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Interview mit der Yoga-Vordenkerin Patricia Thielemann

Interview mit der Yoga-Vordenkerin Patricia Thielemann

Patricia Thielemann gründete 2004 Spirit Yoga. Sie bildet Lehrer aus, veranstaltet Yoga-Reisen und -Workshops, produziert Übungs-CDs und -DVDs, schreibt über Yoga Bücher und in Fachmedien.

tip Frau Thielemann, in keiner europäischen Stadt wird Yoga schon so lange unterrichtet wie in Berlin.
Patricia Thielemann?Ja, Mitte der 20er-Jahre eröffnete hier schon das erste Studio.

tip Merken Sie das den Hauptstädtern an, die in Ihre Yogaklassen kommen?
Patricia Thielemann Sicher ist Yoga in Berlin selbstverständlicher als an vielen anderen Orten. Als mein Ex-Partner Brian Kapell und ich vor zwölf Jahren das erste Spirit Yoga Studio am Hackeschen Markt eröffneten, begann eine neue Ära: weg vom muffigen Hinterzimmer, hin zum Yoga mit amerikanischer Rezeptur und gutem Design. Das war damals ein mutiges Statement. Kurz darauf war Yoga überall. Jede Werbung für ein Lightprodukt schmückte sich mit selig lächelnden Models in Yoga-Pose. Selbst die großen Nachrichten- und Gesundheitsmagazine ließen sich dazu hinreißen, die Wirkungen des Yoga mit gewaltigen Heilsversprechen aufzuladen. Ich will aber nicht leugnen, dass auch Spirit Yoga von diesem Hype profitiert hat.

tip Mit Unyte kommt demnächst sogar eine ganze Yoga-Kette auf den Markt. Ist die Konkurrenz inzwischen sehr groß?
Patricia Thielemann Nicht mehr oder weniger als in anderen Branchen. Neue Anbieter kommen und verschwinden wieder. Das geht schon seit Jahren so. Ob ein Konzept, wie Unyte es verfolgt, aufgehen kann, wird sich zeigen. Ich würde nicht hingehen, aber auch seelenlose Fastfood-Ketten finden ihre Abnehmer.

tip Das klingt, als sei der Höhepunkt der Yoga-Welle schon überschritten.
Patricia Thielemann Seit einigen Jahren hat sich die große Aufregung um den Yoga Gott sei Dank etwas gelegt. Yoga ist aber keineswegs vorbei. Im Gegenteil: Yoga ist mittlerweile voll und ganz in unserer Gesellschaft angekommen. Modern eingerichtete Yoga-Studios gehören heute zum Standard. Ich schätze die enorme Vielfalt unterschiedlicher Stilrichtungen und die Lebendigkeit der Berliner Yoga-Szene sehr. Von überall her reisen Menschen zu uns, um hier Yoga zu praktizieren. Das ist wirklich bewegend.

tip Wie erklären Sie sich diese Nachfrage nach Yoga?
Patricia Thielemann Immer mehr Menschen suchen nach Mitteln und Wegen, um mit dieser Komplexität unseres modernen Alltags klarzukommen. Yoga ist bestimmt keine Wunderwaffe, bietet aber sehr wohl eine überzeugende Trainingsmethode für die Zeiten heute.

tip Übt man dabei heute noch so wie in Indien vor 3000 Jahren?
Patricia Thielemann Nein. Bei aller Wertschätzung der Yoga-Tradition braucht es meiner Meinung nach eine starke, überzeugende Übersetzung für unseren Kulturkreis. Die ersten Swamis brauchten sich schließlich nicht mit Themen wie Digitalisierung, Werteverlust, Reizüberflutung, Klimawandel, neuen Geschlechterrollen und der höheren Lebenserwartung auseinanderzusetzen. Auch wenn es hinter alledem so etwas wie eine universelle Gültigkeit gibt, heißt dies noch lange nicht, dass der Weg zur Erleuchtung heute genauso beschritten werden sollte wie vor 3000 Jahren. Schon bei der Definition, was Erleuchtung überhaupt ist, gehen die Meinungen stark auseinander.

tip Worauf zielt dann eine Klasse bei Spirit Yoga?
Patricia Thielemann Die Antworten auf die kleinen und großen Fragen des Daseins muss jeder für sich selber finden. Ich sehe meine Aufgabe darin, dem Praktizierenden dafür einen Erfahrungsraum zu schaffen. Der Leib bietet den wichtigsten analogen Gegenpol zur Reizüberflutung und den digitalen Welten. Die heutige Zeit verlangt nach dieser starken Integration von Körper, Geist und Seele. Sonst läuft man Gefahr, sich zu verlieren.

tip Ist Yoga also die zeitgemäße Fitness?
Patricia Thielemann Yoga setzt Ressourcen für Kreativität, Entscheidungssicherheit und kooperatives Miteinander frei – Stärken also, um die es in der heutigen Arbeitswelt viel geht. In seiner Kombination aus Sport, Regeneration und Reflexion ist Yoga als Ausgleich zur Schreibtischarbeit also wie geschaffen. Unsere Lehrer unterrichten deshalb auch Business-Yoga in Unternehmen, zum Beispiel im Konferenzraum, oder in einem der drei Spirit Yoga Studios. Wir bieten günstige Firmenmitgliedschaften für das reguläre Kursangebot und das Spirit Spa an. So kann jeder Mitarbeiter selbst entscheiden, wann er praktiziert. Die Ausgaben dafür können Unternehmen übrigens von der Steuer absetzen.

tip Vielleicht werden die Ressourcen auch leichter frei, wenn man die Kollegen mal nicht sieht.
Patricia Thielemann Oder man macht gleich eine Yoga-Reise, was ja auch immer beliebter wird. Ein mehrtägiges Retreat, wie wir das nennen, bietet eine echte Auszeit. Man taucht an einem schönen Ort tief in den Yoga ein. Das ist intensiv-fordernd und erholsam zugleich. Ist auch Anfängern zu empfehlen.

tip Spirit Yoga bietet recht luxuriöse Retreats an, im Schloß Elmau zum Beispiel oder zum Jahreswechsel in ein 5-Sterne Resort in Thailand. Wer leistet sich das?
Patricia Thielemann Zu den Spirit Yoga Retreats kommen Menschen, die mit beiden Beinen im Leben stehen, die Verantwortung tragen und im Alltag 100 Prozent Einsatz bringen. Sie nutzen die Tage, um den Kopf frei zu kriegen und ihren Körper zurück zu erobern. Sie schätzen die kraftvoll, intensiven Yogastunden genauso wie die Stille. Manche wünschen das philosophische Gespräch am Abend zu den großen Sinnfragen, für die im Alltag keine Zeit bleibt, während sich andere zurückziehen und lieber ein gutes Buch lesen.

tip Yoga und Luxus – schließt sich das nicht aus?
Patricia Thielemann Ich würde es eher Qualität nennen, und um Qualität geht es auch im Yoga. Die Orte für meine Retreats wähle ich mit Bedacht aus. Schließlich sollen dabei auch die Sinne ihren Frieden finden können.

tip Der Beruf des Yoga-Lehrers hat offenbar sehr schöne Seiten. Unterrichten Sie noch selbst?
Patricia Thielemann Ja, selbstverständlich. In allen drei Studios, Privatklassen, Workshops und die Teacher Trainees in meinen Ausbildungen.

tip Wie viele Yogalehrer haben Sie schon ausgebildet?
Patricia Thielemann Ungefähr 350.

tip Hand aufs Herz: Sie unterrichten Klassen und Workshops, bilden Lehrer aus, managen drei Studios, organisieren Yoga-Reisen, außerdem sind Sie noch zweifache Mutter – bleibt da noch Zeit für die eigene Yoga-Praxis?
Patricia Thielemann Wenn ich nicht praktizieren würde, wäre das wie Essen verweigern. Yoga ist für mich  das Herzstück – und alles, was ich tue, ist Ausdruck davon.

Interview: Till Schröder

Foto: Nela König

Spirit Yoga gehört mit drei Standorten in Berlin zu den größten Yoga-Anbietern in Deutschland. Studios: Spirit Yoga West, Goethestraße 2-3, Charlottenburg; ?Spirit Yoga, Rosenthaler Str. 36 (Aufgang G), Mitte, ?Spirit Yoga Zehlendorf, Martin-Buber-Str. 23, Zehlendorf
www.spirityoga.de

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