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Interview mit Christopher Rüping

Interview mit Christopher Rüping

Christopher Rüping, 30, studierte an der Theaterakademie Hamburg und an der Züricher Hochschule der Künste Regie. Erste Projekte waren „Hass“ am St. Pauli Theater, „PHILOKTET – mein hass gehört mir“ und „Jekyll/Hyde“ auf Kampnagel. Christopher Rüping arbeitete als freier Regisseur u.a. am Schauspiel Frankfurt, Schauspiel Stuttgart, Theaterhaus Jena und am Thalia in der Gaußstraße. In den DT-Kammerspielen inszenierte er vergangene Spielzeit sehr lustig „Romeo und Julia“. Seine Stuttgarter Inszenierung „Das Fest“  war zum Theatertreffen 2015 eingeladen. Ab dieser Spielzeit ist er Gastregisseur an den Kammerspielen München.

tip Herr Rüping, Sie waren mit Ihrer Stuttgarter Inszenierung „Das Fest“ in diesem Jahr zum ersten Mal zum Theatertreffen eingeladen. Sind sie jetzt ein Shootingstar?
Christopher Rüping Hoffentlich nicht. Ich bekomme seitdem nicht mehr Angebote, ich bekomme auch keine höheren Gagen. Die Verabredungen, ab dieser Spielzeit an den Münchner Kammerspielen bei Matthias Lilienthal zu arbeiten und für diese Inszenierung am Deutschen Theater, standen schon vor der Einladung zum Theatertreffen. Als Shootingstar gehandelt zu werden, kann, glaube ich, auch ziemlich nach hinten ­losgehen. Wenn man sein eigenes Marken­­zeichen wird, ist man kurz davor, sich selbst abzuschaffen, grade als junger Regisseur. Es geht ja darum, neugierig zu bleiben, neues auszuprobieren. Das ist das Gegenteil davon, wie eine Marke funktioniert. Das Markenzeichen garantiert, dass das Produkt immer das gleiche ist. Es wäre interessant, wenn ein Theater einmal eine Spielzeit lang einfach nicht dazu schreiben und nicht sagen würde, wer die Regisseure der einzelnen Inszenierungen sind. Dann müssten die Zuschauer genauer hinsehen, ohne schon vorher die Labels im Kopf zu haben und zu glauben, dass man eh weiß, was einen erwartet.

tip Sie inszenieren in den Kammerspielen des Deutschen Theaters einen Abend mit einem seltsamen Titel: „100 Sekunden (wofür leben)“. Was passiert in diesen 100 Sekunden?
Christopher Rüping 100 Sekunden haben die Schauspieler jeweils Zeit, um die Geschichte eines Lebens zu erzählen. Insgesamt werden 48 Geschichten erzählt, also 48 Versuche, eine Antwort auf die Frage zu geben, wofür man lebt. Die 48 Menschen, um deren Geschichten es geht, sind zum größten Teil real, einige sind fiktiv, einige sind historisch, andere sind Zeitgenossen: Holger Meins, Iphigenie in Aulis, Mohamed Bouazizi, der mit seiner Selbstverbrennung den arabischen Frühling ausgelöst hat, Amjad, der islamistischer Selbstmordattentäter werden will, Magda Goebbels, die 1945 vor ihrem Selbstmord ihre Kinder vergiftet, Johanna von Orlйans.

tip Lauter Menschen in harten Konfliktsituationen, die keinen friedlichen Tod sterben?
Christopher Rüping Ja, viele sterben einen gewaltsamen Tod. Viele haben sich dadurch in die Kulturgeschichte, in die kollektive Erinnerung eingeschrieben, auch weil sie mit ihrem Tod eine Antwort auf die Frage geben, wofür sie gelebt haben. Wofür ist man bereit zu sterben?

tip Ein Arzt, der auf einer Palliativstation arbeitet, hat mir einmal gesagt, Menschen sterben, wie sie gelebt haben –  begleitet von Angehörigen oder einsam, stumpf oder mit Klarheit.
Christopher Rüping Ich glaube, das stimmt. Es gibt aber auch die Ausnahmen, auch in unserem Abend, Menschen, deren Tod in keinem Verhältnis zu ihrem Leben steht. Aber im Augenblick des Todes verdichtet sich etwas. Ein Tod kann sinnvoll sein, zumindest wünscht man sich das. Es gibt Menschen, die ihren eigenen Tod als Fanal einsetzen.

tip Wie ein Selbstmordattentäter oder das RAF-Mitglied Holger Meins, der sich im Gefängnis zu Tode gehungert hat?
Christopher Rüping Ja. Das ist natürlich weder frei von Narzissmus noch von Kitsch. Interessant ist, wie dieser Kitsch instrumentalisiert wird. Am Ende des ersten Teils unseres Abends gibt es eine Collage aus einer Rede von Papst Urban, der Rede eines islamistischen Hasspredigers, Goebbels und Fidel Castro. Diese Vertreter verschiedener Religionen und Ideologien feiern den Tod: Die Geschichte der Welt wird mit Blut geschrieben. Offenbar brauchen solche Großideologien die Bereitschaft zum Töten und zum Selbstopfer.

tip Das empfinden wir als schrecklich und abstoßend. Gleichzeitig gibt es eine gewisse Gier nach solchen Grenzerfahrungen, wenn zum Beispiel verwirrte Jugendliche aus Kreuzberg zum IS nach Syrien fahren.
Christopher Rüping Absolut. Es gibt die Sehnsucht danach, sichtbar zu werden, etwas Besonderes zu sein, sich in die Geschichte einzuschreiben, einen Fußabdruck zu hinterlassen, und sei es, um den Preis des eigenen Lebens. Interessant ist, dass mit dem Ende der großen Erzählungen und Groß-Ideologien, die Bereitschaft oder der Wunsch danach, sich für etwas zu opfern und sich so selbst zu überhöhen, nicht verschwindet. Das ist oft voller Narzissmus. Ein Brasilianer, der in unserem Abend vorkommt, wollte unbedingt aussehen wie Ken, der Mann von Barbie. Er ließ sich so oft umoperieren, bis er daran gestorben ist. Dieses Bedürfnis, sich um den Preis des eigenen Lebens zu etwas Besonderem zu machen, ist offenbar eine starke Kraft. Anders ist es bei jemandem wie dem 83jährigen Archäologen Khaled Al-Asaad, der die Ruinen von Palmyra nicht verlassen wollte. Er wollte sein Lebenswerk nicht verraten, und wurde vom IS enthauptet.

tip Was reizt Sie an diesem Stoff für das ­Theater?
Christopher Rüping In Theaterstücken geht es ja oft um Helden und Opfer. Aber an unserem Abend wird das Pathos durch die Form beschnitten. Jede dieser 48 Geschichten möchte gesehen werden, aber nach 100 Sekunden kommt die nächste.  Das ist eine gewollte Überforderung. Anders geht es auch nicht. Die Behauptung, in 100 Sekunden die Wahrheit über das Leben und Sterben eines Menschen zu erfahren, wäre obszön. Es geht auch darum, durch die Fülle an unterschiedlichsten Geschichten eine Unschärfe in gewohnte Wertungsmechanismen zu bringen, und so die Schubladen im Kopf durcheinanderzuwirbeln.

tip Jeder Tod ist einmalig. Aber indem Sie die Tode in Serie schalten, kommentieren sie sich gegenseitig?
Christopher Rüping Sie treten in Dialog miteinander, manchmal relativieren sie sich auch gegenseitig. Was mir an dieser 100-Sekunden-Struktur so gefällt, ist, dass sie sich dem Anspruch auf Vollständigkeit, den Theaterabende oft haben, verweigert. Es ist eine Fiktion, zu behaupten, eine Geschichte hätte einen Anfang und ein Ende. Es gibt keine Geschichte, der nichts vorausgeht. Diese 100 Sekunden tun nicht so, als könnte man eine Geschichte zu Ende erzählen. Das ist wie ein Blitzlichtgewitter. Ich weiß noch nicht, was das beim Zusehen auslöst – ob alles verschwimmt, ob sich einzelne Geschichten festsetzen, ob sie sich miteinander verbinden.

tip Hinrichtungsvideos sind inzwischen ein eigenes Filmgenre. Gibt es eine Art Pornografie des Todes?
Christopher Rüping Ja, auf jeden Fall. Ich würde auch sagen, dass wir uns dem nicht vollständig entziehen können. Allerdings hoffe ich, dass die serielle Struktur des Abends dieser Pornografie entgegenwirkt: Wer sich 100 Pornos nacheinander ansieht, erlebt irgendwann keinen Thrill mehr. Der Overkill an Reizen entwertet den pornografischen Reiz und richtet den Blick auf etwas anderes. Deshalb haben wir den Abend auch „wofür leben“ genannt, und nicht „wozu sterben“. Jemand, bei dem man sicher nicht von einer pornografisch ausgeschlachteten Tod sprechen kann, ist der Sozialphilosoph Andrй Gorz. Er hat sich im Alter von 83 Jahren gemeinsam mit seiner Frau das Leben genommen. Sie hatte solche Schmerzen, dass sie das Leben nicht mehr ertragen konnte. Er beschreibt einen Traum, in dem er hinter dem Sarg seiner toten Frau geht, und er entscheidet für sich, dass er bei ihrer Einäscherung nicht dabei sein will. Er will nicht allein zurückbleiben, sondern mit ihr zusammen gehen. Da war eine der ganz wenigen Geschichten, wo man innerlich zustimmen möchte.

Interview: Peter Laudenbach

Foto: Andreas Brüggmann

Deutsches Theater ­Kammerspiele Sa 17., So 18., Do 22., Sa 24.10., 20 Uhr, Karten-Tel.: 28 44 12 21

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