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Klassiker

„Hunger. Peer Gynt“ im Deutschen Theater

Delirium in schwarz-weiß: Sebastian Hartmann collagiert Knut Hamsuns „Hunger“ mit Henrik Ibsens „Peer Gynt“. Bewusstseinszustände, die zwischen Hass und Sehnsucht taumeln

Foto: Arno Declair

Der sicherste Weg, sich den Besuch einer Inszenierung Sebastian Hartmanns zu verderben, dürfte darin bestehen, ihre Überschriften ernst zu nehmen. Die szenischen Assoziationsübungen Hartmanns sind in der Regel nur lose an die literarischen Werke gekoppelt, deren Titel der Regisseur verwendet. Wer das Pech hat, die von Hartmann genannten Romane und Theaterstücke zu kennen und altmodischerweise zu hoffen, ein Abend, der beispielsweise „Peer Gynt“ heißt, mache sich die Mühe, das gleichnamige Stück von Henrik Ibsen aufzuführen, hat einen unerfreulichen Theaterbesuch vor sich.

Besser dran sind von solchem Vorwissen unbelastete Theaterbesucher, die erst gar nicht die Auseinandersetzung mit literarischen Werken erwarten und sich in schöner Unschuld den atmosphärischen Reizen des Bühnengeschehens anvertrauen. In schlechteren Hartmann-Inszenierungen, etwa seinem wirren „Ulysses“ am Deutschen Theater, gleicht dieses Verfahren einem Bluff. In seinen besseren Arbeiten gelingen Hartmann allerdings beeindruckende Bilder, dichte Atmosphären und im rabiaten Umgang mit literarischen Vorlagen zumindest verblüffende Assoziationsketten.

Sein neuer Abend am Deutschen Theater Berlin, dessen Doppeltitel „Hunger. Peer Gynt“ auf einen 1890 erschienenen Roman Knut Hamsuns und ein 1876 uraufgeführtes Theaterstück Ibsens verweist, gehört eindeutig zu seinen gelungenen Arbeiten. Hartmann macht sich zunutze, dass Hamsuns kurzer Roman die Fieberwahnzustände eines verarmten und offenbar recht überspannten Möchtegernschriftstellers nicht aus sicherem Abstand des auktorialen Erzählers aufbereitet, sondern selbst in den Taumel dieses zunehmend durchdrehenden Nervenbündels gerät.

Dieser Dramaturgie folgend, interessiert sich die Inszenierung weniger für die karge Handlung als für die seltsam zwischen überreizter Wachheit und erschöpftem Halbdämmer, Traumzuständen, Hass- und Sehnsuchtsausbrüchen taumelnden Bewusstseinszustände des Protagonisten, ein Bewusstsein in der Twilightzone. Die Selbstgespräche, Wahnbilder und Anklagen gegen Gott sind auf die zehn Darsteller (Elias Arens, Edgar Eckert, Manuel Harder, Marcel Kohler, Peter René Lüdicke, Linda Pöppel, Linn Reusse, Natali Seelig, Cordelia Wege, Almut Zilcher) verteilt, die in altmodischen schwarzen Anzügen oder weißen Brautkleidern (Kostüme: Adriana Braga Peretzki) durch die dichten Nebelschwaden der schwarz ausgeschlagenen Bühne treiben – es ist eine Welt in schwarz-weiß (Bühne: der Regisseur).

Zentrales Bühnenbildelement ist die großformatige Projektion eines Landschaftsbilds des Video- und Installationskünstlers Tilo Baumgärtel, das im Lauf der Aufführung von den auf hohen Leitern balancierenden Darstellern über- und nachgemalt wird, ein aus früheren Hartmann-Inszenierungen bekanntes Motiv.

Viele der Darsteller-Solos sind dicht und stark: Cordelia Weges Herbstbeschreibung aus „Hunger“ („…der Karneval der Vergänglichkeit“); Marcel Kohler, der mit ausgebreiteten Armen Gott beschimpft als würde er ihn am liebsten zum Duell fordern; und vor allem eine konzentriert spielende Almut Zilcher, die den Tod der Mutter Peers mit Samuel-Beckett-Zitaten anreichert: „Ende. Es geht zu Ende. Es geht vielleicht zu Ende…“ Diese Solos der Darsteller sind nur lose miteinander verbunden, vielleicht eine Folge des dissoziierten Bewusstseins des Peer-Hunger-Protagonisten.

Dass hier aus dem Nichts eine Welt geschaffen wird und das Bühnengeschehen seine eigene Wirklichkeit schafft, macht schon der Prolog klar, wenn Edgar Eckert durch Nebelwände tanzt und ruft, erst das Wort schaffe Bedeutung. Das ist zwar ein „Hunger“-Zitat, passt aber auch zum Dauerlügner Peer. Später wird ein Zylinderträger seinen Kopf umfassen, um klar zu machen, dass sich der Handlungsraum des Abends unter der Schädeldecke befindet: „Hier ist Raum.“ Wie eine Gebrauchsanweisung für den Abend wird das mit einem Gruß an den guten alten Konstruktivismus und der Behauptung, jedes Bewusstsein produziere seine eigene Wirklichkeit, variiert, nun ja.

Deutsches Theater Sa 10., Do 22.11., 19.30 Uhr, Karten 5 – 42 €

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