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Interview mit Berliner Autorin und Bloggerin Nina Wagner

Interview mit Berliner Autorin und Bloggerin Nina Wagner

Die Autorin und Bloggerin Nina Wagner ist 28 und hat mal Chemie studiert. Sie lebte eine Zeit in Düsseldorf, bevor sie nach Berlin zog. Nach einer dramatischen Beziehung, die acht Jahre dauerte, brach sie aus und tauchte in der Berliner Clubszene ab. Bis heute arbeitet sie in verschiedenen Clubs als Selektorin am Einlass. Parallel dazu begann sie über Sex zu bloggen. Ihre Texte sind in dem Online-Single-Magazin www.imgegenteil.de zu lesen. „Fucking good“ erschien diesen Herbst bei Droemer Knaur und ist ihr erstes Buch.

tip Frau Wagner, wann hatten Sie das letzte Mal Sex?
Nina Wagner Vor anderthalb Wochen.

tip Irgendwelche besonderen Vorkommnisse, die berichtenswert wären?
Nina Wagner Nicht wirklich.

tip In Ihrem Buch „Fucking Good“ beschreiben Sie eigene Sexabenteuer, geben aber auch Ratschläge. Warum muss man im 21. Jahrhundert in Sexfragen noch beraten, was ist unser Problem mit Sex?
Nina Wagner Eine Mischung aus dem Streben nach Perfektion und täglicher Überreizung. Den Perfektionswahn lernt man schon sehr früh, nicht nur in Bezug auf Sex, sondern auf alle Lebensaspekte. Jeder hat diesen krassen Selbst­optimierungszwang: Man muss wirtschaftlich funktionieren, man muss den Ansprüchen an sich selbst genügen und das geht in Aussehen über und dann in die Sexualität. Gleichzeitig wird man mit dem Thema permanent konfrontiert, ohne einer echten Auseinandersetzung.

tip Ist das Aufkommen neuer Formen des ?Zusammen- und Liebeslebens, etwa der Polyamorie, eine Reaktion auf diesen Zustand?
Nina Wagner Ansatzweise beginnen Menschen festgeschriebene Muster anzugreifen und darüber zu reflektieren, warum das monogame Beziehungskonzept so wichtig ist und warum es kaum Alternativen dazu gibt und wie solche Alternativen überhaupt aussehen könnten. In der Theorie gibt es das schon lange.

tip In den 1960er- und 1970er-Jahren, der Ära der sexuellen Revolution, waren solche Alternativen durchaus Praxis.
Nina Wagner Stimmt, da wurde mehr ausgelebt. Aber das ist vorbei und heute ist es ja auch in vermeintlich linken Kreisen nicht wirklich normal, in einer Kommune zu leben, wo alle miteinander etwas haben. Vielleicht funktioniert das Konzept so auch nicht. Am Ende muss es jeder für sich selbst herausfinden, ob er monogam oder polygam leben kann. Die Unzufriedenheit hat jedenfalls viele Gründe. Wenn man mit sich unzufrieden ist, ist es nicht einfach, guten Sex zu haben, egal weshalb man unzufrieden ist.

tip Wie kann man also „ohne Stress hemmungslos guten Sex haben“? Das verspricht ja der Klappentext zumindest.
Nina Wagner Das ist etwas pauschal ausgedrückt, aber tatsächlich beschreibe ich in dem Buch den sehr langen Weg, wie ich nach meiner ersten langen Beziehung, die ich zwischen 16 und 24 hatte, mit wahnsinnig vielen Selbstzweifeln und mich selbst kaum kennend, eine Möglichkeit gefunden habe, mich sexuell kennenzulernen und zu erkennen.

tip Diesen Weg zu gehen ist sicherlich einfacher, wenn man Mitte 20 ist, aber was ist, wenn man nicht jung und attraktiv ist?
Nina Wagner Das sage ich auch im Buch: Solche Apps wie Tinder sind ein Jackpot für attraktive Menschen, die anderen fallen durchs Raster. Das gesellschaftliche Prinzip des Schönheitsideals greift überall. Es geht aber auch immer darum, wie man sich fühlt und damit umgeht.

tip Würden Sie sagen, dass Ihr Buch ein Plädoyer für das Single-Dasein ist?
Nina Wagner Eher ein Plädoyer dafür, dass man das machen soll, worauf man Lust hat, was man ausprobieren will und dass man sich fragen sollte, ob man in der Form, in der man aktuell lebt, auch glücklich ist. Damit will ich nicht sagen, dass jeder als Single oder polygam leben soll, aber man sollte einfach öfter mal über den Tellerrand schauen und erlernte und eingeschliffene Muster hinterfragen.

tip Was können Sie Paaren raten, sind die Ratschläge und Ihre Erlebnisse überhaupt auf sie anwendbar?
Nina Wagner Gerade Paaren würde ich sagen, dass, wenn es schon eine gemeinsame emotionelle Ebene gibt, sie gemeinsam herausfinden sollten, was sie überhaupt ausprobieren möchten und worauf sie Lust haben. Manchmal ist es aber so, dass man gerade in Beziehungen noch mehr Angst hat, genau solche Wünsche auszudrücken, weil man die Ablehnung des Partners fürchtet. Dabei sollte gerade in einer Beziehung dieser Schutzraum bestehen, der solche Sehnsüchte erlaubt.

tip Verändert die Tatsache, dass man Kinder bekommt, das Liebesleben?
Nina Wagner Ich selbst habe keine Kinder, aber aus der Beobachtung kann ich schon sagen, dass sich das  negativ auch auf das Sexleben auswirken kann, erst recht, wenn die Kinder eine Art Rettungsversuch für die Beziehung waren. Es muss aber nicht so sein.

tip Statt in der Beziehung zu bleiben, haben Sie den Weg in Berliner Clubszene gewählt. Sind Clubs ein Paradies für Sexabenteuer?
Nina Wagner Nö, würde ich gar nicht sagen. Andere mögen das bejahen, für mich war das nicht so. Ich war früher viel im Rio, Scala und im Cookies, die ganzen Mitte-Geschichten eben. Den großen Techno-Tempeln wie Berghain und Tresor konnte ich nie viel abgewinnen. Trotzdem war das alles sehr szenig und wenn man will, kann man dort immer jemanden abschleppen. Alle sind besoffen und keiner will allein nach Hause. Das fand ich selten gut und morgens ist es eher unangenehm.

tip Haben Sie sich deswegen auf digitale Partnersuche begeben und sind auf Tinder umgestiegen?
Nina Wagner Tinder ist zwar auch sehr direkt und spontan, aber man kann sich vorher unterhalten und ist dabei im besten Fall nicht besoffen. Auch wenn man sich dann verabredest und mit jemanden ins Cafй geht oder ins Restaurant, ist man da nüchtern. Im Club trifft man eher keine rationalen Entscheidungen, sondern macht einfach.

tip Digital ist also besser als analog?
Nina Wagner Ich habe mir die Online-Plattformen angeguckt, weil ich rausfinden wollte, ob sie für mich funktionieren. Da war ich in einer Phase, in der ich viel ausprobieren, meine Grenzen erfahren wollte. Davor war ich ein Feind von Online-Dating, vor allem von diesen klassischen Seiten, wo man sehr viele Fragen beantworten muss und dann ein ausführliches Profil daraus entsteht. Bei Tinder ist die Einfachheit überzeugend. Man muss kaum Informationen preisgeben und wird weniger belästigt.

tip Sie beschreiben BDSM-Praktiken, Dreier, Analsex, Squirten, Sexspielzeug. Dinge, die Sie auch bei Tinder-Dates erlebten. Haben Sie sich irgendwann entschieden, einfach immer weiterzumachen und alles auszuprobieren?
Nina Wagner Die Sachen sind ja nicht alle hintereinander passiert, sondern im Laufe der Jahre und am Ende waren es auch gar nicht so viele Tinder-Dates, und mir ist das tatsächlich mit der Zeit zu viel geworden. Ich wollte aber schon bestimmte Dinge erleben, doch gerade mit den BDSM-Geschichten habe ich nicht nur gute Erfahrungen gemacht. Irgendwann habe ich ein Suchtpotential entwickelt, das ungesund war und gemerkt, dass man so auf eine einfache und stumpfe Art und Weise sehr viel Bestätigung bekommen kann.

tip Das war Ihnen zu einfach?
Nina Wagner Ich habe mich dann gefragt, was suche ich überhaupt? Jetzt ist mein Tinder-Account gelöscht und ein Fazit ist, dass die Sache nicht besonders menschenfreundlich ist, weil man dort Menschen konsumiert und das will ich nicht mehr. Tinder ist ja so eine Art Spiel, das sich erschöpft und zur Routine wird, man erzählt ja immer das Gleiche. Es ist ein Spiel und ich habe es durchgespielt. Und schließlich kann man ja auch anders Leute kennenlernen, im Laden um die Ecke, über Freunde oder auf dem Markt.

Interview: Jacek Slaski

Foto: Nadine Kunath

Fucking good – ?Von Tinder, Online-Dates ?und wilden Nächten von Nina Wagner, Droemer Knaur, ?224 S., 9,99 Euro

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