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Im Gespräch mit dem Autoren des „Handbuchs für Uni-Hasser“

Himmelrathtip Campus Herr Himmelrath, Sie hassen die Uni so sehr, dass Sie darüber ein Buch ?geschrieben haben. Was finden Sie denn so schlimm am deutschen Hochschulsystem?
Armin Himmelrath Am Schlimmsten ist die Sorglosigkeit, mit der an der Uni mit den Studenten umgegangen wird. Die Hochschulen kümmern sich überhaupt nicht um die Situation der Studenten. Was den Menschen in diesem System zugemutet wird, ist fatal.

tip Campus Was genau meinen Sie damit?
Himmelrath Kein Arzt lässt seine Patienten stundenlang in zugigen, schlecht beleuchteten Fluren auf dem Fußboden warten. An der Uni ist das der ganz normale Alltag. Das ist, finde ich, eine ziemliche Frechheit!

tip Campus Als Student kann man aber schon froh sein, wenn ein Professor überhaupt mal Sprechstunde hat und man ihn dann auch wirklich in seinem Büro antrifft.  
Himmelrath Das stimmt. In der Regel sind die Profs nicht im Büro, gehen nicht ans Telefon und beantworten keine E-Mails. Das Betreuungsverhältnis zwischen Professoren und Studenten ist einfach nur miserabel.

tip Campus Woran liegt das?
Himmelrath Viele Dozenten empfinden ihr Dasein als Lehrende einfach als lästig. Sie haben keine Lust, die tausendste mittelmäßige Arbeit über ein für sie ödes Thema zu lesen. Aber das ist ihr Job. Kein anderer Berufsstand kann sich so eine Arbeitshaltung erlauben.

tip Campus Es sind aber nicht nur die trägen, unerreichbaren und total unmotivierten Professoren, die den Studenten das Leben zur Hölle machen.  
Himmelrath Nein, natürlich nicht. Die Hochschule ist ein riesiges, undurchschaubares System aus bizarren Regeln und Vorschriften. Manchmal bin ich einfach nur fassungslos: ?Es gibt doch tatsächlich Prüfungsämter, die einen Hochschulwechsel nicht akzeptieren, weil auf einem Leistungsnachweis ein eckiger und kein runder Stempel ist.

tip Campus Das ist ein Scherz, oder?
Himmelrath Nein, das ist der ganz normale Irrsinn des Uni-Alltags und es ist eine wahre Geschichte: Ein Student wollte von der Uni Passau an die Uni Regensburg wechseln. Und dieser Student musste tatsächlich wegen des Stempels insgesamt dreimal die rund 130 Kilo-meter hin- und zurückfahren: Erst als seine Leistungsnachweise runde Stempel hatten, wurde sein Hochschulwechsel anerkannt. Das ist doch absurd. Und es ist kein Einzelfall!

tip Campus Ihr Handbuch für Uni-Hasser ist voller Beispiele für diesen bürokratischen Wahnsinn an den Hochschulen. Was gibt es da noch alles?
Himmelrath Die Sache mit der Anwesenheitspflicht zum Beispiel. Dieses ganze Theater ist doch Kinderkram. Man darf nur zweimal fehlen, sonst hat man den Kurs nicht bestanden – was für eine schwachsinnige Regel! Und das Schlimmste: An der Uni werden solche Vorschriften wichtiger genommen als die Menschen. Das geht gar nicht.

tip Campus Was ist das Schockierendste, was Sie an Vorschriftentreue erfahren haben?
Himmelrath Das Schockierendste, was ich je gehört habe, habe ich leider erst erfahren, als mein Buch schon auf dem Weg in die Druckerei war. Auf einer Uni-Party wurde eine Studentin vergewaltigt. Noch mehrere Wochen danach hatte sie Angst, wieder zur Uni zu gehen. Sie hatte Angst vor den Seminarräumen. Aber natürlich wollte sie ihr Studium trotz allem nicht aufgeben. Also ist sie mit ihrer Krankschreibung zur Studiengangsleitung gegangen, um sich das Semester trotz vieler Fehlstunden anerkennen zu lassen. Aber die sagten nur, dass, wer mehr als zweimal gefehlt hat, das Semester wiederholen muss. Ich kann nur sagen: Hoffentlich gibt es auch Uni-Verwaltungen, die anders entscheiden würden.

tip Campus Doch, dass Vorschriften wichtiger genommen werden als Menschen, das erlebt man auch außerhalb der Uni, etwa auf Bezirksämtern oder dem Jobcenter.
Himmelrath Das stimmt. Aber gerade von den Hochschulen empfinde ich ein solches ?Verhalten als besonders krass. Denn die Unis treten mit einem anderen Anspruch auf: Unis stehen für freiheitliches, unabhängiges Denken. Aber tatsächlich sind sie oft kleinkariert, bürokratisch und voller sinnloser Regeln. Das genaue Gegenteil also. Und das macht mich wütend. Bei einem Bezirksamt oder Jobcenter erwartet man gar nicht, freiheitliches Denken vorzufinden – an Hochschulen schon.

tip Campus Mit all den mehr oder weniger absurden Erfahrungen, die man als Student macht, kennen Sie sich gut aus. Sie selbst haben in den 80er-Jahren Sozialwissenschaft und Germanistik studiert. Ein paar Jahre nach Ihrem Abschluss haben Sie sich sogar noch einmal eingeschrieben und den Fortbildungsstudiengang Umweltbildung für Journalisten an der HU gemacht. Was war denn Ihr schlimmstes Uni-Erlebnis?
Himmelrath In meinem ersten Semester musste ich eine Einführungsvorlesung im Fach Wirtschaft belegen. In dem Hörsaal waren über 400 Menschen eingepfercht. Viele standen oder saßen auf dem Boden. Solche Szenerien dürfte jeder Student kennen. Der Saal war einfach total überfüllt. Zur Begrüßung sagte der Prof zu uns: „Jeder von Ihnen schaut jetzt mal nach rechts und nach links. Merken Sie sich: Nur einer von Ihnen dreien wird bis zum Ende durchkommen. Sehen Sie zu, dass Sie es sind!“ Das ist doch eine Unverschämtheit! So geht man doch nicht mit Erwachsenen um!

tip Campus Nach allem, was Sie erzählen, bleibt man dem ganzen wissenschaftlichen Betrieb doch wohl am besten so fern wie möglich, oder? Trotzdem kehren Sie selbst immer wieder an die verhasste Uni zurück: Seit 2004 haben Sie einen Lehrauftrag an der FU. Leiden Sie gerne?  
Himmelrath Das ist es nicht, ein Masochist bin ich nicht. Für mich waren die Unis und der ganze akademische Betrieb schon immer eine sehr faszinierende Welt. Eine Welt, die mir sehr am Herzen liegt. Und wie das eben so ist: Über Sachen, die man mag, regt man sich um so mehr auf, wenn sie schief laufen. Deshalb bin ich ja so wütend, aber deshalb kehre ich auch immer wieder zurück. Aus dieser Hassliebe heraus habe ich auch das Buch geschrieben. Ich will, dass sich die Situation an den Hochschulen ändert.

tip Campus Glauben Sie wirklich, dass Veränderung möglich ist? Sie haben ja selbst gesagt, dass die Uni ein System ist, auf das der Einzelne kaum einen Einfluss hat.
Himmelrath Das ist keine Frage des Glaubens, sondern der Hoffnung. Ich hoffe, dass sich die Dinge ändern. Der bundesweite Bildungsstreik hat es ja auch gezeigt: Veränderungen sind möglich. So wurde die Anwesenheitspflicht größtenteils wieder abgeschafft. Und Frau Schavan ist sogar auf die Studenten zugegangen und hat mit ihnen geredet. Das ist ja sonst nicht gerade ihre Stärke.

tip campus Die ganz große Revolution ist das aber nicht. Und viel geändert hat sich seit den Protesten bisher auch noch nicht.
Himmelrath Nein, natürlich nicht. Die Uni ist ein großer Tanker, der sich eben nur sehr schwerfällig bewegt. Aber wenigstens bewegt sich überhaupt etwas. Es ist ja tatsächlich so etwas wie eine Diskussion aufgekommen. Außerdem: Man kann auch auf kleiner Ebene Dinge verändern. Auch ohne das ganz große revolutionäre Ziel vor Augen zu haben.

tip Campus Kann ich denn überhaupt als ?einzelner Student etwas tun?
Himmelrath Wichtig ist, dass man nicht klein beigibt, sondern dass man sich wehrt. Am besten, man tut sich mit anderen zusammen. Alles, was falsch läuft, muss massiv öffentlich gemacht werden. Notfalls muss eben auch mal die Rechtsschutzversicherung der Eltern herhalten. All die absurden Regeln dürfen nicht einfach so akzeptiert werden. Ich möchte dazu ermuntern, die Dinge zu hinterfragen und gegen die Frechheit und Unzumutbarkeit des Systems anzukämpfen.

tip Campus Das klingt sehr anstrengend und so gar nicht nach einem gemütlichen Studentenleben. Soll man sich die Uni und ein Studium wirklich antun?
Himmelrath Ich hoffe doch sehr, dass man sich das antut. An der Uni trifft man die tollsten und interessantesten Leute, die ein erfrischendes Maß an Verrücktheit und Unangepasstheit mitbringen. Der akademische Betrieb steckt voller Chancen, Anregungen und – ob Sie es nun glauben oder nicht: voller Humor.

tip Campus In Ihrem Handbuch für Uni-Hasser liest man darüber sehr wenig. Hat das Buch nicht eher eine abschreckende Wirkung auf Abiturienten und Studienanfänger?
Himmelrath Nein, das denke ich nicht. Und das wollte ich auch nicht. Mein Buch soll eine Art Impfung sein: Es ist wichtig, dass man auf das vorbereitet ist, was einen an der Uni erwartet. Jemand, der völlig ahnungslos ins erste Semester stolpert, bricht eher ab, als jemand, der weiß, was ihn erwartet.

tip Campus Wenn Sie den Leuten zum Studieren raten, können Sie dann einen Tipp geben, wie man diesen ganzen tollen Wahnsinn, der sich Uni nennt, durchsteht?
Himmelrath Man sollte einen ironischen Blick entwickeln und mit viel Gelassenheit an die Sache rangehen. Dabei könnte mein Buch helfen. Man muss wissen, dass man als Student einem skurrilen, absurden und zynischen Alltag ausgesetzt wird und mit einer systematischen Missachtung der eigenen Wünsche und Bedürfnisse zu rechnen hat. Wenn man das kapiert hat, dann ist es leichter zu ertragen. Die Uni wird dadurch zwar nicht besser, aber vielleicht schafft man es ja, die Leute im Prüfungsamt, die auf den runden Stempel bestehen, einfach mal auszulachen.

Interview: Katharina Wagner

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