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Volksstück

Horváth und Nazis: Thomas Ostermeier im Gespräch

„Die Linken sind zerstritten, während draußen die Rechten aufmarschieren“, sagt Thomas Ostermeier. Der Schaubühnen-Chef über die Neue Rechte und seine Horváth-Inszenierung „Italienische Nacht“

Geboren 1968. 1992–96 Regie-Studium an der Hochschule für Schauspielkunst „Ernst Busch“ Berlin. 1996–99 Regisseur und Künstlerischer Leiter der Baracke am Deutschen Theater Berlin. Seit September 1999 Regisseur und Mitglied der Künstlerischen Leitung der Schaubühne. Einladungen zum Berliner Theatertreffen u.a. mit „Messer in Hennen“ (1997), „Shoppen & Ficken“ (1998), „Nora“ (2003) und „Hedda Gabler“ (2005) von Henrik Ibsen, „Rückkehr nach Reims“ (2018). Wichtige Inszenierungen an der Schaubühne waren u.a. „Ein Volksfeind“, „Hamlet“, „Richard III.“ und „Professor Bernhardi“. Foto: Square Lacombe

Vor wenigen Wochen wurde Thomas Ostermeier für seine Inszenierung von „Was ihr wollt“ an der Comédie Francaise gefeiert. International gilt Ostermeier neben Frank Castorf als einer der wichtigsten deutschen Theaterregisseure. Bei unserem Gespräch sitzt er in seinem Büro in der Schaubühne, er kommt gerade von eine Probe von Ödön von Horváths sarkastischer Komödie „Italienische Nacht“.

tip Herr Ostermeier, um was geht es in Horváths Volksstück, das Sie an der Schaubühne inszenieren?
Thomas Ostermeier Horváth schrieb „Italienische Nacht“ 1930, damals versuchte der „Reichsschutzbund“, ein Zusammenschluss von Demokraten, die Republik gegen die Nationalsozialisten zu verteidigen. In dem Stück will ein Ortsverband dieses Reichsschutzbundes in einer bayerischen Kleinstadt ein Sommerfest feiern. Gleichzeitig veranstalten die Rechten einen „Deutschen Tag“. Interessant ist, dass die Nationalsozialisten in Horváths Stück praktisch nicht auftreten, der Fokus ist komplett auf die Linken gerichtet. Sie spielen im Wirtshaus Karten, die älteren Stadträte sind gemütliche Bürger. Einer von ihnen ist überzeugt, solange er Ortsvereinsvorsitzender des Reichsschutzbundes ist, kann die Republik ruhig schlafen. Ein jüngerer Genosse will, dass sich die Linke für den Kampf gegen die Nationalsozialisten bewaffnet. Die Linken sind zerstritten, während draußen die Rechten aufmarschieren. Bei der Berliner Uraufführung 1931 haben sich die Nazis übrigens bestens darüber amüsiert, wie Horváth die naive Hilflosigkeit der Linken vorführt.

tip Filme, Bücher, Serien über das Deutschland der Jahre vor 1933 haben Konjunktur. Weshalb ist, im Gegensatz zu „Babylon Berlin“, Horváths Blick in die Provinz so interessant?
Thomas Ostermeier Horváth guckt nicht darauf, sondern kennt diese Welt aus eigener Anschauung. Geschrieben hat er das Stück in einer bayerischen Kleinstadt, in Murnau. Er selbst musste Murnau verlassen, weil er einen Kellner im Wirtshaus gebeten hatte, das Radio bei einer Hitler-Rede leiser zu drehen. 1933 verwüstet die SA in Murnau die Villa seines Vaters, Horváth muss emigrieren. Die Provinz ist in dem Stück wichtig. Und ihre Bedeutung kommt auch heute wieder zum Tragen: Der Antagonismus zwischen den privilegierten Metropolen mit ihren Globalisierungsgewinnern und den zurückgelassenen ländlichen Regionen ist ein Treibstoff der neuen Rechten. Er zehrt von der Aversion gegen Liberale aus der Großstadt: Von solchen Leuten will man sich in der Kleinstadt irgendwo in Mecklenburg oder Sachsen oder im Mittleren Westen der USA nicht erklären lassen, was für eine Moral, was für eine Sprache man haben soll und wie man sich Ausländern gegenüber zu verhalten hat. Das Stück spielt in einem Wirtshaus in der Provinz, hier tritt das Phänomen, sich abgehängt zu fühlen, deutlich zu Tage.

tip Sie wissen, wovon Sie reden, Sie kommen selbst aus der bayerischen Provinz …
Thomas Ostermeier … und ich habe alles getan, das hinter mir zu lassen. Während meiner Jugend in einer Kleinstadt in Niederbayern war Franz Josef Strauß noch bayerischer Ministerpräsident. Es gab an der Grundschule Lehrer, die Schüler geschlagen haben, Pfarrer, die Kinder missbraucht haben, ohne Schwierigkeiten befürchten zu müssen. Man wusste als renitenter Jugendlicher sehr klar, wogegen man ist. Ich glaube, ohne diese Biografie würde ich nicht machen, was ich heute mache.

tip Helfen diese Erfahrungen, die Genese der neuen Rechten besser zu verstehen?
Thomas Ostermeier Ich kenne das Milieu, auch eine gewisse soziale Not, und ich habe vor dreißig Jahren erlebt, dass dort eine wirkliche Entnazifizierung nicht stattgefunden hat. Hinter vorgehaltener oder auch hinter gar nicht so vorgehaltener Hand wurde der Faschismus verharmlost. Das kommt alles wieder hoch. Bei rechten Aufmärschen in Chemnitz oder Dortmund geht es nicht nur um die Wut der Abgehängten und Frustrierten, oder um den ostdeutschen Mann, der in der Krise ist, es geht auch schlicht um Rassismus. Die rassistischen, antisemitischen, faschistischen Kräfte waren nie ganz weg, jetzt treten sie wieder offen zutage.

tip Bei den sozialdemokratischen Stammtischbrüdern in Horváths Stück denkt man etwas melancholisch, dass die SPD vielleicht schon immer etwas zu bieder, aber immerhin über Jahrzehnte eine Partei war, die dieses Land zivilisierter gemacht hat. Ist es nicht etwas billig, sich jetzt über die SPD-Biedermänner lustig zu machen?
Thomas Ostermeier Die Spaltung der Linken erleben wir ja nicht erst seit Lafontaine. 1914 spaltete sich die SPD wegen der Kriegskredite, in der Weimarer Republik kämpfte die KPD zeitweilig heftiger gegen die SPD als gegen die Nazis. Offenbar neigt die Linke immer zum Streit. Aber es geht mir sicher nicht darum, mich über die SPD lustig zu machen. Ich bin kein Politiker, aber vielleicht wäre es am einfachsten, wenn Angela Merkel SPD-Vorsitzende werden würde. Dann hätte die SPD eine ordentliche Kanzlerkandidatin und die Rechten könnten sich in der CDU wieder wohler fühlen.

„Italienische Nacht“ an der Schaubühne. Foto: Arno Declair

tip Immerhin gönnt Horváth den armen Sozialdemokraten in seiner Komödie ein vergiftetes Happy End: Noch steht die Republik.
Thomas Ostermeier Bei uns gibt es kein Happy End, so viel kann ich verraten. Für mich ist die Begegnung mit Horváths Figuren im Moment wie eine Fahrt mit der Geisterbahn. Da sitzen die Fratzen der Provinz …

tip … sagt der gefeierte Regisseur in seinem Büro in der Schaubühne mit Blick auf den Kurfürstendamm, aus Sicht der Abgehängten in der Provinz sozusagen der Inbegriff des elitären Großstädters.
Thomas Ostermeier Ich bin ja selber eine Fratze aus der Provinz, mein Theaterbegriff ist das Gegenteil von elitär. Alle Protagonisten der Inszenierung kommen aus der Provinz. Sebastian Schwarz ist in einem kleinen Ort in Thüringen aufgewachsen, in seiner Jugend war die SPD dort die einzige politische Kraft, die etwas gegen die Rechtsradikalen gemacht hat. Hans-Jochen Wagner kommt aus der schwäbischen Provinz. Alina Stiegler und Veronika Backfischer kommen aus Bayern, aus der Nähe von München und aus Augsburg. Alle, die auf der Bühne stehen, wissen, wovon sie reden. Die Provinz bleibt immer in einem. Später schafft man sich seine eigene Provinz. Viele Theaterleute schaffen sich mit dem Theater ihre Provinz, heute nennt man das Blase.

tip Und dann sitzt das liberale Großstadt-Bürgertum im Zuschauerraum der schönen Schaubühne und amüsiert sich über die rechten Kleinstadt-Wirtshaus-Hinterwäldler.
Thomas Ostermeier Das Stück schaut nicht auf die Rechten, sondern auf die Linken in der Provinz! Und unser Blick ist hoffentlich präzise und eben nicht arrogant und denunzierend. Ich mache kein Theater für arrivierte Bürger, sondern für die Leute, die wie ich aus der Provinz gekommen sind oder ohne elitären Dünkel aufgezogen wurden. Auch wenn wir nur zweimal im Jahr dahin fahren – an Weihnachten und zu den Geburtstagen der Eltern oder um uns darum zu kümmern, in welches Pflegeheim die Eltern gehen können – sind wir mit dieser Herkunft verbunden. Und egal, wo man aufgewachsen ist, wir leben in einem Land. Schon deshalb ist es einfach auch politisch falsch, mit Arroganz oder Ignoranz auf die ländlichen Kleinstädte herabzuschauen. Die Fratzen der Provinz gibt es überall, auch auf einem Betriebsfest in Gelsenkirchen oder einem Stadtteilfest des SPD- oder CDU-Ortsverbands Berlin-Tempelhof. Ich war im Vorfeld dieser Inszenierung aus Neugierde auf den Neujahrsempfängen der Berliner SPD und der Linkspartei. Was da zwischen Bouletten und deutschem Schlager abgeht, das ist eine Geisterbahn.

tip Da spricht der Distinktionsdünkel des arrivierten Künstlers, der andere Musik hört und sich anders ernährt als das Kleinbürgertum – Bourdieu lässt grüßen.
Thomas Ostermeier Es geht mir nicht um Dünkel, überhaupt nicht. Es geht eher um einen Verlust. 1968 war die Linke kraftvoll und attraktiv, weil sie dem Wunsch nach politischer Veränderung eine Protestkultur beigesellt hat, die, auch in der Provokation des Bürgers, eine gewisse Erotik hatte. Das fehlt heute komplett.

tip Das ist eine Kritik, die Politik mit Ästhetik und Hippnes-Faktor verwechselt.
Thomas Ostermeier Ich rede nicht nur von Ästhetik, ich rede zum Beispiel von einem Gefühl jugendlicher Rebellion, von einer Gegenkultur, die den ganzen Unwillen gegen die Disziplinierungsmaßnahmen von Familie, Schule, Staat artikuliert. Das unter anderem hat mich vor dreißig Jahren in der Provinz politisiert. Für diese Wut auf die Verhältnisse hat die Linke derzeit keine Angebote. Die Rechte macht jede Menge Angebote und ist dabei offenbar ziemlich erfolgreich: Protest und Bürgerschreck-Provokation ist heute rechts. Das ist ein Riesenproblem.

tip Wie spiegelt sich Horváths Stück von 1930 in der Gegenwart von 2018?
Thomas Ostermeier Sicher nicht eins zu eins. Zu sagen, wir sind in einer Situation wie drei Jahre vor der Machtergreifung Hitlers, ist Quatsch. Wir wissen nicht, wie es ausgeht. Aber eine Demonstration wie #unteilbar macht mir große Hoffnung, dass es noch nicht zu spät ist, dem ganzen Spuk ein Ende zu machen.

Termine: Italienische Nacht in der Schaubühne Karten 7 – 48 €

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