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Geschlechtsangleichung

„Ich war nie ein Mann!“ – Gespräch mit Pari Roehi

In ihrer Kindheit hat Pari Roehi, 27, eine im Iran geborene Transgender-Frau und seit kurzem auch Buchautorin, mit Barbies gespielt, später bei Germany’s Next Topmodel mitgemacht. Mit dem tip sprach sie über Herkunft, Identität und sehr moderne Eltern

Foto: Privat
Foto: Privat

tip Frau Roehi, Sie sind als Kind einer iranischen Flüchtlingsfamilie in den Niederlanden im Körper eines Jungen aufgewachsen. Was hat Sie am meisten geprägt: Ihre iranische Herkunft? Ihre Flüchtlingsgeschichte? Oder Ihre vom Körper abweichende sexuelle Identität?
Pari Roehi Es gab nicht die eine Sache, die mich zu der gemacht, die ich jetzt bin. Da kam vieles zusammen. Meine iranische Herkunft mag dafür verantwortlich sein, dass ich sehr traditionelle Vorstellungen von Mann-Frau-Beziehungen habe. Im Iran hält der Mann der Frau die Tür auf, bringt ihr Respekt entgegen und sorgt auch wirtschaftlich für die Familie. Anders als in Europa, wo sogar verheiratete Paare oft getrennte Bankkonten haben.

tip Aktuell wird viel über Flüchtlinge diskutiert. Sie und Ihre Familie waren Flüchtlinge, sind aus dem Iran in die Niederlande geflohen. Was empfinden Sie angesichts dieser Debatte?
Pari Roehi Mich erstaunt, wie viel Hass und Ignoranz den Flüchtlingen entgegenschlägt. Als wir vor 20 Jahren nach Holland kamen, waren die Leute dort uns gegenüber zwar ebenfalls unsicher, aber nicht so hasserfüllt. Letztlich herrschte damals in den Niederlanden das Gefühl vor: Wir kriegen das hin. Man muss eben verstehen, dass Flüchtlinge Leute sind, die vorher ein normales Leben hatten und nun aus diversen Gründen nicht mehr in ihrer Heimat leben können. Bei uns war es die Politik, die die Menschen vertrieben hatte. Aktuell ist es hauptsächlich Krieg, der Flucht verursacht.

tip Trotzdem hatten Sie die Zeit in den Flüchtlingsunterkünften als sehr belastend empfunden.
Pari Roehi Ja, natürlich! Wir hatten unser Haus, unsere Familie, einfach alles hinter uns gelassen und mussten dann mit drei Personen in einem zwei mal zwei Meter kleinen Zimmer wohnen. Es war schmutzig und man musste alles teilen. Für uns Kinder war das schlimm. Im Iran hatten wir ein schönes Zuhause gehabt.

tip In Ihrem Buch beschreiben Sie, dass Sie sich von früher Kindheit an für Mädchenspielzeug, Kleider und Kosmetik interessierten. Ihre Mutter ließ Sie gewähren. Woher kam diese Toleranz?
Pari Roehi Meine Mutter wollte einfach ein glückliches Kind haben. Sie selbst erlebte in ihrer Kindheit nicht viel Freiheit, wollte dies aber für mich und meinen Bruder. Meine Mutter ist eine sehr offene Frau. Ich kann mit ihr über alles reden, auch über Sex. Sie würde mich niemals verurteilen.

tip Als sie mit 17 aus dem Elternhaus zogen, sind Sie eine Zeit lang ziemlich abgestürzt, nahmen Kokain und andere Drogen. Woran lag das?
Pari Roehi Das hatte etwas mit Einsamkeit und mangelnder Selbstliebe zu tun. Ich mochte meinen Körper nicht, fühlte mich innerlich leer, weswegen ich auch so Schwierigkeiten mit Männern hatte: Ich klammerte sehr, wollte die Leere in mir füllen. Mit Hilfe von Drogen oder eben durch einen Mann. Ich fühlte mich nicht komplett.

tip Es war ihr iranischer Stiefvater, der Sie in Ihren Teenagerjahren auf die Möglichkeit der medizinischen Geschlechtsangleichung aufmerksam machte.
Pari Roehi Mein Stiefvater kommt aus einer sehr aufgeklärten Familie, seine Eltern sind unglaublich intelligente, kluge Leute. Im Iran hatten sie sich als Kommunisten zu Zeiten des Schahs politisch stark eingemischt. Dafür sind sie ins Gefängnis gekommen, mussten fliehen. Davor bewegten sie sich in einer Umgebung von Akademikern, kannten aus der Nachbarschaft damals schon einen Jungen, der ein Mädchen geworden war. Außerdem gab es in der Familie Schwule und Lesben. Mein Stiefvater ging mit meiner sexuellen Identität deswegen sehr locker um. Das ist bis heute so.

tip Mit 19 Jahren haben Sie die geschlechtsangleichende OP machen lassen. Was hat sich für Sie seitdem verändert?
Pari Roehi Das Wichtigste ist, dass ich in meinem Kopf jetzt Ruhe habe. Ich will morgens in den Spiegel gucken und mich gut fühlen. Mein Innenleben soll mit meinem Aussehen übereinstimmen. Wenn ich früher im Bad war hatte ich immer Angst, es könnte jemand reinplatzen und dieses männliche Geschlechtsteil sehen, das überhaupt nicht zu mir passte. Trotzdem bin ich nach der OP natürlich noch die Pari von früher, meine Persönlichkeit hat sich nicht geändert, außer, dass ich erwachsener geworden bin.

tip In Berlin, wo sie seit fünf Jahren leben, gab es letzten Dezember einen Hass-Überfall auf eine Transfrau, die in einem Kiosk arbeitete. Begegnet Ihnen ebenfalls manchmal Hass?
Pari Roehi Wenn mir Hass in den sozialen Netzwerken entgegenschlägt, dann kann man die Verursacher glücklicherweise blocken. Das mache ich auch. Hass spüre ich eher von Frauen. Neid. Wenn ich sehr schön gekleidet bin und zu einer Party oder einem Event komme, dann sagen manche Frauen abfällig: ,Guck mal, da kommt die, die bei Germany’s Next Topmodel mitgemacht hat. Das war früher ein Kerl.’ So etwas zu hören, ist sehr enttäuschend.

tip Sie arbeiten nach wie vor noch als Model. Kann man davon leben?
Pari Roehi Ich habe Werbeverträge, einen davon mit Facialteam in Marbella, Spanien, die meine Feminisierungs-Gesichts-OP gemacht haben. Für die bin ich als Botschafterin tätig. Außerdem betreibe ich einen Youtube-Kanal, in dem es um Beauty-Themen, aber auch um Fragen rund um Transgender geht. Ich möchte aufklären, denn die Leute stellen viele, manchmal auch peinliche Fragen rund um das Thema Geschlechtsangleichung.

tip Was sind das für Fragen?
Pari Roehi Es geht um mein Geschlecht, meine sexuellen Vorlieben – Privatsachen. Eigentlich steht mein persischer Background der Beantwortung dieser Fragen entgegen. Über zwei Sachen redet man im Iran nicht: Sex und Geld. Aber ich muss darüber reden. Denn Leute verhalten sich mir gegenüber manchmal sehr ignorant, sprechen über mich wie über ein Ding: Da wurde aus einem Penis eine Vagina gemacht. Es geht in diesen Gesprächen um Mechanisches, nicht um Gefühle, die Seele. Das stört mich, aber da muss ich wohl durch, wenn Leute verstehen sollen, was Transgender bedeutet. Am meisten stört mich aber, wenn Leute sagen: Sie war früher ein Mann.  Das tut weh, so etwas zu hören! Denn ich war nie ein Mann. Für mich ist ein Mann jemand, der als Mann gelebt hat, eine männliche Geschichte hat. Aber die habe ich nicht. Ich war ein kleiner Junge – und dann habe ich mein Geschlecht geändert. Punkt.

tip Was planen Sie für die Zukunft?
Pari Roehi Privat wünsche ich mir natürlich einen tollen Partner. Nach fünf Jahren Beziehung bin ich seit letztem Sommer wieder Single. Außerdem will ich irgendwann unbedingt Kinder haben. Was das Berufliche angeht: Ich möchte mehr Fernsehen machen, moderieren, ein eigenes Programm haben. Aber das hängt natürlich stark von anderen ab, ob ich das schaffe. Für solche Ziele muss ich immer mehr als andere kämpfen, denn leider gilt man mit einer Transidentität oft als Witzfigur, wird als nicht seriös wahrgenommen. Die Leute denken, da kommt eine Olivia Jones oder eine Conchita Wurst. Die verstehen nicht, dass dies Künstler sind – und Männer.
Ich aber bin eine Frau.

Mein bunter Schatten. Lebensweg einer Transgender-Frau von Pari Roehi, Neues Leben, Nov. 2016, 288 S., 19,99 €

Buchpremiere Möbel Olfe, Mo, 16.1., 20 Uhr, Reichenberger Str. 177, Kreuzberg, Eintritt frei, www.moebel-olfe.de

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