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Volksbühnen-Wiederbelebung

„Haußmanns Staatssicherheitstheater“ an der Volksbühne

Das Labern der anderen – Stasi-Klamotte am Prenzlauer Berg: „Haußmanns Staatssicherheitstheater“

Foto: Harald Hauswald

Alternde Zausel können etwas Anrührendes haben, vor allem, wenn sie sich ihren Charme, eine gewisse Verspieltheit und restjugendlichen Trotz bewahrt haben. In Leander Haußmanns in aller Bescheidenheit nach dem Regisseur benannten „Haußmanns Staatssicherheitstheater“ an der Volksbühne treffen mindestens zwei dieser gut konservierten Zausel aufeinander: Haußmann und die Volksbühne. Beide haben ihre besten Jahre möglicherweise hinter sich. Und beiden schaut man beim Versuch, an schon länger verblühte Jugendtage anzuknüpfen, nicht ohne Rührung zu. Haußmann, der charmanteste Luftikus des deutschen Stadttheaters, ist in einer sanften Altersmelancholie angekommen, die ihm gut steht. An diesem Abend macht er sich mit Hilfe seiner Stasi-Akte auf die Suche nach der verlorenen Zeit, als das Haupthaar noch voll, das Liebesleben turbulent und der Prenzlauer Berg ein Boheme-Spielplatz war.

Der andere Zausel, die Volksbühne, war dank des Wirkens der Kurzzeitintendanten Chris Dercon und Marietta Piekenbrock klinisch tot: ein Theater ohne Ensemble, ohne Repertoire, ohne Publikum, ohne Regisseure und mit leerer Kasse. Haußmanns Inszenierung ist nach einem ziemlich hinreißenden und ständig ausverkauften Abend des Jugendtheaters P 14 („Drei Milliarden Schwestern“) die erste große Eigenproduktion der Nach-Dercon-Ära. Die wiederbelebte Theaterleiche kann vielleicht noch keine Purzelbäume schlagen, aber immerhin hat sie ihre Augen geöffnet. An diesem Abend kann man ihr bei den ersten, noch etwas unbeholfenen Zuckungen des neuen Lebens zusehen.

Nicht nur, weil Frank Castorf und Henry Hübchen, die Helden besserer Volksbühnen-Tage, das Theater zum ersten Mal seit ihrem Rauswurf wieder betreten und bei der Premiere im Publikum sitzen, hat dieser Abend etwas Versöhnendes. Die von Dercon und Tim Renner gerissenen Wunden beginnen zu verheilen. Erinnert sich noch jemand an Tim Renner? Das war der lustige Berliner Kulturstaatssekretär, der Castorf gekündigt und Dercon inthronisiert hat. Seit er nach der letzten Berliner Wahl seines Jobs verlustig ging, ist er recht spurlos abgetaucht. Im Berliner Kulturbetrieb jemanden zu finden, der ihn vermissen würde, dürfte schwer fallen. Zur Versöhnung gehört auch ein rätselhafter Gast, der sich am Premierenabend zusammen mit Detlev Buck (in der Uniform eines Volkspolizisten) für eine kleine Bonustrack-Szene zum Schlussapplaus auf die Bühne schmuggelt. Der geheimnisvolle Fremde im Netzkleid sieht aus wie der beste David Bowie, den man derzeit für Geld kaufen kann. Es ist Alexander Scheer, der bewährte Exzess-Künstler, einer von Castorfs Lieblingsschauspielern. Man kann es bis in die letzte Reihe des Ranges sehen, wie glücklich er darüber ist, wieder für einen Moment auf dieser Bühne zu stehen.

Vor dem Schlussapplaus muss man allerdings noch Haußmanns Inszenierung durchstehen. Nach den Vorabinterviews, in denen der Regisseur freimütig von seiner Stasi-Akte und den jahrelangen Recherchen für sein großes Stasi-Projekt (Theaterstück! Roman! Film!) berichtet hatte, hing die Messlatte denkbar hoch.

Haußmanns gesamte Inszenierung kann samt des ausstrahlungsarmen Schauspielerensembles bequem darunter durchspazieren. Eine lässige DDR-Komödie wie vor zwei Jahrzehnten mit seinem Film „Sonnenallee“ ist dem Regisseur diesmal nicht gelungen. Stilistisch schwankt der Abend zwischen Stoßseufzer und Bauerntheater samt Ehebruchskabarett, im Schrank versteckten Stasi-Trotteln und ähnlich feinsinnigen Scherzen. Weil Haußmann keine Scheu vor Kitsch kennt und die kleine Schnulze zwischendurch nicht verschmäht, muss die Gesangsdarbietung eines Werkes der gefürchteten DDR-Liedermacherin Bettina Wegner das Lebensgefühl der Spät-DDR ausschmücken. Aber weil Haußmann sentimentalen Kitsch nicht nur mag, sondern auch kann, legt die Schauspielerin Antonia Bill mit diesem Auftritt eine der wenigen kraftvollen Szenen hin. Am stärksten ist der Abend in den Passagen der offen ausgestellten Ratlosigkeit: Was macht man jetzt mit all diesen Erinnerungen und Überresten einer etwas seltsamen Vergangenheit? Manchmal wirkt die Inszenierung, als wollte sie das alles (Stasi-Spitzel, viertelbegabte Undergrounddichter und verkrachte Ehen) einfach ans Herz drücken.

Lothar Holler hat eine liebevoll eingerichtete DDR-Puppenstube auf drei Etagen auf die Bühne gesetzt. Sie kann lustig auf und ab fahren, und am Ende verschwindet sie wie die ganze DDR einfach in der Versenkung. Unten links erfreut der detailgetreue Nachbau der legendären Volksbühnen-Kantine ältere Weggefährten der Castorf-Jahre: Hier wurde Theatergeschichte geschrieben, beziehungsweise getrunken. Rechts oben unterm Dach wohnt der Stasi-Chef in einem holzvertäfelten Büro, das verdächtige Ähnlichkeit mit dem einstigen Intendantenbüro Frank Castorfs aufweist. Der Stasi-Chef (Waldemar Kobus) ist erstaunlicherweise eine Frohnatur mit lustig dröhnendem, rheinländischem Akzent. Eine Art Handlung gibt es auch: Die Stasi züchtet zwecks Unterwanderung der Prenzlauer Berg-Boheme eigene Künstler als Einflussagenten. Das bietet Anlass für allerlei Schabernack, etwa wenn der Stasi-Chef Schauspielunterricht erteilt. Der Mielke-Musterkünstler, IM Bunter Hund (Matthias Mosbach), schlurft als Sascha-Anderson-Lookalike durch die Etagen der vollgerümpelten Plattenbau-Puppenstube.

In der schönsten Szene des Abends befielt der Stasi-General seinen Mitarbeitern zwecks Eröffnung neuer Perspektiven im Kreis durch sein winziges Büro zu rennen. So etwa muss sich die DDR für den jungen Leander Haußmann angefühlt haben: Uniformträger-Clowns mit am Handgelenk baumelnden Herrenhandtaschen traben auf Kommando in der Enge im Kreis, nicht wirklich gefährlich, aber ziemlich absurd und peinlich.

Volksbühne Rosa-Luxemburg-Platz, Mitte, Sa 5.1., 19 Uhr, Do 24.1.,19.30 Uhr, Karten 10 – 30 €

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