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Interview mit dem Immobilienmakler Nikolaus Ziegert

Interview mit dem Immobilienmakler Nikolaus Ziegert

Ein heißer Donnerstagnachmittag, Schlü­terstraße, der vierte Stock eines Altbaus, Sitz von Ziegert – Bank- und Immobilienconsulting. Nikolaus Ziegert kommt ohne Jackett und Krawatte rein. Zwei Wochen zuvor hatte Berlins Marktführer im Eigentumswohnungsverkauf beim Stadtgestaltungsfestival Make City in einem Workshop seine neue „Stiftung für erschwingliches Wohneigentum“ vorgestellt – wo er anfangs auf einiges Misstrauen stieß. 

tip Herr Ziegert, Sie haben eine Stiftung für bezahlbares Wohnen gegründet. Was ist denn mit Ihnen los?
Nikolaus Ziegert?Ja, es ist was los. Das heißt, dass ich mit Mitte 50 anfange, eine andere Tiefe der Aufgabenstellung in der Branche zu bemerken und aufzugreifen.

tip Vor drei Jahren noch wurde im Gräfekiez gegen den, Zitat, „Entmietungsspezialisten Ziegert“ demonstriert. Deswegen überrascht mich diese Stiftung dann schon.
Nikolaus Ziegert  Erstens: Überraschungen finde ich gut. Zweitens: Ich betrachte es als Notwendigkeit des Marktes, auch für Ziegert, dass man das Thema des günstigen Wohnens aufgreift. Ich sehe in der Branche da viel zu wenig. Fast null.

tip Warum jetzt? Mitte 50 ist ja kein Alter?…
Nikolaus Ziegert  Glauben Sie? Ich finde das alt.

tip Ihr neues Interesse am günstigeren Wohnen ist also ein Fall von Altersmilde?
Nikolaus Ziegert Dafür bin ich wiederum nicht alt genug!

tip Oder stellt sich für Sie nach 30 Jahren im Geschäft tatsächlich eine Art Sinnfrage?
Nikolaus Ziegert Ja. Die Sinnfrage. Genau. Die packt einen. Ich finde, das Älterwerden hängt mit einer stärkeren Sinnsuche zusammen.

tip Was ist das Ziel der Stiftung?
Nikolaus Ziegert Günstiger Mietwohnungssbau wird ja auch subventioniert mit dem Berliner Modell. Was mir fehlt in der Stadt, ist gerade im Eigentumsbereich das günstige Segment. Mein Ziel heißt: einen Preis von 6,50 Euro pro Quadratmeter für Zins, Tilgung und Wohngeld zu erreichen.

tip
6,50 Euro ist die Kaltmiete, die auch der Senat für bezahlbare Neubauten definiert.
Nikolaus Ziegert Wir sagen klar: Eigentum wäre der klügere Weg für den Berliner.

tip Üblich sind aber 30 Prozent Eigenkapital. Dieses Geld haben viele schlicht nicht!
Nikolaus Ziegert Der Senat hätte vor zehn Jahren diese 30 Prozent an jeden verschenken können und wäre billiger weggekommen als mit allen anderen Investitionen in die Wohnungsbaupolitik.

tip Ich stelle mir gerade das Gesicht des Ex-Finanzsenators Sarrazin bei der Idee vor.
Nikolaus Ziegert Ich gebe zu, man erkennt es immer erst hinterher. Aber jetzt haben wir die Chance der günstigen Zinsen. Wenn ich der Senat wäre, würde ich sofort sagen: IBB (Investitionsbank Berlin, Anm. d. Red), Anweisung, ab morgen! Macht einen Topf, wo die Eigenkapitallücke einer unteren Zielgruppe geschlossen wird.

tip Will der Senat denn Ihren Rat haben?
Nikolaus Ziegert Wir hatten letzte Woche mit Herrn Müller ein gutes Gespräch und sind auch mit Herrn Geisel verabredet. Aber auch da wollen wir mit der Stiftung stärker wahrgenommen werden.

tip Weil „Stiftung“ besser klingt?
Nikolaus Ziegert Weil Stiftung auch besser klingt, vor allem für die Politik! Sonst spreche ich davon, dass Stiftungen das Instrument sind, um Impulse reinzugeben, was ein Wirtschaftsunternehmen üblicherweise eher selten tut. Man bekäme ein „Greenwashing“-Motiv unterstellt.

tip Schön, dass Sie es selbst ansprechen. Haben Sie gar keine Sorge vor genau dieser Wahrnehmung?
Nikolaus Ziegert Mir ist nicht so wichtig, wie das wahrgenommen wird. Sondern, wie die Intention ist. Da kommt hoffentlich etwas Gutes dabei heraus.

tip Stiftungsschef wird Eckhart Hertzsch vom Fraunhofer-Institut. Wer macht noch mit?
Nikolaus Ziegert Tolle Leute. Zugesagt hat Herr Otto Schily.

tip Der Ex-Bundesinnenminister ist mir bislang gar nicht als Bauexperte aufgefallen.
Nikolaus Ziegert Aber als Ideengeber. Er begleitet uns ja auch im Beirat bei Ziegert. Herrn Genscher habe ich auch angerufen. Und andere großartige Leute.

tip Genschman traut man ja immer alles zu.  Aber der gute Mann wird auch nicht jünger.
Nikolaus Ziegert In dem Kreis wird es 15 bis 20 Personen geben. Auch viele, die noch nicht dieses stattliche Alter erreicht haben. Im Herbst machen wir die ersten Vorschläge.

tip Herr Ziegert, Sie haben 1985 als Makler in Berlin angefangen. Sind die Sitten auf dem Markt in jüngster Zeit rauer geworden?  Wie beim Schöneberger „Horrorhaus“, das der Vermieter offenbar verwahrlosen lässt.
Nikolaus Ziegert Nein, die Sitten werden nicht rauer. Sondern seriöser und besser.

tip Sie haben ja selbst auch einige Jahre Entmietung betrieben, unter anderen für den dänischen Immobilienkonzern Taekker. Was war denn früher gang und gäbe?
Nikolaus Ziegert Wir haben Ausgleichszahlungen und äquivalente Alternativwohnungen für die Mieter angeboten. Als wir festgestellt haben, wie sensibel das ist, haben wir uns aus diesem Geschäftszweig zurückgezogen. Ich will mich grundsätzlich auf positive Dinge fokussieren.

tip Was ist mit „zufällig“ kaputten Wasserhähnen, die vermietete Wohnungen fluten?
Nikolaus Ziegert  So etwas gibt es eigentlich nicht mehr.

tip Na, kommen Sie! Es gibt auch Wohnungen, die ewig hinter Bauplanen verschwinden.
Nikolaus Ziegert Das ist natürlich nicht gut. Meine Überzeugung ist, dass sich das in Berlin verbessert. Weil die kritische Berichterstattung und die öffentliche Wahrnehmung auch das Ihrige tun.

tip Und weil Initiativen Lärm machen. Der von Kündigung bedrohte Gemüseladen Bizim Bakkal im Wrangelkiez wäre sonst weg.
Nikolaus Ziegert  So bleibt er nun drin. Und das finde ich gut. Es ist nicht so viel Lärm erforderlich. Erforderlich wären neue Mittel der Kommunikation. Von unserer Seite versuchen wir das, indem wir solche Prozesse auch anders gestalten.

tip Es ist kein Kommunikationsproblem, wenn ein Gemüseladen nach 28 Jahren gekündigt wird. Sondern ein Geschäftsproblem.
Nikolaus Ziegert (Lange Pause). Über so ein Thema könnte man lange sprechen. Das sprengt hier den Rahmen.

tip Berlin wächst pro Jahr um 45.000 Leute. Der Druck auf den Wohnungsmarkt steigt.
Nikolaus Ziegert Durch die Instrumente der Politik, Wohnungen zu schaffen, kann der Druck signifikant reduziert werden. Hoffentlich wirkt es bald.

tip Macht Ihnen der große Erfolg der Initiative Mietenvolksentscheid eigentlich Sorgen?
Nikolaus Ziegert Sorgen nicht. Es ist ja nicht mein Geld.

tip Sie meinen die drei Milliarden Euro, die Senatsschätzung für mögliche Kosten?
Nikolaus Ziegert Tatsache ist, dass es besser wäre,  einen Volksentscheid für mehr Eigentumsbildung zu machen. Um zu sagen: Wir wollen eine eigene Wohnung. Senat, unterstütze uns!

tip Auf diese Kosten wäre ich auch gespannt!
Nikolaus Ziegert Das wäre in jedem Fall langfristig günstiger, als immer  zu versuchen, nur günstige Mieten zu schaffen.

tip Wie steht’s um Berlins Wohnungsmarkt?
Nikolaus Ziegert In Berlin ist es ja so, dass die Leute auch Lust haben, in andere Bezirke zu wechseln.

tip Was Sie nicht sagen. Wer eine bezahlbare Wohnung hat, bleibt doch, solange er kann.
Nikolaus Ziegert Natürlich ist es auch manchmal ein unerfreulicher Grund, warum ich umziehe. Weil die Mieten steigen. Es wäre natürlich eine wunderschöne Utopie, wenn Mietpreise nicht mehr steigen würden.

tip Das ist ausgerechnet für Sie eine schöne Vorstellung?
Nikolaus Ziegert Eine Utopie! Und nicht erreichbar. Wir sollten uns mit der Realität auseinandersetzen.

tip Wo erleben wir die Realität als Nächstes?
Nikolaus Ziegert Die City-West ist weiter im Kommen, der Norden von Treptow auch. Und Wedding ist der letzte Bezirk, der diese Zuzugswelle erleben wird. Ansonsten sehe ich den Effekt, dass alle Bezirke erfasst werden durch diese Entwicklung Berlins. Da gibt es keine Rangliste mehr.

tip Sie selbst wohnen zur Miete in einem Haus, das Ihnen gehört. Wie sind Sie denn zu sich selbst so als Vermieter?
Nikolaus Ziegert Ich bin ja ein bescheidener Mieter.

tip Trauen Sie Ihrem eigenen so erfolgreichen Geschäftsmodell etwa nicht?
Nikolaus Ziegert Das war eine strategische Entscheidung, nicht in den Wohnungskauf zu gehen. Ich habe ?mir eher das eine oder andere Mehrfamilienhaus gekauft.

tip Und wie steht’s mit Ihrer eigenen Umzugsneigung?
Nikolaus Ziegert Man hat mir gesagt, als ich 1981 nach Berlin kam: Du wirst in fünf Jahren zehnmal umziehen. Das hat annähernd auch gestimmt. Heute hätte ich dafür gar nicht mehr die Zeit.

Interview: Erik Heier

Foto: Benjamin Pritzkuleit

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