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Im Wald – Bäume, Tiere, Pilze, Luft

Waldes Ruh’: Er befriedet die Seele,  ein Ausgleich in der schnelllebigen Zeit. Wir brauchen ihn. Und sein Umbau hat gerade erst begonnen. Wieso der Berliner Wald für uns immer wichtiger wird

Foto: Jolanda Roskosch

Ein Morgen im Spätsommer, kurz nach Sonnenaufgang, es geht auf den Herbst zu. Bald schon werden die ersten Jogger und Radfahrer im Spandauer Forst ihre Kreise ziehen. Aber noch hat man das Gefühl, in diesem Wald fast allein zu sein.  Diese angenehme Kühle, diese Ruhe. Ein paar Vögel zwitschern. Die Luft ist sauber und duftet nach Blättern und Erde. Plötzlich überquert ein Rehkitz mit Mutter den Weg, nur ein paar Schritte entfernt. In aller Ruhe.
Es sind diese magischen Momente, die man so nur im Wald erlebt und die, dafür gibt es Studien, dafür sorgen, dass der Atem ruhiger wird, der Stress von einem abfällt, man sich einfach wohler fühlt. Heilpraktiker, Psychologen, aber auch praktische Ärzte haben den Wald inzwischen sogar als Ort der Therapie entdeckt. Allein der Anblick des Grüns soll die Seele beruhigen. Zum Beispiel würde er dafür sorgen, dass etwa ADHS-Patienten ausgeglichener würden, heißt es. Die ätherischen Düfte, die manche Pflanze an die Luft abgibt, sollen gar das Immunsystem stärken.

Ein paar Stunden später, immer noch im Spandauer Forst: Es ist deutlich mehr los, am Wildgatter drängen sich lärmende Schulkinder, im Hundeauslaufgebiet beschnüffeln sich Vierbeiner auf ihrer Gassirunde. Doch der Wald ist groß genug für alle, und wer dem Trubel entfliehen will, nimmt einfach einen Weg, der tiefer hineinführt in den Forst. Nur wenige Minuten später fühlt man sich wieder unendlich weit weg von der Großstadt, dem Verkehr, der Hektik.
Immer mehr Berlinerinnen und Berliner zieht es in ihre Wälder, die, einmalig für eine Metropole, fast ein Fünftel des Stadtgebietes bedecken. Die Zahl der Besucher zu zählen dürfte ähnlich schwierig sein wie die der Bäume, doch für den Förster Oliver Schuppert ist klar: „Die Bedeutung des Waldes als Erholungsstätte nimmt zu. Man merkt, dass er für die Leute in dieser schnelllebigen Zeit in der Stadt als Ausgleich und Ruhepol interessant ist.“

Oliver Schuppert  ist Revierförster in Spandau, eine von 26 Revierförstereien in Berlin. Die Tätigkeit im Wald ist für ihn mehr als nur ein Job. Schon mit acht Jahren wusste Schuppert, dass er nur im Wald arbeiten wollte. Ein Mensch, der – wie sein Försterkollege, der Bestseller-Autor Peter Wohlleben („Das geheime Leben der Bäume“) – über Gefühle und Freundschaften bei Bäumen spekuliert , ist der Anfang-40-Jährige aber nicht. „Das ist philosophisch“, winkt er ab. Das Buch habe er gar nicht gelesen. Rein materialistisch sieht der Förster seine Arbeit aber ganz und gar nicht. Welche Bäume gefällt werden, entscheidet er persönlich. Eine alte Eiche mit Charakter lässt er auch mal stehen, obwohl sich mit ihr etwas Geld verdienen ließe. Oliver Schuppert sagt: „Das sind jetzt nicht nur ungesägte Bretter im Wald.“ Da trifft es sich gut, dass sein Arbeitgeber das ähnlich sieht. Zwar enden auch Berliner Kiefern irgendwann in der Papier- oder Möbelproduktion und spülen ein wenig Geld in die Kasse. Laut Landeswaldgesetz hat die Erholungsfunktion des Waldes aber Vorrang vor wirtschaftlichen Interessen.

So beliebt der Berliner Wald als Erholungsort auch ist – seinen Idealzustand hat er noch nicht erreicht. So sind derzeit fast zwei von drei Berliner Waldbäumen Kiefern, doch natürlich ist dieses Übergewicht keinesfalls. Der Dauerwaldvertrag von 1915, mit dem Berlin seinerzeit riesige Waldflächen vom preußischen Staat erwarb, verankerte zwar bereits vor über 100 Jahren das bis heute gültige Prinzip, dass wirtschaftliche Interessen hinter der Erholungsfunktion des Waldes für die Stadtbewohner zurückstehen müssen.
Doch große Flächen mit Kiefern-Monokulturen künden noch heute vom Kahlschlag nach dem Zweiten Weltkrieg, als die Siegermächte in den Wäldern „Reparationshiebe“ durchführen ließen, aber auch die Bevölkerung zur Zeit der Berliner Blockade Brennholz benötigte.  Die anschließende Aufforstung musste rasch gehen, und so erhielt die schnellwüchsige Kiefer den Vorzug vor Laubbäumen. „Die Bestände sind jetzt auch 50, 60 Jahre alt“, erklärt Schuppert, „aber teilweise erkennt man noch die Pflanzreihen.“

Das wird sich in Zukunft ändern. Der Berliner Wald bekommt ein anderes Antlitz, ein umfassendes Facelifting, er soll sich wieder zu einem artenreichen Mischwald entwickeln: mit einem hohen Anteil an Eichen, wie es für die Region natürlich ist. „Waldumbau“ lautet das Stichwort. Ein Mischwald, so die Überzeugung der Experten, ist besser auf die Herausforderung des kommenden Klimawandels eingestellt. Nach und nach ersetzt deshalb Schuppert in seinem Revier Kiefern durch Eichen, schafft durch das Fällen von dichtstehenden Nadelgehölzern Lichtkegel, in denen sich junge Laubbäume entwickeln können. Die Waldverbesserung kommt voran.

Foto: Jolanda Roskosch

Knapp 40 Kilometer entfernt vom Spandauer Forst, in Schmöckwitz im äußersten Südosten der Stadt, heißt das Prinzip statt Waldumbau „Renaturierung“, doch das Ziel ist dasselbe: Ein Mischwald soll entstehen – auf dem Gelände eines ehemaligen Reifenwerkgeländes am Adlergestell. Dirk Riestenpatt, der sich selbst „Schreibtischförster“ nennt, koordiniert in der Berliner Forstverwaltung die Renaturierung. Auf 6,7 Hektar, etwas mehr als der Fläche von neun Fußballplätzen also, soll nach der Beseitigung von Industrieanlagen und Giftrückständen wieder Wald wachsen.
Anders als nach dem Krieg, als es schnell gehen musste mit der Aufforstung, lässt man in Schmöckwitz heute der Natur ihren Lauf. Von drei Seiten, erklärt Riestenpatt, könne sich der vorhandene Wald ausdehnen, nur vereinzelt sollen wünschenswerte Bäume von Hand gepflanzt werden. „Das wird ein langsamer Prozess“, sagt Riestenpatt, ist sich zugleich aber sicher: „Ich bin 50 Jahre alt, und ich werde dort noch zu meinen Lebzeiten in einem erkennbaren Wald spazieren gehen.“

Wie Waldumbau und Renaturierung funktionieren, können Interessenten bald  im Grunewald im Südwesten der Stadt erfahren. 2015 kürte der Bund Deutscher Forstleute  den Grunewald übrigens zum „Waldgebiet des Jahres“. Zeitgleich mit der Internationalen Gartenausstellung eröffnet dort ab April 2017 der Rundwanderweg „Wald.Berlin.Klima“ mit elf Informationsinseln und einem Aussichtsturm. Eine der elf Stationen ist dem fiktiven Gespräch zwischen einer Birke, einer Kiefer und einer Eiche gewidmet. Drei Baumarten, die im Ökosystem Wald alle unterschiedliche Funktionen erfüllen.
Der Birke etwa ist eine  Pionierbaumart, die brachliegende Flächen erobert. So wird es, davon ist Dirk Riestenpatt überzeugt, auch in Schmöckwitz zunächst aussehen. Schnellwüchsige Birken und Kiefern unterstützen dabei die allmähliche Ansiedlung der Eiche, die sich allein auf freier Fläche schwer tun würde.

Der Ausstellungsdreiklang „Wald.Berlin.Klima“ ist gut gewählt. Denn Berlin braucht seinen Wald beileibe nicht nur als Naherholungsgebiet. Zum einen liefert er Millionen Stadtbewohnern Wasser und Luft. Der Forstingenieur Frank Ackermann, der Projekt-Koordinator der Ausstellung im Grunewald, erläutert: „Berlin hat gegenüber anderen Städten die Besonderheit, dass es sein ganzes Grundwasser aus eigenen Brunnengalerien gewinnt. Und die sind durchweg alle im Wald, der hier eine Filter-, Rückhalte- und Speicherfunktion hat.“
Und zum anderen, so Ackermann, sei der Wald auch für das innerstädtische Klima von enormer Bedeutung: „Durch die Verdunstung über die Blätter entsteht Verdunstungskälte. Bei 30 Grad ist es in Kreuzberg auf der Straße unerträglich warm, im Wald aber mindestens zehn Grad kühler.“

Zurück im Spandauer Forst: Als Förster Oliver Schuppert in den Geländewagen steigt, um sein Revier zu kontrollieren, hat er auch seinen Hund und ein Gewehr dabei. Denn ebenso wie die Pflege der Bäume gehört auch die Kontrolle des Wildbestands zu seinen Aufgaben. Würde etwa die Population der Rehe, die sich mangels natürlicher Feinde stark vermehren, nicht kontrolliert, so würden sie zu einer Gefahr für die jungen Eichen, erklärt Schuppert. Auf kleine Rehkitze zu schießen mutet im ersten Moment grausam an. Aber Schuppert ist mit sich im Reinen und kann darauf verweisen, dass kein Stück vom Tier verkommt. Und tatsächlich bekommt er auf seinem Wirtschaftshof wenig später Besuch von einem alten Ehepaar auf Fahrrädern, das ein ganzes Reh vom Förster geordert hat. Tiefgefroren, säuberlich zerlegt und eingewickelt wandert das Reh für 89,70 Euro in vier Fahrradtaschen. Den Eheleuten wird es, so erzählen sie, mit vier Kindern und Enkeln bis nach Weihnachten reichen. Auf Fleisch aus dem Supermarkt verzichten sie.
Was aber wäre, wenn es den Berliner Wald nicht gäbe? Frank Ackermann, der Koordinator der „Wald.Berlin.Klima“-Ausstellung, muss nicht lange überlegen. Er sagt: „Ich kann mir das nicht vorstellen.“

Auf Försters Wegen
Die Senatsverwaltung für Stadtentwicklung und Umwelt bietet auf ihrer Webseite zahlreiche Tipps zum Wandern in den Berliner Forsten. Neben Routenbeschreibungen findet man hier Kartenausschnitte, Wegbeschreibungen, außerdem Hinweise zu Sehenswürdigem, Einkehrmöglichkeiten und dem jeweiligen ÖPNV-Anschluss:

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