• Kultur
  • „Infektion!“ an der Staatsoper

Kultur

„Infektion!“ an der Staatsoper

AschemondOderTheFairyQueen_c_MonikaRittershausPreisfrage: Welches sind die in der CD-Abteilung eines Berliner Kulturkaufhauses meistgeklauten Komponisten? Ist es schwere Wagner-Ware oder das letzte Album des Klassik-Schmalz-Stars David Garrett? Weit gefehlt. Die meistgeklauten Komponisten in Berlin sind die Amerikaner Morton Feldman und John Cage, zwei Heroen der Avantgarde. Neue Musik ist offenbar beliebter, als man denkt, und befördert sogar die kriminelle Energie ihrer Fans. Gut so. Schließlich will Avantgarde immer noch aufstacheln anstatt unterhalten, Fragen stellen statt Antworten schmackhaft machen.

Das Festival Infektion! trägt den ansteckenden, potenziell destruktiven Impetus Neuer Musik sogar im Titel. Als „Festival für neues Musiktheater“ ist es ein besonderes Steckenpferd der Staatsopern-Dramaturgen Jens Schroth und Detlef Giese. Und wird dafür nicht knauserig von Großpapa Jürgen Flimm alimentiert. In diesem Jahr hat man direkt nach den Sternen, also nach einem der beiden Berliner Meistgeklauten gegriffen. Und präsentiert mit „Neither“ das szenische Hauptwerk (und die einzige Oper) des 1987 verstorbenen Morton Feldman.

Die Sängerin dieser etwa einstündigen Beckett-Vertonung knirscht die ganze Zeit auf einem einzigen hohen Ton vor sich hin: eine Bravour-Prozedur, welcher sich nur selten eine prominentere Sängerin unterzogen hat. Laura Aikin war früher einmal fest an der Staatsoper engagiert und ist eine der besten Sängerinnen der Lulu, der Olympia und anderer Stratosphären-Queens. „Neither“ kehrt sinnfälligerweise nach Berlin zurück, da seine Existenz 1976 mit der Begegnung von Feldman und Beckett in Berlin begann. Damit Letzterem gleich doppelt gehuldigt wird, folgt im Doppelpack noch sein Dramolett „Footfalls“ („Tritte“). Regie führt Katie Mitchell.

Daneben bildet das Festival mit „Lohengrin“ und „Macbeth“ zwei Opern des italienischen Vielschreibers Salvatore Sciarrino ab. In Berlin ist sein Werk „Luci mie traditrici“ („Die tödliche Blume“)mehrfach inszeniert worden. Mit den beiden prominenten Stoffen, die man diesmal aufführt, setzt sich der fleißige Postserialist ziemlicher Konkurrenz aus. Wer will gegen Shakespeare und Wagner schon ankommen?! Auf einem begleitenden Symposion mit dem modischen Titel „Gender, Stimme und Performanz im Musiktheater Salvatore Sciarrinos“ (21.6.) wird dies gehörig behorcht werden.

Um das Festival aufzumöbeln, nimmt man noch einmal Lucia Ronchettis „Lezione di tenebra“ (ab 27.6., nach Cavalli) wieder auf. Damit nicht richtig auffällt, dass man das Festival in diesem Jahr ziemlich in die Werkstatt abgedrängt hat, wird außerdem Helmut Oehrings Purcell-Diversion „Aschemond“ wieder gespielt (ab 23.6., Regie: Claus Guth). Und schließlich rechnet man dreist die „Mahagonny“-Premiere im Großen Haus mit zur Neuen Musik (ab 6.6.). Ist ein bisschen gemogelt, denn bei der jazzigen, 1930 uraufgeführten Brecht-Satire handelt es sich schwerlich um das Werk von Zeitgenossen.

Wie dem auch sein möge, immerhin klotzt und kleckert man zugunsten der Neuen Musik an der Staatsoper gehörig – auch wenn keine der Produktionen ein echtes Maß an Dringlichkeit haben mag. Neu und neuartig ist nichts. Aber das Festival bietet Gelegenheit, neues Musiktheater als Normalfall auszuprobieren. Und das ist auch nicht zu verachten. Jürgen Flimm lässt seine Dramaturgen machen. Das sichert dem teuersten Haus am Platz immerhin Restbewegung. Und: Nichts gegen Beckett! Es war höchste Zeit, dass in der Werkstatt des Schiller Theaters wieder ein Werk von ihm zu sehen ist. An jedem Ort also, an dem Beckett in den 60er-Jahren „Das letzte Band“ und „Glückliche Tage“ selbst inszeniert hat.

Text: Kai Luehrs-Kaiser

Foto: Monika Rittershaus

Footfalls/Neither Werkstatt des Schiller Theaters, So 22.6., Di 24.6., Fr 27.6., So 29.6., jeweils 19.30 Uhr; Karten-Tel. 20 35 45 55

Lohengrin Werkstatt des Schiller Theaters, Sa 14.6., Mo 16.6., Di 18.6., Mi 19.6., jeweils 19.30 Uhr; Fr 21.6., 18 Uhr; Karten-Tel. 20 35 45 55

Macbeth Werkstatt des Schiller Theaters, Sa 21.6., Mi 25.6., Sa 28.6., Mo 30.6., Di 1.7., jeweils 20 Uhr, Karten-Tel. 20 35 45 55

Mehr über Cookies erfahren