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Interview mit Grünen-Politikerin Sabine Bangert

Interview mit Grünen-Politikerin Sabine Bangert

tip Die große Koalition will den Kulturetat deutlich erhöhen – bis 2017 um 49 Millionen. Schöne Sache, oder?
Sabine Bangert Das klingt mehr, als es ist. Ein Großteil der Erhöhung wird für steigende Gebäude- und Sachkosten und für Kosten durch Tariferhöhungen verwendet. Das auszugleichen, sollte eigentlich selbstverständlich sein. Es gibt kaum inhaltliche Setzungen. Man hat, nicht nur in der Kultur, sondern im gesamten Ansatz für den Doppelhaushalt 2016/2017, den Eindruck, dass im Vorfeld der Wahl im kommenden Jahr etwas beliebig Wohltaten mit der Gießkanne verteilt werden.
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tip Es ist doch ein Fortschritt, dass die Koalition die Bühnen und Museen nicht mehr zwingt, Kosten der Tariferhöhung selbst einzusparen. Bis vor kurzem war das nicht durchgängig üblich. Die Opposition und die Kultureinrichtungen haben das zurecht regelmäßig kritisiert.
Sabine Bangert Das Problem ist, dass der Senat die Tariferhöhungen mitnichten bei allen ausgleichen will. Die freie Szene geht zum großen Teil leer aus. Künstlerinnen und Künstler, die dort arbeiten, können von einer Bezahlung nach Tarif nur träumen. Der Mindestlohn wird weiter unterlaufen.

tip Die Projektförderung für freie Gruppen steigt um über eine Million, die Zuschüsse für Ateliers und Arbeitsräume verdoppeln sich fast. Anders als im letzten Haushalt soll ein Teil der City-Tax-Einnahmen in die Kultur fließen. Was stört Sie daran?
Sabine Bangert Natürlich begrüße ich, dass die Freie Szene endlich mehr bekommt, das war lange überfällig. Bei der City Tax und den Mitteln für Räume ist bisher völlig intransparent, wie und nach welchen Kriterien sie verteilt werden. Inhaltlich gibt es dazu bisher aus dem Senat keine Informationen.

tip Fürchten Sie, dass ähnlich wie beim Hauptstadtkulturfonds (HKF) und der Lotto-Stiftung der Regierende Bürgermeister Geld ohne Kontrolle des Parlaments verteilen will?
Sabine Bangert Der Senat verteilt in der Kultur gerne Geld nach Gutsherrenart. Auffällig ist, dass Lotto und HKF entlastet werden, frühere Empfänger sollen jetzt aus dem Kulturetat gefördert werden. Der Senat hat so die Möglichkeit, mehr Geld freihändig zu verteilen. Ich könnte mir vorstellen, dass man damit ein Polster für mögliche zusätzliche Mittel für Chris Dercons Volksbühne schafft, die ja offenbar eine ziemlich kostspielige Luxusveranstaltung werden soll. Die Vorbereitungskosten für Dercons Intendanz von 2,9 Millionen sind ungeheuerlich, das ist ein Vielfaches des sonst üblichen. Dercon bekommt alleine für die Vorbereitung seiner Intendanz so viel Geld wie die gesamte Compagnie Sasha Waltz im gleichen Zeitraum an Zuwendungen vom Land Berlin erhält. Das ist skandalös. Natürlich verlangen wir Transparenz, wofür diese Riesensumme verwendet werden soll. Bei Dercon haben Michael Müller und Tim Renner jedes Maß verloren. Wir haben noch kein Konzept vorliegen, was Dercon an der Volksbühne perspektivisch vorhat, aber der Senat will für ihn den Volksbühnen-Etat um fast 20 Prozent um 3 Millionen Euro erhöhen. Das sind Summen, von denen Castorf nur träumen kann. Das ist, auch in Relation etwa zum HAU, eine groteske Überfinanzierung. Ich sehe nicht ein, dass ein neuer Intendant, der  zudem keine Bühnenerfahrung hat, solche üppigen Luxus-Zuschüsse bekommt, bevor er inhaltlich etwas vorgelegt hat. Wir müssen in den Ausschüssen und im Parlament intensiv beraten, ob wir das zulassen wollen. Ich kann mir nicht vorstellen, dass alle Abgeordneten der Regierungsfraktionen davon begeistert sind, wie Dercon sich seine Intendanz vorab vergolden lässt.

Interview: Peter Laudenbach

Foto:
Barbara Dietl

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