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Sarah Wiener im Gespräch

Sarah Wienertip Gerade haben Sie ein neues Restaurant im Kommunikationsmuseum eröffnet, Sie haben das Catering im Berliner Congress Centrum übernommen, schreiben Kochbücher und kochen neuerdings in Bremen für Daimler-Benz. Kommen Sie überhaupt noch dazu, sich selbst etwas zu kochen?

Sarah Wiener Ich koche viel selber, weil ich auch einen Mann habe, der viel Hunger hat. Nur wenn ich allein bin, dann koche ich fast nie.

tip Kochen Sie in Ihren Restaurants selbst?

Wiener Selten, weil ich immer viel unterwegs bin. Nur in der ersten Zeit, in der ich meine Restaurants aufgemacht habe, habe ich gekocht.

tip Das heißt, Sie delegieren und geben Verantwortung ab?

Wiener Natürlich. Ich habe Geschäftsführer, in jedem Restaurant einen Restaurantleiter, ich habe einen Veranstaltungsmanager, Chefköche. Das geht gar nicht anders. Als ich das selber gemacht habe, bin ich schon nach einem Dreiviertel Jahr in die Knie gegangen. Mich interessieren auch keine Zahlen. Ich will keine Buchhaltung machen. (lacht)

tip Sie haben Ihre Kochkarriere ohne Ausbildung und Abschlüsse gestartet. Haben Sie keinen Ehrgeiz, das nachzuholen?

Wiener Drei Jahre Ausbildung nachzuholen hätte ich keinen Ehrgeiz. Ich bilde mich ja permanent weiter aus. Ich glaube, auch vielfältiger und genauer als jeder an­dere Koch. Ich habe das Glück, durch ganz Europa fahren zu können und den Köchen dort über die Schulter schauen zu dürfen.

tip Arbeiten Sie an einem Stern für Ihre Kochkünste?

Wiener Nein. Ich bin kein Sternekoch, und das ist auch keine Küche, die ich anstrebe. Für mich hat Kochen sehr viel mit meiner Philosophie zu tun. Mir ist es wichtiger, dass das Kulturgut Kochen bewahrt wird und ich den Leuten zeigen kann, wie ein Semmelknödel geht, als die Originellste zu sein. Ich sehe mich da als widerborstige Köchin, die vielleicht auch mal nur Brotaufstriche macht. Oder ein Fladenbrot oder eine gefüllte Orangenscheibe mit Olivenpesto. Ich bin kein Pinzettenkoch. Ich lege keine Mosaike und reduziere nicht gern Sößchen – und deshalb werde ich auch nie einen Stern erringen. Als Österreicherin hoffe ich aber, dass ich irgendwann einmal eine Professur geschenkt bekomme und dadurch meine Minderwertigkeit als Schulabbrecher kompensieren werde. (lacht)

sarah_wienertip Sie gehören zusammen mit Johann Lafer und Tim Mälzer zu den bekanntesten Fernsehköchen der Republik. Was unterscheidet Sie von normalen Restaurantköchen?

Wiener Es gibt Restaurantköche, die in der Küche stehen und 18 Stunden kochen – und es gibt Medienköche. Es ist völlig absurd, wenn jemand an das Märchen glaubt, dass ein Medienkoch – was wirklich ein Fulltime-Job ist – dann noch mal um drei in der Nacht schnell in die Küche eilt und für 150 Leute alles vorbereitet, um am nächsten Morgen um acht Uhr in der Früh zum nächsten Date zu fliegen. Das funktioniert nicht. Medienköche müssen mehr können als Kochen. Wir sind alle in den Medien erfolgreich, weil wir Charisma haben oder reden können – einen Haupt- mit einem Nebensatz verbinden können.

tip Haben Sie es als Frau schwerer?

Wiener Es ist zumindest oft so, dass dir eine fachliche Kompetenz abgesprochen wird. Ich habe noch nie davon gehört, dass man einem Mann unterstellt hat, er hätte sich nach oben gevögelt. Mir hat zwar noch niemand ins Gesicht gesagt: Du kannst nicht kochen. Aber komischerweise kommen dann immer Journalisten und sagen: Na ja, man sagt ja, Sie können nicht kochen. Da bekomme ich dann eher einen Lachanfall. Ich habe 20 Jahre gekocht, mit tausenden Leuten und Küchenteams.

Fotos: Jens Berger/tip

Das ganze Interview unserer tip-Autorinnen Britta Geithe und Eva-Maria Hilker lesen Sie im tip 10/09 aus Seite 15/16

 

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