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Interview mit dem Stadtführer Christian Seltmann

Interview mit dem Stadtführer Christian Seltmann

Christian ?Seltmann ist ein Multirtalent: Der gebürtige Lüdenscheider mit Berliner Vater, studierte in Bochum Geschichte. Jobs als Matratzenlieferant, Radiosprecher, Krankenwagenfahrer, Unidozent, Fernsehredakteur, Zeichentrickregisseur, Drehbuch-Übersetzer – und Stadtführer. Schreibt erfolgreich Kinderbücher („Freds sensationelle Spinnereien“, „Kleiner Ritter Kurz von Knapp“)

tip Herr Seltmann, in Ihrem Stadtführer-Buch maulen Bill und Stacy aus North Dakota, sie wollten keine „lessons“, sondern „sights and the Führer“. Ist es wirklich so klischeehaft bei Berliner Stadtführungen?
Christian Seltmann Die Leute aus den USA, Kanada, England kommen schon mit der deutlichen Erwartung her: Das ist Hitlers Hauptstadt. Deshalb gibt es ja Touren wie “The Third Reich“.

tip Seit wann sind Sie selbst Stadtführer?
Christian Seltmann Von 2008 bis 2012 mehr oder minder hauptberuflich. Seitdem sporadisch.

tip Morgens, 11 Uhr, Brandenburger Tor. Da ist High Noon bei den Touren. Oder?
Christian Seltmann Am Holocaust-Mahnmal zwischen eins und vier, da ist richtig die Hölle los, und am Brandenburger Tor natürlich. Und am Checkpoint Charlie.

tip Sie sind ja schon vergleichsweise lange im Job. Manche Guides scheinen aber kaum mehr als ein, zwei Jahre in Berlin zu sein.
Christian Seltmann Weniger. Manchmal gerade mal sechs Wochen.

tip Was vermitteln die dann für ein Berlin-Bild?
Christian Seltmann Deren Berlin-Bild ist gar nicht so undifferenziert. Die sehen zwar aus wie Surflehrer, sind aber gebildete Leute. Haben Geschichte studiert oder promovieren hier. Das vermischen sie dann mit einem zünftigen Storytelling. Das ist schon gut.

tip Ein tip-Kollege hat bei einer Führung mal den Satz aufgeschnappt: “Der Graefe-Kiez ist die Toskana Berlins.“ Darüber lachen wir in der Redaktion heute noch.
Christian Seltmann Der Graefe-Kiez ist nicht im Fokus von Stadtführungen. Die gehen nicht in die Suburbs.

tip Moment. Der Graefe-Kiez ist ein Vorort?
Christian Seltmann Für Stadtführer schon. Der muss ja immer von einem unsportlichen Teilnehmer ausgehen.

tip Stadtführer, schreiben Sie, haben alle einen Hau. Sie selbst auch. Was heißt das?
Christian Seltmann Alle, die das länger machen, eint ein gewisser Freak-Faktor. Die sind ziemlich nerdy. Die deutschen Kunden mögen das auch. Gerade der deutsche Kunde kommt ja mit Vorwissen. Da muss der Guide etwas Besonderes bieten. Etwas Freakiges. Ein Typ sein. Ein Dissident mit Bart zum Beispiel.

tip Den trägt doch außer Thierse keiner mehr.
Christian Seltmann Doch. Man könnte diese Leute mit Hipstern verwechseln. Aber sie tragen diese Bärte seit 1977. Super Guides. Die verfransen sich zwar schon mal in ihren Sätzen oder kommen mit der Zeit nicht aus.

tip Sie kommen mit der Zeit nicht aus?
Christian Seltmann Da dauert die Vier-Stunden-Tour auf einmal sechs Stunden. Einer der besten Berliner ­Guides überzieht jede Tour, die Leute sind nachher platt. Aber manche kommen alle zwei Jahre wieder. Der hat richtige Fans.

tip Wie Groupies, nur ohne Sex?
Christian Seltmann Kann man sagen. Ich kenne jedenfalls keinen Stadtführer, der ein Durchschnittstyp wäre.

tip Was für Freaks gibt es sonst so?
Christian Seltmann Ich habe ja für diverse Anbieter gearbeitet, hauptsächlich für Stadtführungen mit Fahrrädern und Segways. Wir hatten mal einen, der ist jetzt Lehrer und hat während seiner Referendarzeit in den Ferien auf den Touren seine Lehrmethoden ausprobiert. Oder eine linksfeministische Steineschmeißerin mit extrem antikapitalistischer Sicht, wo die Kunden dann sagen: Das ist in Berlin eben so. Alles Leute, die ihren Hau auch nicht verbergen.  

tip Eine Segway-Tour bei den ganzen Baustellen ist derzeit sicher auch kein Vergnügen.
Christian Seltmann Gefährlich ist das! Ich weiß nicht, wie die bei der Verkehrslenkungsbehörde sich das mit dem Tourismus vorgestellt haben. Viele historische Gebäude: gleichzeitig eingerüstet. Auf dem Bücherverbrennungsdenkmal auf dem Bebelplatz steht zum Beispiel seit Jahren einfach ein Baucontainer. Da fragen die Leute, weil sie es im Reiseführer gelesen haben: Wo ist das Denkmal? Und du sagst: Da wird gebaut. Ist Berliner Lokalkolorit! Irgendwann machst du einen Running-Gag daraus. Wird gebaut! Wird alles noch gebaut!

tip Macht der Job Ihnen noch Spaß?
Christian Seltmann Es ist eine tolle Tätigkeit. Man könnte ja als Berliner auf die Idee kommen, dass den Guides die Stadt egal ist und sie einfach ihre Horden hier durchjagen. Im Gegenteil! Man versucht den Leuten klarzumachen, dass man nicht auf alle Leute zeigen muss, weil die nicht so aussehen wie zu Hause. Oder bei Segway-Touren, wo die Guides mahnen: Leute, das ist hier kein Spielplatz, das ist eine Stadt.

Interview: Erik Heier

Foto: photoformatplus / Ralph Bergel

Where the Fuck is the führer? Als Touri-Guide in Berlin
Ullstein Taschenbuch, 256 S., 9,99 Euro

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