Kultur

Import Shop Berlin

Er__ffnung_Models-aus-GhanaEng taillierte Tellerröcke, Pfennigabsatz-Pumps, das geglättete Haar zu modischen Bob-Schnitten im Stile Vidal Sassoons gekürzt: Als eine Handvoll ghanaischer Mannequins 1962 im Rahmen der Deutschen Industrieausstellung mit einer Modenschau die frisch aus der Taufe gehobene Sonderschau „Partner des Fortschritts“ in Westberlin eröffnete, strahlten sie mit jeder Pore den Style der Sixties aus. Und auch ihre ghanaische Begleitband konnte sich sehen lassen: Die Männer trugen scharf geschnittene, hippe Einreiher, dazu schmale Krawatten. Selbst Willy Brandt, damals Bürgermeister von Berlin und Inbegriff von Modernität, wirkte angesichts des dynamischen afrikanischen Auftritts etwas altbacken. Von Bundeskanzler Ludwig Erhard, der die Auftaktveranstaltung am Funkturm ebenfalls beehrte, ganz zu schweigen.
Es herrschte Aufbruchsstimmung. Angeführt von Ghana, der früheren Goldküste, schritten mehr und mehr afrikanische Länder in ihre Unabhängigkeit. Und auch Berlin musste sich neu orientieren. Die Mauer hatte die Stadt zu einer abgelegenen Insel gemacht, auf der man befürchtete, den Anschluss zu verlieren. Doch auch der Kalte Krieg hatte das Interesse an den sogenannten Dritte-Welt-Ländern geweckt. Hektisch begann man in Ost und West nach Allianzen zu strategisch wichtigen rohstoff­reichen Staaten zu suchen: Entwicklungshilfe galt als eine brauchbare Methode, diese Länder an sich zu binden.

Auf der Sonderschau „Partner des Fortschritts“, damals eine Veranstaltung ausschließlich für Fachbesucher, konnten Länder aus Übersee, darunter 18 afrikanische Staaten, ihre meist traditionell gefertigten Produkte ausstellen. Zwar war der hiesige Bedarf an geflochtenen Körben, handgewebten Textilien oder kunstvoll ziseliertem Schmuck damals noch überschaubar. Spätestens aber seit eine Zigarettenmarke ab 1958 mit dem Slogan vom „Duft der weiten Welt“ warb, begann es als chic zu gelten, sich mit Mitbringseln aus fernen Ländern zu schmücken – selbst wenn sie dem Folklore-Regal ansässiger Boutiquen und Möbelläden entstammten.
Die Sonderschau „Partner des Fortschritts“ jedenfalls, die sich schon bald auch dem Nichtfachpublikum öffnete, lockte Jahr für Jahr immer mehr Besucher an. Im Fahrwasser des Wirtschafts­wunders begann sich der Massentourismus zu entwickeln, und die Berliner entdeckten die einmal jährlich stattfindende Messe auch als eine gute Möglichkeit, Informationen zu fremden Ländern zu sammeln. Ein Interesse, auf das neun Aussteller aus aus Ägypten, Brasilien, Guinea oder dem Irak 1966 mit der Errichtung spezieller Infostände zu den touristischen Angeboten ihrer Länder reagierte – der Ausgangspunkt der Internationalen Tourismus Messe Berlin (ITB), die die Größe und Bedeutung ihrer Ursprungsveranstaltung längst überflügelt hat.

messeDoch auch die „Partner des Fortschritts“ ist nicht mehr die Alte. So muss sich die einst durch staatliche Fördermittel getragene Messe seit dem Mauerfall über ihre Aussteller und den Besucher­eintritt selbst finanzieren. Auch wurde der Name in „Import Shop Berlin“ geändert. Treu bleibt man sich aber in der Konzentration des Angebots auf handwerklich gefertigte Produkte, die sich stilistisch auf ihre Hersteller­länder beziehen. Denn ob Lammfellmäntel aus Indien, Ponchos aus Guatemala oder arabische Sarouelhosen: Seit den 70er-Jahren folgte eine Ethno-Welle der anderen und beflügelte die Nachfrage nach exotischer Kleidung und Schmuck genauso wie nach den passenden Wohnaccessoires, etwa Lackmöbeln aus China, Spiegelkissen aus Pakistan oder Kaschmirdecken aus Nepal.
Wer jedoch glaubt, auf der nun zum 50. Mal statt­findenden Import-Messe – in den 60er-Jahren fand sie einmal sowohl im Frühjahr als auch im Herbst statt – würden stets die gleichen Ethno-Klassiker verkauft, sitzt einem lustigen Irrtum auf. Denn pfiffige Anbieter hatten schnell begriffen, wie der westliche Markt mit seinem Hang zum Exotismus tickt: Die aus Holz geschnitzten spitzbrüstigen afrikanischen Frauen-Skulpturen etwa, die man gegenwärtig an vielen Ständen findet, haben mehr mit unseren Klischees von sexuell entfesselten Schwarzen zu tun als mit afrikanischer Kultur. Und auch die ghanaischen Teil­nehmer der Auftaktveranstaltung von „Partner des Fortschritts“ sähen heute wohl anders aus als 1962. Statt Tellerröcken und Einreiher-Anzügen trügen sowohl Frauen als Männer bunt bedruckte, voluminöse und traditionell wirkende Outfits. Man weiß schließlich, was die Besucher einer Import-Messe wünschen.

Text: Eva Apraku

Import Shop Berlin
Messegelände Berlin, Charlottenburg, Eingang Messedamm,
9.?–?13.11., Mi+Do, So 10–19 Uhr, Fr+Sa 10–21 Uhr, Eintritt: 11,50?/?8,50?Ђ

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