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„Im Winter der Löwen“ von Jan Costin Wagner

Jan Costin WagnerDas Gefährliche an solch inflationären Invasionen ist die wachsende Müdigkeit der Neugier. Wer bitte schön will schon die fünfte Kopie einer schlecht abgeschriebenen Story lesen? Braucht man nun also wirklich auch noch einen deutschen Autor, der seine Kriminalfälle – nein, nicht nach Schweden – sondern höchst innovativ nach Finnland verlegt?
Die überraschende Antwort lautet: Ja!
Nicht, weil er das Genre des Krimis neu erfindet oder uns Neuigkeiten über Skandinavien erzählt. Sondern, weil Jan Costin Wagner es versteht, ein spannendes Buch zu schreiben, welches nur an der Oberfläche überhaupt ein Krimi ist.
Dem Wahlfinnen (er ist mit einer Finnin verheiratet) gelingt es, den Leser an sein Buch zu binden als lese er einen Krimi und ihn gleichzeitig sanft und unmerklich tiefer und tiefer in ein Psychogramm von Tätern und Opfern zu entführen.
Im Winter der Löwen“ ist das nunmehr dritte Buch Wagners, in dem Kommissar Kimmo Joenta die Ermittlungen aufnimmt, um den trauernden Hinterbliebenen der Opfer am Ende zumindest den Schuldigen liefern zu können. Dabei ist Joenta selbst ein Ritter der traurigen Gestalt, der nach dem frühen Krebstod seiner Frau nicht so recht weiß, was er mit seiner Freizeit anfangen soll und vor lauter Melancholie fast vergisst, dass das Leben für ihn weiter geht.
Dies ändert sich erst, als an Heiligabend im Polizeirevier eine Prostituierte in sein Leben tritt. Joenta weiß noch nicht einmal ihren richtigen Namen, als sie schon bei ihm einzieht und sein selbstmitleidiges Leben gehörig durcheinander bringt.
Im Winter der LöwenNach der ersten Gegenwehr findet Joenta jedoch schnell Gefallen an diesem neuen Leben und so hat er durchaus seine Schwierigkeiten sich auf die Ermittlungen in zwei Mordfällen zu konzentrieren, die zunächst nicht wirklich etwas miteinander zu tun haben. Ein Zusammenhang zwischen dem Tod eines Gerichtsmediziners und dem eines Puppenbauers erkennt die finnische Polizei erst, als wenig später auch auf einen beliebten Fernsehtalkmaster ein Attentat verübt wird.
Jan Costin Wagner spinnt in seiner Geschichte ein immer enger werdendes Netz, um einen Mörder, den der Leser durch geschickten Wechsel der Erzählperspektive von Anfang an kennt – ohne jedoch zu wissen, wer es wirklich ist. Als sich das Netz schließlich immer enger zieht und es gilt, einen dritten Mord zu verhindern ist es schon fast zu spät.
Wie schon im Joenta Vorgänger „Das Schweigen“ schafft es Wagner erneut, die Spannung seines Buches nicht aus konstruierten Wendungen und nervenden Kapitel-Cliffhangern zu ziehen, sondern aus der Entwicklung seiner Charaktere und deren detailliert geschilderter Umgang mit der Situation des stetig steigenden Drucks in Richtung unvermeidbarem Höhepunkt. Wagners Roman beleuchtet dabei vor allem auch den Umgang der modernen Medien mit den Einzelschicksalen seiner Protagonisten und so ist „Im Winter der Löwen“ eben nicht nur einfach ein Krimi, der in Skandinavien spielt, sondern auch ein Buch, dass sich mit Menschen und ihren fast alltäglichen Abgründen beschäftigt.

Text: Martin Zeising

Foto von Jan Costin Wagner: Dennis Yenmez

Jan Costin Wagner „Im Winter der Löwen“, Eichborn Berlin, 288 Seiten, 17,95 Euro

Auch als Hörbuch erschienen, gelesen von Matthias Brandt, Eichborn Berlin, 4 CDs, 19,95 Euro

Zusammen mit dem Schauspieler Matthias Brandt liest Jan Costin Wagner am Freitag, den 13.02.09 um 20 Uhr im Roten Salon der Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz aus seinem Roman.

Weiterer Lesungstermin von Jan Costin Wagner in Berlin:
Mi 18.03.09, 19.30h: Humboldt-Bibliothek, Karolinenstr. 19, Berlin-Tegel

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