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Interview mit dem Rabbiner Daniel Alter

Interview mit dem Rabbiner Daniel Alter

tip Herr Alter, tragen Sie Ihre Kippa in der Öffentlichkeit?
Daniel Alter  Nein. 2012 wurde ich auf der Straße als Jude erkannt und angegriffen. Vor den Augen meiner Tochter. Seitdem nicht mehr.

tip Wie ergeht es anderen Juden in Berlin?
Daniel Alter Ein Beispiel: Vor ein paar Monaten wurde eine Frau in einem Bus angepöbelt, weil sie einen Davidstern trug. Sie trägt ihn nun nicht mehr. Das verstehe ich. Wir müssen vorsichtig sein. Viele verstecken den Stern unter dem Hemd und die Kippa unter der Mütze.

tip Macht Sie das nicht wütend?
Daniel Alter Natürlich. Ich kann meine Religion nicht frei leben und nicht zu ihr stehen. Die Religionsfreiheit ist in Gefahr und damit unsere Demokratie. Das ist eine katastrophale Entwicklung.

tip Was würde passieren, wenn ein Jude mit einer Kippa durch Berlin liefe?
Daniel Alter Vielleicht nichts, aber es wäre eine wirklich dumme Idee. Wenn man am Hermannplatz auf die falschen Jugendlichen trifft, gibt es auf die Ohren. Ganz einfach. Stadtteile mit einer großen islamischen Community sind No-Go-Zonen für Menschen, die offen als Juden erkennbar sind. Das habe ich erlebt, das haben andere erlebt. Das ist ein Problem.

tip Es entsteht eine Mentalität des Versteckens?
Daniel Alter Die Jüdische Gemeinde versteckt sich nicht. Im Gegenteil: Wir sind ein Bestandteil Berlins, wir machen Veranstaltungen, sind lebendig und offen. Die Gemeinde als Institution ist auch geschützt. Der Einzelne aber, allein da draußen, der hat keinerlei Schutz.

tip Was macht das mit Ihnen oder Ihren ­Kindern?
Daniel Alter Meine Kinder wissen, dass es Menschen gibt, die bereit sind, uns anzugreifen, einfach nur weil wir Juden sind. Meine ältere Tochter war sechs, wir waren auf dem Spielplatz, plötzlich kam sie zu mir und sagte: „Papa, da steht ‚Scheiß Jude‘. Warum?“ Das musste ich ihr erklären. So wird auf den meisten Schulhöfen auch das Wort „Jude“ als Schimpfwort benutzt.

tip Gleichzeitig wächst das jüdische Leben, immer mehr Israelis ziehen beispielsweise nach Berlin.
Daniel Alter  Ja, die Jüdische Gemeinde ist in den letzten Jahrzehnten stark gewachsen. In Berlin zeigt sich eine neue Vielfalt. Wir haben sogar zwei Seminare, in denen Rabbiner ausgebildet werden. Wir haben hier eine große jüdische Kulturszene. All das ist positiv. Aber bleibt das so?

tip Was wäre denn Ihre Idealvor­stellung?
Daniel Alter Dass wir keine Sicherheit mehr bräuchten. Eine Synagoge, die 24 Stunden am Tag offen ist, ohne Panzerglas, ohne Detektor und bewaffneten Polizisten. Alles fern von der Realität.

tip Ist Antisemitismus vor allem ein Problem islamischer Communitys?
Daniel Alter Nein. Der Antisemitismus steckt auch in der Mitte der Gesellschaft. Laut einer Bundestagsstudie von 2012 haben bis zu 25 Prozent in der Mehrheitsgesellschaft latent antisemitische Motive. Auf jedem vierten Platz sitzt einer, der etwas gegen mich hat, weil ich Jude bin. Das ist sehr belastend!

tip Wegen der Anschläge in Paris oder weil Netanjahu dazu auffordert: Ist nach Israel auszuwandern eine Option?
Daniel Alter Es sind nicht die Anschläge, es ist die vergiftete Atmosphäre, die es für manche Juden unerträglich macht. Für diese Menschen bedeutet Israel Freiheit, weil sie sein können, wer sie sind.

tip Was sollte hier gegen Antisemitismus ­getan werden?
Daniel Alter Ich besuche zum Beispiel Schulklassen zusammen mit einem Imam. Aber das ist ein Tropfen auf dem heißen Stein. Es müsste noch mehr Aufklärung in Schulen geben und der Umgang mit Judenhass und anderen Formen der Diskriminierung muss Teil der Ausbildung der Lehrer werden. Alle sollten verstehen, dass der Kampf gegen Antisemitismus ein Kampf für unsere demokratische Gesellschaft ist.
   
Interview: Karl Grünberg

Foto: Benjamin Pritzkuleit

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