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Interview mit dem Kurator Matthias von Hartz

Foreign Affairs holt mit William Kentridge, der Needcompagnie, Alan Platel und Forced Entertainment lauter gute alte Bekannte in die Stadt. Kurator Matthias von Hartz über die neue und letzte Ausgabe des Festivals

William Kentridge
Foto: Luke Younge

tip Herr von Hartz, die neue Ausgabe Ihres Festivals „Foreign Affairs“ steht unter
dem Motto „Uncertainty“. Was ist denn so unsicher?
Matthias von Hartz Das Thema kommt ursprünglich von William Kentridge, der Uncertainty und Provisionality, Unsicherheit und Vorläufigkeit, als Thema und als Arbeitsstrategien beschreibt – Kunst kann ein Prozess sein, der nicht zwangsläufig auf ein fertiges Produkt hinauslaufen muss. Aber natürlich sind diese Begriffe auch politisch. Wir erleben ja derzeit, wie vieles, was wir für sicher hielten, erodiert. Als wir mit den Künstlern des Nature Theatre of Oklahoma über das Thema geredet haben, ist die Idee zu einem Science Fiction-Film über Deutschland im Jahr 2071 entstanden, den sie während des  Festivals jeden Tag an verschiedenen Orten mit Laien drehen werden. In der Ausstellung „Uncertain Places“ beschäftigen sich verschiedene Künstler mit Unsicherheit, etwa Dries Verhoeven mit seiner Videoinstallationen „Guilty Landscapes“. Die Arbeit spielt mit unserem Blick auf den Globalen Süden und unseren Klischeevorstellungen vom Slums und Sweat Shops. Diese Vorstellungen, in denen Macht- und ­Mitgefühl-Verhältnisse sehr klar verteilt sind, werden von Verhoeven intelligent irritiert. Die Ausstellung findet nachts von 22 bis 1 Uhr im Haus der Festspiele an allen möglichen Orten statt, an denen man nicht unbedingt Kunst erwartet – auf der Unterbühne, im Lastenfahrstuhl, im Hebewerk.

tip Das Festival widmet dem Südafrikaner William Kentridge einen Fokus. In den 1990er Jahren konnte man öfter Inszenierungen von ihm im Hebbel Theater sehen, seitdem war er lange nicht in Berlin präsent. Weshalb jetzt dieser Kentridge-Schwerpunkt mit einer großen Ausstellung im Martin Gropius Bau und einem halben Dutzend Gastspielen in den unterschiedlichsten Formaten?
Matthias von Hartz Was Sie bei Foreign Affairs und im Gropius Bau sehen können, ist wahrscheinlich die umfänglichste Kentridge-Werkschau, die es je gab. Seine Kunst mäandert durch die verschiedenen Medien und Genres: Zeichnung, Film, Performance, Installation, Puppentheater, Oper. Wir haben vier Jahre an diesem Projekt gearbeitet. Es war ihm und uns wichtig, das ganze Spektrum seiner Kunst zu zeigen, mit neuen und älteren Arbeiten. Normalerweise sieht man ja immer nur einzelne Facetten seines Werkes. Kentridge ist uns auch deshalb so wichtig, weil das Festival mit Künstlern arbeiten will, die sich für die Befragung des jeweiligen Mediums und seiner Beziehungen zu anderen Medien interessieren. Wir freuen uns darüber, dass Kentridge seine „Drawing Lessons“ zeigt, bei denen er alleine auf der Bühne steht und über seine Arbeit, seine Biographie in Südafrika redet. Nebenbei ist er auch noch ein großartiger Performer.

tip Das Spektrum seiner Themen reicht von Schuberts „Winterreise“ bis zu Alfred Jarrys „Ubu“ oder Büchners „Woyzeck“, den er in die afrikanische Steppe verpflanzt.
Matthias von Hartz Dadurch entstehen neue Perspektiven. Indem Kentridge die „Winterreise“ mit seinen Bildern kombiniert, wird das ein politischer Abend. Bei „Ubu“ mit der Handspring Puppet Company verbindet er absurdes Theater mit südafrikanischer Geschichte, mit den Wahrheitskommissionen, die nach dem Ende der Apartheid die Verbrechen des alten Regimes aufarbeiten und Versöhnung möglich machen sollten. Dieses Stück ist 20 Jahre alt, damals war das eine unglaubliche Sensation.  Das beeindruckende an Kentriges Werk ist immer wieder, wie er für politischen Themen und die Konflikte der südafrikanischen Gesellschaft Bilder von großer Klarheit findet und dafür über Jahrzehnte eine eigene, unverwechselbare Formsprache entwickelt hat.

tip Es ist ein Festival der großen Namen – ein Höhepunkt ist sicher das Gastspiel von Alain Platels „En avant, marche!“ Was geschieht da auf der Bühne?
Matthias von Hartz Das ist ein großes, melancholisches Bühnenspektakel mit einer Blaskapelle, Platels wunderbaren Tänzern und einem tollen Schauspieler. Hinter oder neben dem Spaß geht es um die Fragilität menschlicher Existenz; in dem Fall um einen Musiker, der das Orchester verlassen muss, weil er zu alt ist. Der Tod naht. Auch das ist eine Erfahrung von Unsicherheit, die wir alle kennen.

tip Festivals können sich Dinge leisten, die im normalen Theaterbetrieb kaum möglich sind. Ist die Aufführung vom Abend bis zum Morgengrauen, die „Forced Entertainment“ zum Abschluss des Festivals zeigen, dafür ein schönes Beispiel?
Matthias von Hartz Auf jeden Fall. „From The Dark“ ist die Neuinterpretation einer der frühen Arbeiten von Forced Entertainment, die damals 24 Stunden dauerte. Auch das ist eine Auseinandersetzung mit Dunkelheit und Ängsten, aber auf eine Weise, wie wir es von Forced Entertainment kennen, also britisch selbstironisch.

tip Gibt es neben den großen Namen Entdeckungen,  die wir nicht verpassen sollten?
Matthias von Hartz Ich finde, man sollte am ersten Abend unbedingt Nástio Mosquito sehen, ein angolanischer Musiker und Performer, der irgendwas zwischen Spoken Word und Videoshow macht. Während wir anfingen, mit ihm zu arbeiten, hat schon das Museum of Modern Art in New York um ihn geworben. Einer meiner Lieblingsabende ist „The Blind Poet der Needcompany“.  Eine andere Show, die ziemlich überaschend ist, ist der Abend von Jarvis Cocker, den frühere Sänger der Britpop-Band Pulp. Er macht hier etwas völlig anderes, er erzählt Geschichten, und er fragt, unterstützt von einem Sinfonieorchester nach der Funktion von Musik in der Nacht – eine große Nachtmusik.

tip Das ist die letzte Ausgabe des Festival-Formats „Foreign Affairs“. Für die nächsten Jahre wollen sich die Berliner Festspiele den Immersive Arts widmen.  Sind Sie zum Abschied melancholisch?
Matthias von Hartz Ja, sicher. Ich habe dieses Festival sehr gerne gemacht. Ich glaube, dass es fünf Jahre nach seiner Gründung an einen sehr guten Punkt gekommen ist. Am Anfang stand ja die Frage im Raum, ob Berlin dieses Festivalformat braucht. Ich glaube, wir haben die Erwartungen erfüllt, mit Künstlern neue große Projekte in der Stadt zu realisieren, die es sonst nicht gäbe, und damit auch in relativ kurzer Zeit eine interessante Positionierung in der internationalen Festivallandschaft erreicht.

Haus der Berliner Festspiele, Schaperstraße 24, Wilmersdorf, u.a. Di 5.7. – So 17.7., Karten-Tel.: 25 48 91 00, Eintritt 15-35, erm. 10-25 € www.berlinerfestspiele.de

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