• Kultur
  • „Im Netzwerk der Berliner Moderne“ im Georg Kolbe Museum

Georg Kolbe

„Im Netzwerk der Berliner Moderne“ im Georg Kolbe Museum

Es herrschte Aufbruchsstimmung. Bereits vor mehr als 100 Jahren zog es viele Künstler nach Berlin. Hier arbeiteten die Brücke-Künstler um Ernst Ludwig Kirchner wild und expressiv, während die Berliner Secessionisten auf impressionistischen Pfaden wandelten. Pioniere der Architektur wie Ludwig Mies van der Rohe oder Walter Gropius verbrachten ihre Lehrjahre in der Stadt. Und einer hat sie alle porträtiert: Georg Kolbe.

Tamara Karsawina in Georg Kolbes Atelier um 1912. Foto: Bildarchiv GeorgKolbe Museum
Tamara Karsawina in Georg Kolbes Atelier um 1912. Foto: Bildarchiv Georg Kolbe Museum

 1877 in Sachsen geboren, kam der studierte Maler und Zeichner 27-jährig nach Berlin. Er trat der Secession bei und erntete erste Anerkennung als Bildhauer. Seine grazile Bronze einer „Tänzerin“, gekauft durch die Nationalgalerie 1912 als erste moderne Skulptur überhaupt, war der Durchbruch. Kolbe wurde der Bildhauer der Weimarer Republik und mit seiner Frau Benjamine so etwas wie ein moderner Netzwerker.
Als erfolgreichster deutscher Bildhauer schuf er Porträts seiner Zeitgenossen aus Kunst, Architektur, Politik und Gesellschaft – an die 200 Köpfe und Büsten. Sie vermitteln auch heute noch ein Bild der Epoche, die durch Glanz und Widerspruch geprägt war. Etwa 50 solcher Porträtskulpturen versammelt nun die Schau „Im Netzwerk der Berliner Moderne“.
Man begegnet ihnen im Georg Kolbe Museum auf Augenhöhe. Auf hohen Sockeln thronen der Musiker Ferruccio Busoni, der Chirurg Ferdinand Sauerbruch, der Architekt Hans Poelzig und der Maler Max Slevogt. Der Kopf des Reichspräsidenten Friedrich Ebert, expressiv nach der Totenmaske modelliert, stellte einst einen Skandal dar. Als „zu modern“, zu wenig staatstragend wurde sie empfunden, so Direktorin Julia Wallner, die die Schau zum 140. Geburtstag Kolbes erarbeitet hat.
Es tobte damals ein Richtungsstreit um die Frage: „Wie soll die neue Kunst aussehen?“ Die künstlerische und gesellschaftliche Avantgarde dieser Tage suchte nach neuartigen Formen für eine Zeit im Umbruch. Kolbe war über das reine Abbild hinausgegangen und mit seiner lebensnahen Darstellung angeeckt. Seine Porträt-Skulpturen sind immer auch Ausdruck formaler Überlegungen.
Die Reihe der Zeitgenossen, die der Tanzliebhaber und Nietzscheverehrer porträtiert hat, steht gleich am Empfang. Fotos, Zeichnungen, Gemälde und historische Dokumente ergänzen das Spektrum. Das Thema Architektur vertieft ein eigener Raum. Denn Kolbes Skulpturen waren oft im Zusammenhang mit der Architektur der Moderne ausgestellt, so im Pavillon Mies van der Rohes auf der Weltausstellung in Barcelona 1929. Außerdem werden Arbeiten gezeigt, die Kolbe von anderen Künstlern besaß: von seinem Freund Schmidt-Rottluff etwa das Bild „Aufgehender Mond“.
Abschließend ist ein Saal den berühmten Tanz-Skulpturen gewidmet: „Nijinsky“ oder Tamara Karsawina vom Ballets Russes, die um 1912 Kolbes Atelier besuchte. Dass der Bildhauer dem pulsierenden Tiergarten-Viertel, wo er anfangs wohnte, den Rücken kehrte, lag am Tod seiner Gattin. Die holländische Sängerin Benjamine van der Meer de Walcheren nahm sich 1927 das Leben. Er wollte ihr nahe sein und ließ sich 1928 unweit des Wald-Friedhofs Heerstraße das Atelier-Haus errichten, das heute sein Museum ist.

Im Netzwerk der Berliner Moderne Georg Kolbe Museum, Sensburger Allee 25, Charlottenburg, tgl. 10–18 Uhr, bis 1.5.

Bewertungspunkte2

Mehr über Cookies erfahren