978 von Inge Stamm als Pioniermarke der Biobewegung gegründet und 2000 von Jörg von Kruse und Bernhard von Glasenapp übernommen, hat sich I+M als Wirtschaftsunternehmen vielen Gesetzen des Kapitalismus widersetzt. Gewinne zu maximieren hat hier keine Priorität. 40 Prozent der Erlöse aus dem Verkauf der veganen Produkte, die soweit möglich Fair Trade-Zutaten enthalten, werden für gemeinnützige Projekte gespendet – in Form von Einmalspenden wie im Fall der Gärtnerei –  aber auch in langfristigen Kooperationen wie dem Betrieb eines Frauenhauses in Sambia. Weitere 20 Prozent fließen in Mitarbeiterbeteiligungen. Die Mitarbeiter arbeiten eigenverantwortlich, ohne ­Kontrolle. Es gibt keine festen Arbeitszeiten. „Vertrauen erzeugt Vertrauen“, ist von Kruse überzeugt.

Auch einen Businessplan gibt es nicht, und mit dem Begriff „Erfolg“ kann von ­Kruse nicht viel anfangen. „Angst ist etwas, das sich auf ein Leiden in der Zukunft bezieht. Ich versuche, im Jetzt angemessen zu handeln.“ Obwohl sie anderswo mehr verdienen könnten, arbeiten die Mitarbeiter gerne in der rosenbewachsenen Remise im Hinterhof an der Greifswalder Straße. „Ideen einbringen zu können, sich mit dem Unternehmen identifizieren zu können, macht die meisten glücklicher als Geld“, sagt der Chef.

Von Kruse hat kein grundsätzliches Problem mit dem Kapitalismus. „Er ist ein flexibles und leistungsstarkes System, aber man muss es von innen umbauen.“ Er ­möchte durchaus Geld verdienen – um sich selbst und seine Mitarbeiter zu versorgen und gute Anliegen zu unterstützen, also im Sinne der Gemeinwohlökonomie nützlich für alle Beteiligten zu sein. „Ich kann mir aber überhaupt nicht mehr vorstellen, nur wegen des Geldes ein Unternehmen zu führen“, sagt er.

„Beseelte Organisationen“ nennt der ­Unternehmensberater und Zukunftsforscher Frederic Laloux Unternehmen wie I+M. Sie arbeiten „produktiver und erfüllter“ und können Modelle für sinnorientierteres Wirtschaften sein. Dass die Sehnsucht danach groß ist, zeigte die Begeisterung, die der Autor des Buches „Reinventing Organisations“ mit seinem Vortrag im Rahmen des Forever Now Festivals auslöste. Er wurde empfangen wie ein Heilsbringer. Und möglicherweise sind all die Meditierenden und Diskutierenden, die alternativen Heiler und Unternehmer, die neue Formen von Denken und Handeln erproben, ja tatsächlich das, was Laloux in seinem Buch „Pioniere unserer kollektiven Zukunft“ nennt.

Ausstellung

Atman Malzfabrik, Bessemerstr. 2-14, Schöne­berg, Mi-Fr 15-21 Uhr, Sa, So 11-21 Uhr, bis 30.9, www.atman.de

Orte

Essentis Biohotel
Aus einem Tagungshotel am Stadtrand machten Tobias Grimm und Heinrich Kronbichler ein Zentrum für Bewusstsein, eine lebendige Insel an der Spree. Regelmäßig finden hier Workshops zu den Themen Spiritualität, Yoga und Meditation, Gesundheit und Kultur statt.
Wieskopfstr. 16, Köpenick, S Wuhlheide, Tel. 530 05 00, www.essentisbiohotel.de

Forum for Meditation and Neuroscience
Die von Stefan Peter gegründete ­Stiftung widmet sich der Erforschung und Praxis der Meditation mit dem Anliegen, Achtsamkeit und Empathie zu steigern. Insbesondere Projekte, die Meditation in die Schulen bringen will, werden unterstützt. Neben dem Hauptsitz in der Lankwitzer Siemensvilla gibt es sehr schöne Räume in der Saarbrücker Straße in Prenzlauer Berg, wo man unterschiedliche Formen der Meditation von Chi Gong bis Licht­atmung ausprobieren kann.
Calandrellistr.7, Steglitz, Saarbrücker Str. 6, www.forumformeditation.com

Veranstaltungen

Wanderlust
Wanderlust ist die Mutter aller Bewusst-Leben-und-dabei-Spaß-haben-Festivals. 2009 erfanden die Musikunternehmer Jeff Krasno und Sean Hoess die perfekte Mischung aus Yoga, Mindfullness, inspirierenden Vorträgen, Musik und gutem Essen, die seither eine ständig wachsende Fangemeinde anzieht. Das viertägige Event fand im vergangenen Jahr an 17 Orten in den USA statt. Seit 2014 gibt es die 108’s, eintägige Pop-Up-Varianten des Festivals in großen Städten, dieses Jahr zum ersten Mal auch in Berlin.
21. August, 8.30–16 Uhr, Tempelhofer Feld, www.wanderlust.com, Eintritt: 39 Euro

Agape Zoe Festival
2015 von Tony Sarantopoulos Serap Kara als kleine experimentelle Veranstaltung zum Thema Yoga, Meditation und alternative Heilung gegründet, wuchs das Agape Zoe schnell zum Treffen der Berliner „Concious Community“.
Alle zwei Monate kann man auf dem idyllischen Eden-Gelände in Pankow unterschiedlichste Yoga-, Meditations-, Körper- und Atemtechniken ausprobieren, in Gruppen- oder Einzelsitzungen Heilbehandlungen aller Art erleben, renommierten Gastsprechern aus der ganzen Welt zuhören und zu Live-Musik tanzen.
www.healingberlin.com

Forever Now
September 2015 fand des Forever Now Festival erstmals aus dem RAW-Gelände statt. Mit Yoga, Meditation, Workshops, Vorträgen und Konzerten widmete sich das Festival mit vielen hochkarätigen Lehrern und Sprechern dem Thema Transformation auf persönlicher und gesellschaftlicher und spiritueller Ebene. Dieses Frühjahr fand eine abgespeckte Version der Veranstaltung statt. Zurzeit bastelt Veranstalter Brian Kapell, Mitgründer von Spirit Yoga, am Konzept für die Zukunft.
www.forever-now-festival.com

Yogafestival
Nachdem das erfolgreichste deutsche Yogafestival, vor zwölf Jahren von ­Stefan Datt gegründet, das idyllische Gelände in Kladow dieses Jahr nicht mehr nutzen könnte, schrumpfte es ­dieses Jahr auf einen „Sommer-Splash“-Tag im Strandbad Jungfern­heide, um im nächsten Jahr voraussichtlich nach Brandenburg zu ziehen.
www.yogafestival.de

Unternehmen

The Dive
Unternehmensberatung, Think Tank und Mitgründer von B Corp, das Unternehmen zertifiziert, die sich für soziale und Umwelt-Anliegen engagieren. The Dive bietet Know-How und die Kontakte für Unternehmen, die sich der wachsenden Zahl von People-Planet-Profit-Unternehmen anschließen wollen.
www.thedive.com

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