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Intendant Martin Kranz im Interview

HaDag_Nachashtip: Auf Ihrem Plakat ist ein Gartenzwerg mit Korkenzieherlocken zu sehen. Was hat das Sinnbild für deutsche Spießigkeit mit jüdischer Kultur zu tun?
Martin Kranz: Wir wollten zwischen dem „Deutschsein“ und dem „Jüdischsein“ eine Verbindung schaffen – mit einer pfiffigen humorvollen Idee. So kamen wir auf den Rabbi-Gartenzwerg, der die große Wiese des jüdischen Lebens gießt.

tip: Vor 25 Jahren, als die Jüdischen Kulturtage gegründet wurden, ging man sicherlich noch nicht so humorvoll mit diesem Thema um.
Kranz: Selbst vor acht Jahren, als ich anfing, war das noch schwierig. Damals gaben mir israelische Künstler eine klare Absage, wenn es darum ging, in der deutschen Hauptstadt zu spielen. Heute ist ihr Bedürfnis, nach Berlin zu kommen, riesig. Sie lieben Berlin.

tip: Sie sprechen jetzt aber von der dritten Generation?
Kranz: Ja. Ich merke aber auch eine Veränderung bei der ersten: Zum Beispiel hatte ich vor ein paar Jahren eine Begegnung mit einer 85-jährigen Jüdin aus Berlin, deren Familie 1936 nach Palästina emigrieren musste. Nie wieder wollte die Frau deutschen Boden betreten. Als sie erfuhr, dass die Synagoge in der Rykestraße wieder eingeweiht wird, kam sie doch. Als sie abreiste, revidierte sie ihre Meinung und sagte, dass sich Deutschland geändert habe. Für solche Begegnungen ist unser Festival ebenfalls ein gutes Beispiel.

tip: Inwieweit wird der Holocaust thematisiert?
Kranz: Auf dieses Thema wird man stoßen. Beispielsweise bei einer unserer Gesprächsreihen zum Thema „Was Sie schon immer über das Judentum wissen wollten“. Die teilnehmenden Rabbiner beantworten aber auch religiöse Fragen oder Fragen zum ganz normalen Leben. Wir machen kein Holocaust-Theaterstück, sondern suchen den Weg, um nicht in diese ausschließliche Betroffenheitsfalle zu tappen. Dafür steht auch unser lustiger Gartenzwerg.  

Martin_Kranztip: Was ist generell Ihr Ziel?
Kranz: Mir ist wichtig, jüdische Themen aus aller Welt nach Berlin zu holen. Tel Aviv ist derzeit einer der interessantesten Brennpunkte für Musik. Insofern möchte ich auch viele junge israelische Künstler verpflichten – wie Idan Raichel. Unser Festival war europaweit das erste, das ihn vor fünf Jahren engagiert hat. Damals kannte ihn noch niemand in Europa. Heute ist er in der Weltmusik-Szene ein absoluter Superstar.

tip: Also Weltmusik statt Klezmer?
Kranz: In der Tat sind wir gar nicht so sehr am klassischen Klezmer interessiert. Wir haben zwar Giora Feidman – für mich der beste Klezmer-Klarinettist der Welt. Es spielt aber auch die Amsterdam Klezmer Band, die diesen Musikstil mit Balkan- und Gypsy-Elementen völlig neu interpretiert. Im Grunde ist das auch Klezmer, er hört sich nur ganz anders an … Dem gegenüber stehen die Berliner HipHopper Ohrbooten, die zusammen mit der israelischen Formation Hadag Nachash auftreten.

tip: Wo spielen die?
Kranz: Im Astra Kulturhaus. Das ist ebenfalls ein Punkt, den wir stringent verfolgen: Wir wollen nicht nur jüdische Räume, sondern auch andere interessante und authentische Orte anbieten, damit sich dort ein breiteres Pu­blikum mischt.

tip: Am Sonntag, den 11. September findet das jüdische Straßenfest in der Fasanenstraße statt. Es gibt nach wie vor viele Unsicherheiten, wenn Nicht-Juden in einem solchen Kontext Juden begegnen. Was raten Sie?
Kranz: Man kann immer reden. Weg mit der Scheu, das ist ganz wichtig.

Interview: Wolfgang Altmann

Foto: Amit Israeli

Jüdische Kulturtage Verschiedene Orte, Do 8.9. bis So 18.9. www.juedische-kulturtage.org

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