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International Games Week Berlin

Von Berlin in die Zukunft: Ende April trifft sich die Videospielbranche in Berlin zur Games Week. Ein kleines Indie-Studio aus der Hauptstadt ist auch dabei – und für den Deutschen Computerspielpreis nominiert

Scrrenshot Future Unfolding

Bleiche Stubenhocker und verklemmte Nerds, so sah es einst aus, das Klischee vom  prototypischen Videospieler. Doch inzwischen sind Games inmitten der Gesellschaft angekommen. Nicht zuletzt dank Bestsellern wie „Grand Theft Auto“, „FIFA“ oder „Minecraft“. Laut einer Untersuchung des Marktforschungsinstituts NewZoo überholte der Videospielmarkt im Jahr 2015 den Filmsektor, um zur viertgrößten Unterhaltungsbranche nach Glücksspiel, Lesen und Fernsehen aufzusteigen. Prognose: steigend.

Was sich auch in Berlin zeigt. 2011 eröffnete das Computerspielemuseum in Friedrichshain, immer mehr kleine wie große Entwicklerstudios lassen sich an der Spree nieder, Förderprogramme entstehen, Workshops, Messen und Ausstellungen finden statt. In letztere Kategorie fällt die International Games Week Berlin, die sich einst noch ganz nüchtern „Deutsche Gamestage“ nannte. Ende April treffen sechs Tage lang Fachbesucher und Videospielfans in Berlin zu den verschiedensten Events aufeinander: von sogenannten Let’s Play- und Speedrun-Veranstaltungen, Spieledemos über Performances, Ausstellungen, Workshops und Talks bis hin zu Partys. Im Rahmen einer festlichen Gala wird zudem der Deutsche Computerspielpreis 2017 verliehen. Nominiert sind sowohl internationale Spieleblockbuster mit Millionenbudget wie etwa „Uncharted 4“ oder „Battlefield 1“, jedoch auch kleine, eher unbekannte, aber nicht weniger spannende und zudem häufig in Deutschland entwickelte Indie-Titel wie „Portal Knights“, „On Rusty Trails“ – oder auch „Future Unfolding“: ein Adventure-Spiel, das nach seiner Veröffentlichung Mitte März dieses Jahres bereits hohe Bewertungen der Fachpresse bekam. Entwickelt hat es ein dreiköpfiges Team aus Berlin: das Entwicklerstudio Space Of Play. Wie entsteht so ein Indie-Blockbuster?

Bereits 2011 hatten Mattias Ljungström, Andreas Zecher und Marek Plichta mit „Spirits“ eines der erfolgreichsten deutschen Indie-Spiele entwickelt. Seit sieben Jahren arbeiten sie gemeinsam an ihrer Vision ebenso moderner wie packender Videospiele. „Unser Ziel war es schon immer, die Lücke zwischen spannenden visuellen Welten und einem experimentellem Gameplay zu schließen“, sagt Marek Plichta, der bei Spaces Of Play hauptsächlich für das Game-Design und die künstlerische Leitung zuständig ist.

Bei „Future Unfolding“ wird der Spieler ohne lange Erklärungen in eine rätselhafte Welt hineingeworfen.„Wir wollen den Spieler ernstnehmen, ihm nicht alles vorkauen“, sagt Plichta. „Aber natürlich soll ,Future Unfolding’ auch Spaß machen.“ Dieser dauert knapp 15 Stunden, ihm voraus ging jedoch eine Planung- und Entwicklungszeit von insgesamt vier Jahren. „Viele Leute glauben ja, man hat eine Idee und setzt diese dann einfach vier Jahre lang um“, sagt Plichta. „Aber du kannst dir alles mögliche ausdenken und programmieren – am Ende reagiert der Spieler nicht selten ganz anders als gedacht auf dein Spiel – im positiven wie im negativen Sinne.“

Plichta meint daher, dass es für kleine Entwickler enorm wichtig sei, ihr Spiel so zeitig wie möglich auf Messen – wie eben im Rahmen der International Games Week Berlin – einem Publikum zu präsentieren. Ohnehin hält man die eigene Arbeit bei Spaces Of Play unter anderem dank eines Blogs, in dem das eigene Schaffen präsentiert wird, möglichst transparent. Ein typisches Phänomen für kleine, unabhängige Entwickler. Viele von ihnen stehen auch schon vor der Veröffentlichung eines Spiels dank Crowdfunding-Kampagnen, etwa via Kickstarter, ihrem Publikum oft viel näher als große Studios und Publisher.
Für den Kontakt zu den Spielern gibt es aber auch zum Beispiel das A Maze-Festival im Urban Spree in Friedrichshain. Das Festival mit Fokus auf Titel abseits der großen Produktionen und Studios ist Teil der International Games Week Berlin. „Das A Maze-Festival ist großartig“, sagt Plichta. „Seine Veranstalter sind mit dafür verantwortlich, wie gut sich die Szene hier in Berlin in jüngster Zeit entwickelt hat.“

Den Boom der Szene bestätigt auch Michael Liebe, Mitinitiator und Head of International Games Week: „Berlin ist derzeit weltweit einer der attraktivsten Standorte für Games-Entwicklung“, sagt er. „Nicht umsonst siedeln sich regelmäßig vor allem international aktive Entwickler und Publisher in der Hauptstadtregion an. Gaming-Stammtische, Jams und so weiter bieten ein ideales Umfeld für Indie-Entwickler. Hier kann man Erfahrungen austauschen und Mitgründer oder Mitarbeiter finden.“
Ähnlich sieht das Lorenzo Pilia, der Gründer des Portals BerlinGameScene.com und Veranstalter der zweimonatlich stattfindenden „Talk & Play“-Events: „Im Vergleich zu anderen großen Städten ist Berlin nicht nur weiterhin recht günstig“, sagt er. „Es gibt auch viele talentierte Leute für Kooperationen sowie eine lebendige und sich gegenseitig unterstützende Gaming-Community. Außerdem sind Orte wie das Game Science Center oder der Saftladen, ein Indiegames-Kollektiv und Coworking-Space in Berlin-Kreuzberg, extrem wichtig für die Szene.“

Geheimnisvolle „Unfolding Future“-Welt (großes Bild), Berliner Macher Marek Plichta, Andreas Zecher und Mattias Ljungström (v. l. n. r.), Foto: Julian Dasgupta

Doch vor allem für kleine Entwickler sind nicht nur gute Netzwerke, ein regelmäßiger Austausch und die dazugehörigen Orte von Bedeutung, sondern vor allem eine finanzielle Unabhängigkeit – besonders dann, wenn man wie Spaces Of Play keine Crowdfunding-Kampagne zum Spiel initiiert. „Future Unfolding“ wurde unter anderem durch das Medienboard Berlin-Brandenburg mitfinanziert.

So gibt es viele Faktoren, die Lorenzo Pilia zufolge die Spieleentwicklung so einfach wie nie zuvor machen: neue Technik, günstige und oft gar kostenlose Software, frei im Internet verfügbare Informationen . Das hat zur Folge, dass eine immer größere, vor allem aber auch breitere Reihe von Spielen entwickelt werden, die die Grenzen des Mediums durch neue experimentelle Techniken, Spiel- und Erzählweisen ausreizen. „Future Unfolding“ ist nur eines davon. Eines von vielen.
Jetzt geht das Spiel erst richtig los.

International Games Week diverse Orte, 24.–30.4., www.gamesweekberlin.com
Future unfolding www.futureunfolding.com

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