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Interview mit Jan Stöß

Interview mit Jan Stöß

Jan Stöß, geboren im niedersächsischen Hildesheim, zog der promovierte Jurist Mitte der 90er-Jahre nach Berlin. 2012 eroberte Stöß, unterstützt von Raed Saleh, in einer Kampfabstimmung gegen den langjährigen Parteichef Michael Müller den Chefposten der Hauptstadt-SPD. Der 41-Jährige wohnt mit seinem Lebensgefährten in Schöneberg.
 
tip Herr Stöß, wie gut kennen Sie Hans-Christian Ströbele?
Jan Stöß?Den kenne ich ziemlich gut, weil wir ja beide aus Friedrichshain-Kreuzberg sind.

tip Der Ur-Grüne hatte mal den Wahlkampfslogan „Ströbele wählen heißt Fischer quälen“. Haben Sie seinen Rat gesucht, wie man Parteiobere nervt?
Jan Stöß Nee, quälen ist nicht meine Art. Aber Mut zu haben, für Veränderungen einzutreten, das ist mir wichtig.

tip Aber Sie haben es nicht darauf angelegt, der beste Kumpel von Klaus Wowereit zu werden?
Jan Stöß Das ist ja kein Beliebtheitswettbewerb, sondern eine sachliche Auseinandersetzung über die Frage: Wo soll Berlin in zehn Jahren stehen? Was braucht die Stadt jetzt? Darum geht es.

tip In der Bundes-SPD hat jedenfalls keiner besonders große Lust, sich bei dieser reichlich zerstrittenen Berliner SPD einzumischen.
Jan Stöß Das hatte die Bundes-SPD noch nie – und das ist auch gut so.

tip Ihr Verhältnis zu Raed Saleh war auch schon besser. Etwa, als Sie beide Michael Müller als SPD-Landeschef stürzten.
Jan Stöß Ich halte nicht viel von diesem „Wer mit wem“-Journalismus …

tip Geht Parteipolitik nicht zum Gutteil ums Wer-mit-wem?
Jan Stöß Es geht schon darüber hinaus. Dass es mal mehr als einen Kandidaten für ein Amt gibt, ist in einer Demokratie keine Katastrophe, sondern sollte der Regelfall sein.

tip Wer muss sich hinterher vor Ihnen mehr in Acht nehmen – Saleh oder Müller?
Jan Stöß Keiner von beiden. Wir gehen fair miteinander um und am Ende unterstützt jeder den Sieger.

tip Und CDU-Chef Henkel? Sie gelten nicht als Fan der Koalition.
Jan Stöß Doch, bin ich. Ich verstehe mich mit Frank Henkel gut.

tip Ach was. Weiß der das?
Jan Stöß Das weiß er. Wir arbeiten eng zusammen und stimmen uns regelmäßig ab.

tip Sie waren nur knapp zwei Jahre Stadtrat in Friedrichshain-Kreuzberg. Nicht viel Verwaltungserfahrung, oder?
Jan Stöß Ich war auch vier Jahre lang Rechtsanwalt, ich habe viele Jahre als Richter gearbeitet, ich war im Bezirksamt für Finanzen, ­Kultur, Bildung und Sport zuständig, war Kreisvorsitzender, bin ­Landesvorsitzender, Mitglied im ­Parteivorstand der SPD und ihr Metropolenbeauftragter. Ich glaube, dass ich mit meiner Erfahrung durchaus mithalten kann.

tip Um Ihr Selbstbewusstsein steht es ja schon mal bestens.
Jan Stöß Das bedeutet aber nicht, dass man nicht reflektiert, wie andere einen wahrnehmen. Wichtig ist, dass man spürt, wie die Stadt tickt. Ich bin viel mit dem Fahrrad unterwegs. Daran werden sich die Berlinerinnen und Berliner gewöhnen können, wenn ich Regierender Bürgermeister werde: dass ich nicht immer nur mit dem Dienstwagen an ihnen vorbeifahre.

tip Den Kultursenatorposten wollen Sie auch übernehmen. Der neue Staatssekretär Tim Renner darf dann weitermachen?
Jan Stöß Genau. Der muss sich nicht in Acht nehmen (lacht), um bei Ihrer Formulierung zu bleiben. Es war für die Kultur gut, dass dieser Bereich unmittelbar beim Regierenden Bürgermeister angesiedelt wurde und damit nicht vollends dem Spardiktat unterworfen war.  Berlin muss weiter das Kultur- und Freiheitsversprechen einlösen, das mit unserer Stadt auf der ganzen Welt verbunden wird.

tip Die Freie Szene möchte ja auch gern etwas von der City-Tax.
Jan Stöß Ich kann das verstehen. Die Kulturschaffenden haben ja die Idee der City-Tax miterfunden.

tip Jetzt haben sie nichts davon.
Jan Stöß Bisher bleiben die Einnahmen leider hinter den Erwartungen zurück, sodass in der Tat die Befürchtung ist, dass da wenig übrig bleibt. Ich bin aber davon überzeugt, dass wir auch die Lebens- und Erwerbssituation  in der Freien Szene verbessern müssen.

tip Was haben Sie vor?
Jan Stöß Ich will dafür sorgen, die prekäre Beschäftigungssituation von vielen Kreativen zu verbessern und insbesondere die fehlende soziale Absicherung anzugehen. Das wird schwierig. Aber wer soll’s denn machen, wenn nicht wir in Berlin?

tip Ist die Chance auf den Posten des Regierenden Bürgermeisters jetzt nicht so groß wie nie? Sie müssen „nur“ 17?100 SPD-Mitglieder von sich überzeugen. Nicht 2,5 Millionen Wahlberechtigte.
Jan Stöß SPD-Mitglieder sind erfahrungsgemäß besonders anspruchsvoll. Und es ist doch auch ein guter Auftakt für den Wahlkampf 2016. Das muss ja unsere Perspektive sein. Es wird derjenige Bewerber gewählt, der die beste Chance hat, 2016 die Wahl zu gewinnen. Und genau das will ich.

Interview: Erik Heier

Foto: Dirk Bleicker

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