• Kultur
  • Interview mit Jim Avignon

Kultur

Interview mit Jim Avignon

Interview mit Jim Avignon

tip Herr Avignon, wie haben Sie mit dem Zeichnen angefangen, bereits als Kind schon?
Jim Avignon Tatsächlich habe ich schon als Kind viel gezeichnet und gemalt. Es gibt auch eine lustige Anekdote aus dieser Zeit: Mein Vater war Physiker und hat mir aus dem Rechenzentrum riesige Stapel Druckerpapier mitgebracht, solches Endlospapier mit Löchern links und rechts. Mein Ehrgeiz bestand darin, den ganzen Stapel an einem Tag vollgemalt zu haben, und am nächsten Abend gab es einen neuen. Damals hatte ich eine Flaggenphase und habe pro Blatt eine Flagge gemalt, in drei oder vier Strichen, und hatte so schnell 200 Flaggen zusammen. Ich war also schon als Kind ambitioniert, der "schnellste Maler der Welt" zu werden

tip Wofür haben Sie sich damals begeistert, waren Sie Comic-Fan?
Jim Avignon Ich mochte Old-School-Comics wie "Charlie Brown", "Donald Duck" und "Asterix", las aber als Jugendlicher vor allem Sachen wie "Herr der Ringe" und andere Fantasybücher. Als Teenager habe ich dann Fantasy-Szenerien in ziemlich opulenten Gemälden nachgemalt und Fake-Air-Brush, also Zahnbürste und Sieb, eingesetzt und dabei Pink Floyd- und Yes-Platten gehört, die damals einen großer Einfluss auf mich hatten. Das ging bis zum Kunst-Leistungskurs so, da hatte ich dann einen Lehrer, der ziemlich überambitioniert war und mir vergeblich die Moderne näher bringen wollte. Demonstrativ habe ich aufgehört zu zeichnen und nichts mehr gemacht.

tip Damit hat Ihr Lehrer wohl genau das Gegenteil erreicht, von dem was er vorhatte.
Jim Avignon Ich wollte immer die Aufgaben in meinem Stil lösen, aber ich habe bei ihm damit auf Granit gebissen. Kunst war mir dann einfach nicht mehr wichtig, bis ich nach dem Abitur in Frankreich Urlaub machte. Ich war allein mit meinem Auto unterwegs und blieb in Avignon mit einem Motorschaden hängen. Ich war 20, es gab damals natürlich noch keine Handys und außerdem war ich zu stolz, um zu Hause anzurufen und um Geld zu bitten. Dafür hatte ich im Auto einen Bildband mit Dalн-Reproduktionen und Straßenkreide liegen. Und dann habe ich tatsächlich ein paar Wochen lang im Zentrum von Avignon Dalн-Bilder aufs Pflaster gemalt und damit genug Geld verdient, um den Wagen zu reparieren. Das war praktisch das erste Mal, dass ich wirklich selber Geld verdient habe und weil das ein besonderer Moment in meinem Leben war, habe ich den Namen der Stadt angenommen.

tip Ihre Karriere als Künstler hat also durch einen Zufall begonnen, einen Motorschaden.
Jim Avignon In gewisser Weise ja, ich bin dann relativ bald nach Köln gegangen, so um 1986 herum, und dort hatte ich meine erste Ausstellung und auch die verdankte ich einem Zufall. Ich hing damals viel in einer Bar namens Sixpack herum, wo es auch immer mal Ausstellungen gab. Einmal habe ich mitbekommen, dass sich der Barkeeper beschwerte, dass so ein Typ eine Ausstellung kurzfristig abgesagt hat und da hab ich mich in die Unterhaltung eingemischt und sagte: "Hey, ich könnte euch in den nächsten paar Tagen eine Ausstellung malen", und der meinte: "Probieren wir es mal".

tip Und Sie haben es probiert?
Jim Avignon Ich habe mich in meiner winzigen Ein-Zimmer-Wohnung hingesetzt und in wenigen Tagen 14 Bilder gemalt. In einem Stil, der gar nicht so weit weg ist von dem Stil in dem ich bis heute arbeite. Der war einfach da. Auf einmal war das nicht mehr Fantasy und Dalн, sondern Großstadtthemen, Pop Art und Expressionismus. Ich habe schon vorher angefangen, Wave zu hören, The Cure vor allem, und mir gefiel dieser Art düsterer Existenzialismus, einsame Leute in Bars, Alkohol, Drogen, Nachtleben. Ich habe dann diese 14 Bilder dort an die Wand gehangen und zwei Tage später bin ich mit einem Freund dahin und wollte ihm die Bilder zeigen und da waren sie weg. Da dachte ich "scheiße", die waren wohl doch nicht so gut und deshalb haben sie sie wieder abgehangen, doch dann kam Der Besitzer auf mich zu und sagte: "Ich habe alle verkauft!" und drückte mir einen Bündel Geldscheine in die Hand.

tip So wurden Sie Bar-Künstler?
Jim Avignon Das war der Hammer, die Bilder hat irgendein Schweizer Galerist gekauft, der wegen der Kunstmesse Art Cologne in der Stadt war, und ich konnte von dem Geld bestimmt ein halbes Jahr leben. Mein nächster logischer Gedankenschritt war dann: "Hey, das geht ja! Man kann von Kunst leben, ohne Kunst zu studieren", was ich auf keinen Fall wollte. All die Bands, die ich gut fand, hatten ja auch keine Musikschule besucht. Die hatten ein paar Songs im Kopf und haben den richtigen Ton getroffen, der ihre Gleichaltrigen angesprochen hat. Genau das Gleiche wollte ich mit Malerei auch. Also habe ich überlegt, wenn es in Köln eine Bar gibt, in der man Bilder ausstellen kann, dann gibt es vielleicht auch in anderen Städten solche Bars.

tip Und solche Bars haben Sie dann gefunden?
Jim Avignon In München gab es das Cafй Größenwahn, mit einem ähnlichen Setting wie das Sixpack in Köln, in Frankfurt das Cafй Eckstein, die hatten eine große Wand und einen großen Keller, wo man als Künstler ganze Rauminstallationen bauen konnte und in Berlin war das Cafй Swing am Nollendorfplatz in Schöneberg. Ich bin also zwischen diesen Orten gependelt, auf Kunst-Tour sozusagen, und habe gut davon leben können. Im Cafй Swing habe ich bestimmt fünf oder sechs Ausstellungen am Stück gemacht. Die Bilder hingen einen Monat an der Wand, wurden abverkauft und dann habe ich die Nächsten gebracht.

tip Ausstellungen in richtigen Galerien haben Sie nicht interessiert?
Jim Avignon Meine Bilder haben 200 DM gekostet. Das waren eher große gemalte Poster, die irgendwie den Zeitgeist trafen und man konnte sie direkt von der Wand wegkaufen – sowas kannte man nicht aus den Galerien. Die Leute hatten in den Bars nicht diese Berührungsängste, wie in einer Galerie, weil es nicht der Kunstbetrieb war. Das war mein Konzept, im Prinzip ein eigener, paralleler Kunstmarkt, und von diesem Ding bin ich eigentlich nie wieder weggekommen.

tip Hat sich der Kunstmarkt dann für Sie interessiert?
Jim Avignon Erst einmal nicht. Es war ja so, dass ich polarisieren wollte und den Kunstmarkt mit Aktionen provoziert habe. 1992 bin ich zur Documenta gefahren und habe da drei Wochen lang vor dem Fridericianum jeden Tag ein großes Bild gemalt und bin dann abends durch die Leinwand gesprungen oder hab Motorräder durchfahren lassen und die Fetzen dann verschenkt. Ich wollte zeigen, dass hier nicht ein Wert produziert wird, sondern jemand mit seiner Kunst ausschließlich ein Statement machen möchte.

tip Der reguläre Kunstbetrieb hat ja auch eine Aura um die Kunst erschaffen, alles muss teuer sein und schick und darf nicht mal berührt werden. Diese Aura haben Sie also demontiert.
Jim Avignon Mit Begeisterung! Ich stehe bis heute dem etablierten Kunstmarkt skeptisch gegenüber. Nur die Mechanismen wie ich es mache, ändern sich. Es gab Zeiten, da habe ich T-Shirts gemacht auf denen "Destroy Art Galleries" aufgedruckt war, und in jedem Interview sehr rebellische Sprüche klopfte, dass man das Kunstmarkt-System zerschlagen muss. Das kann man mit 25 eher machen als mit Ende 40. Aber an der grundsätzlichen Haltung hat sich nicht viel geändert.

Interview mit Jim Avignontip Sie waren Ende der 1980er-Jahre also noch in Köln und tingelten durch Bars, wann sind Sie nach Berlin gekommen?
Jim Avignon Mein Hauptstandort war Köln bis ich mich in eine Frau in Berlin verliebt habe und so zog ich Ende 1988 um. Da stand die Mauer noch und ich bekam ziemlich schnell Kontakt zur Techno-Clubkultur. Es gab die Turbine Rosenheim und vor allem das UFO in der Großgörschenstraße, beides in Schöneberg und später dann die Space Agency in Kreuzberg, wo ich Wolle XDP und Ralf Regitz, der später dann das Planet und das E-Werk mitgemacht hat, kennengelernt habe. Meine Freundin und ich sind aus Neugierde in diese Läden gegangen und anfangs hatte ich zu der Musik eher wenig Bezug. Aber es gab dann den Moment, als ich mir dachte: Für Punk und New Wave war ich zu jung, für die 70er-Sachen sowieso, das ist mal ein Ding, das tatsächlich Hier und Jetzt passiert. Da war ich endlich mal "at the point"!

tip Dann fiel die Mauer und in den frühen 1990er-Jahren explodierte die Techno-Kultur im wiedervereinigten Berlin.
Jim Avignon West-Berlin war ja ein in sich geschlossener Raum, was mir eigentlich total gefallen hat, dann war auf einmal die Stadt überflutet mit seltsamen Leuten und ich habe nicht verstanden wer sie sind und was die wollen. Wenn man so will war ich damals nicht reif für die Wende. Aber der große Vorteil der Techno-Kultur ist ja, dass man beim Tanzen nicht viel reden muss. Im Club hat keiner gefragt, "bist du Ost oder West?", da merkte man dann, die sind ja im Grunde auch nicht anders als man selbst und konnte sich schneller aneinander gewöhnen als im realen Leben.

tip Sie haben schon früh mit Ihren Bildern die Techno-Kultur illustriert, waren also in dieser Entwicklung als Künstler präsent und nicht nur als Gast.
Jim Avignon 1992 habe ich den ersten Wagen für die Loveparade dekoriert, danach immer wieder Dekos für Clubs gemacht und live gemalt während der Partys. Ich fühlte mich als Teil einer Bewegung und stand wirklich dahinter. Neben den großen Clubs gab es ja auch unzählige Partys, die einfach nur in irgendeinem Keller waren und die Macher waren dann meistens dankbar, wenn ich mit meinen Bildern spontan die Räume gestaltete.

tip Wurde Ihnen der weltweite Siegeszug des Techno nicht irgendwann suspekt?
Jim Avignon Ab 1996 schon, davor hat sich die Musik ja ständig verändert. Es gab Jungle Minimal, Electro, Gabba. Einfach immer wieder was komplett anderes, doch ab 1996 stellte sich das Gefühl ein, jetzt sind die Stil-Schubladen alle im Schrank und auf einmal gab es eine Geschmackspolizei, die einem erklärte was geht und was nicht. Parallel dazu entwickelten dann Teile der Szene so eine Art Großmachtsphantasien und Welteroberungspläne, spätestens dann wollte ich nichts mehr damit zu tun haben.

tip Sie haben in der Anfangszeit des Techno aber nicht nur gemalt und dekoriert sondern auch selbst Partys veranstaltet, um die sich Legenden ranken. Stichwort Radiobar.
Jim Avignon Um 1992 herum habe ich zusammen mit Freunden mit einem eigenen Club angefangen, allerdings eher als Kunstkonzept. Das war die Radiobar. Wir waren zu viert und haben Partys an wechselnden Orten organisiert. In schon bestehenden Clubs, in Wohnungen von Leuten oder in Ateliers, aber gerne auch an ganz absurden Orten. Wir waren zum Beispiel zweimal oben auf dem Fernsehturm, in der Französischen Botschaft, in Hotels und sogar im Botanischen Garten im Gewächshaus. Die Methode war immer dieselbe, ich habe mich ganz harmlos vorgestellt und gesagt: "ich würde hier gerne mal eine Ausstellung machen". In Berlin war ich schon ein bisschen bekannt und ein Ort wie der Fernsehturm war zum Beispiel eine eher traurige Angelegenheit, es gab ja damals noch kaum Touristen in der Stadt, und die waren froh über jeden Extra Gast und durften dann staunend zusehen, wie sich die Vernissagen vor ihren Augen in gutgelaunte Clubabende verwandelten.

tip Sie haben das Projekt Radiobar aber dennoch recht abrupt beendet. Warum?
Jim Avignon Wir haben dieses Partys immer dienstags gemacht. Ohne Internet und ohne Plakate nur mit ungefähr 100 handgebastelten Flyern. Ein Höhepunkt war das "Club ABC" 1995 im Künstlerhaus Bethanien. Wir hatten zehn Künstler, zehn Bars und zehn DJs aus den unterschiedlichsten Stilrichtungen eingeladen und plötzlich kamen 3.000 Leute und da wussten wir, dass wir kein Geheimtipp mehr waren. Das war tatsächlich der Anfang vom Ende. Techno war ja medial omnipräsent in diesen Tagen aber weil man in den Clubs nur schlecht fotografieren konnte, wurden die Artikel immer wieder auch mit meinem Motiven bebildert und so wurde ich für die Medien zum Aushängeschild der Technobewegung. Nach den Magazinen kamen die Fernsehteams und dann die Werbeagenturen und dann auch das große böse Geld.

tip Jim Avignon der Kunstbetriebsverweigerer und die Werbeindustrie, wie hat das zusammengepasst?
Jim Avignon Die Agenturen waren und sind auf der ewigen Suche nach dem neuen Thrill und damals war ich eben so ein Thrill der sich werbetechnisch exzellent verbraten ließ. Da meine Kunst billig sein sollte und ich der "nieder mit der Hochkultur!"-Mann war, schien es mir ein guter Ausweg zu sein, über den Umweg Werbung doch noch ans große Geld zu kommen, indem ich einfach jeden Werbevertrag annahm, der meinen Weg kreuzte. Ich dachte, ich kann das System ad absurdum führen, wenn jede Werbung von mir ist. Eine Weile konnte man wirklich kein Magazin aufschlagen, ohne eine Werbung von mir zu sehen. Es war die Hölle.

tip Wie ging Ihre Zusammenarbeit mit der Werbebranche aus?
Jim Avignon Ich konnte damit nicht umgehen, ich fühlte mich so als hätte ich meine Seele verkauft und verraten. Ich konnte nicht mehr in den Spiegel gucken und um es zu kompensieren, habe ich bei jeder Gelegenheit alle eingeladen. Aber du kannst nicht zehnmal so reich sein wie alle anderen und trotzdem mit ihnen befreundet sein. Ich musste feststellen: Ich schwimme im Geld, aber will ich das? Nein, eigentlich will ich es nicht. So musste ich nach einem guten Jahr auch da die Notbremse ziehen.

tip Als reicher Mann…
Jim Avignon Das verdiente Geld bin ich 1996/97 auf einen Schlag wieder losgeworden. Ich organisierte eine Ausstellungstour durch Europa für die ich schöne alte Hotels, in Metropolen wie Warschau, Amsterdam, London oder Paris, komplett gemietet habe. Dann bin ich mit einem Clan von Freunden von Stadt zu Stadt geflogen und habe in den Hotels Ausstellungen organisiert. In einem halben Jahr waren so über 100.000 DM weg und ich wieder bei Null. Unfassbar, dass ich so viel Geld verprasst habe, aber rückblickend brauchte ich das wohl, um wieder runterzukommen und um zu verstehen, wer ich bin und wo ich sein will.

tip Wo oder wer wollten Sie sein?
Jim Avignon Es hat dann tatsächlich noch weitere zehn Jahre gedauert bis ich eine Balance, zwischen dem was ich kriegen kann und dem was ich sein will und dem was die Leute von mir wahrnehmen, gefunden habe. Eigentlich ist es ein permanenter "work in progress"-Zustand zwischen "es läuft so gut" und "es läuft nicht gut genug" oder "es läuft schlecht". Sei es Presse, sei es Arbeit, seien es die Einnahmen oder die Aufmerksamkeit.

Neoangin

tip Sie haben Ihren Aktionsradius auf die Musik ausgeweitet und das Projekt Neoangin ins Leben gerufen. Elektronische Musik mit Gesang, das kannte man vorher nicht. War das Teil Ihrer Findungsphase?
Jim Avignon Ich wollte irgendetwas machen, das nichst zu tun hatte mit dem wofür ich bekannt geworden war und das war die Musik. Ich hatte mir ja schon um 1993 eine kleine Alleinunterhalterorgel gekauft und zuhause darauf rumgeklimpert, aber erst ab 1997 erste Auftritte gehabt. Am Anfang mochte keiner meine Musik. Die Leute kannten mich aus den Technoclubs, und da gab es außer ein paar Sprachsamples keinen Gesang. Meine Mischung aus Singer-Songwriter und elektronischer Musik klang für viele recht gewöhnungsbedürftig. Leute aus meinem Umfeld sagten, "vergiss es, du hast unseren Respekt für deine Kunst. Aber du kannst nicht singen, du kannst nicht spielen. Lass es lieber." Aber das war genau das Signal, dass ich in diesem Moment brauchte und ich machte weiter.

tip Und lagen Sie richtig?
Jim Avignon Ich war besessen davon, etwas zu machen, was nicht sofort jedem auf Anhieb gefällt und was nicht direkt kommerziell verwertbar war. Mit der Musik hat es ein paar Jahre gedauert, bis mich dann ein Label unter seine Fittiche nahm. Doch um die 2000er-Jahre herum fing Berlin an sich zu ändern, für mich zumindest.

tip Was wurde anders?
Jim Avignon Für die meisten Leute, war ich ab 2000 auf einmal zu einem liebenswerten Anachronismus aus den 1990er-Jahren geworden. Sie kamen zu meinen Veranstaltungen, weil es sie an die guten, alten Zeiten erinnerte und weil ich für irgendetwas stand, was es eigentlich nicht mehr gab.

tip Hatten Sie das Gefühl, das es tatsächlich auch so ist, dass Sie für etwas standen, was es nicht mehr gab?
Jim Avignon Um die Jahrtausendwende wurde vielen hier klar, dass sich der Standort Berlin vorzüglich als eine Formel eignete, mit der man weltweit erfolgreich sein konnte. Peaches und Gonzales haben es vorgemacht, aber auch Leute aus der Technoszene wurden weltberühmt. Während die 90er eher ein kollektives Ausprobieren waren, fingen die Künstler ab 2000 herum an, ihre Karrieren zu planen und auf einmal kamen auch die Ellenbogen heraus.

tip Und diese Veränderung trieb Sie aus der Stadt? Sie sind ja 2005 nach New York gezogen.
Jim Avignon Als 2004 die Popkomm nach Berlin zog, verschickten die großen Plattenfirmen Werbemails in denen sie Berlin als Wiege der Kreativität priesen und all das Subkullturelle und  Undergroundige als Standortvorteil lobten. Auf einmal war hier alles voll mit Firmen, die mit der Szene Geld verdienen wollten. Denen wollte ich das Spiel vermiesen und gründetet zusammen mit Fehmi Baumbach die "Who is afraid of friendly capitalism lounge". Und dann schrieb ich in dem Song "Its not easy being easy" die zugegeben etwas dämliche, damals aber meiner Stimmung entsprechende Zeile, "Berlin town is going down". Daraufhin bin ich von verschiedensten Seiten angemacht worden, ich würde die Stimmung schlecht reden und ich solle doch abhauen wenn es mir hier nicht mehr gefällt. Hab ich dann gemacht. Nach New York wollte ich eigentlich nur ein paar Wochen, ich hab mich dann aber in meine jetzige Frau verliebt und bin geblieben.

tip Wie haben Sie sich in New York zurechtgefunden?
Jim Avignon Ich musste mich neu erfinden. In Berlin wohnte ich herrschaftlich in fünf Zimmern am Paul-Lincke-Ufer und in New York plötzlich mit vier Jungs und meiner Freundin in einem halben Zimmer in einer WG. Also war ich wieder ganz unten angekommen, aber auf eine gewisse Weise fand ich das gut so. Kein Mensch kannte mich und ich wollte auch gar nicht loslegen und allen zeigen, wer ich bin und was ich kann. In Berlin hatte ich mich jahrelang nur mit mir und meiner Szene beschäftigt und jetzt wollte ich Input, möglichst viel Input. Dann bin ich jeden Tag losgelaufen und habe die Stadt erkundet, bin unentwegt ins Kino und habe mir in Chelsea alle zwei Wochen die Galerien angeschaut. Ich wollte meinen Horizont erweitern.

tip Sie blieben sieben Jahre, wie erlebten Sie Berlin nach Ihrer Rückkehr?
Jim Avignon Das erste Jahr war ein bisschen seltsam, ich suchte natürlich nach dem Berlin von damals, aber das gab es in der Form nicht mehr. Alle hatten jetzt Jobs und Kinder und wenig Ambitionen, das Leben der Boheme weiterzuführen. Wenn ich mit alten Freunden ausging, trank man höchstens mal ein Bier und stellte dann fest, dass es das nicht mehr war. Ich hatte anfangs keine große Lust, in Berlin aktiv zu werden. Es dauerte eine Weile bis ich merkte, dass es ein neues Berlin gab, mit einer Menge neuer spannender Orte, die mich in gewisser Weise sogar wieder fast mehr an das Berlin der 90er-Jahre erinnerten.

tip Stellten Sie Ähnlichkeiten zwischen Berlin und New York fest?
Jim Avignon Ich denke schon! In meiner Neuköllner Nachbarschaft gibt es gleich drei Bars, die hauptsächlich von Exil-Amerikanern besucht werden. Wenn ich mal nach Brooklyn Heimweh habe, dann gehe ich dorthin und bin da oft der einzige Nicht-Ami. Ich kann schon verstehen, warum die Touristen, die gestiegenen Preise und das Englisch in den Straßen, den alteingesessenen Berlinern gegen den Strich gehen, aber für mich war das im vergleich zu New York nicht der Aufregung wert und alles eher ein Zeichen das Berlin internationaler wird.

tip Dennoch sagten Sie, dass Sie das Berlin von heute auch an das 90er-Jahre Berlin erinnert.
Jim Avignon Ich glaube viele der jungen Leute kommen nach Berlin, weil sie eigentlich dieses Lebensgefühl der 90er-Jahre wiederbeleben wollen. Keiner kommt wegen des schnellen Erfolges oder weil er hier die große Kohle machen kann, die kommen hierher weil sie spüren, dass hier mehr möglich ist als anderswo, hier kann man immer noch vergleichsweise günstig leben und man hat mehr Freiheiten und erlebt aufregendere Dinge also sonstwo auf der Welt.

tip Und das hat für Sie das Berlin-Heimatgefühl wiederhergestellt?
Jim Avignon Die großen Clubs, für die Berlin berühmt ist, sind doch inzwischen hauptsächlich professionell geführte Ausgehdienstleistungsunternehmen, die liefern das perfekte Unterhaltungsprogramm, du sollst zahlen und dich ansonsten raushalten. Parallel dazu entstehen plötzlich wieder kleine Bars und Galerien, viele davon in Neukölln, und die erinnern mich stark an die frühen 90er in Mitte oder Prenzlauer Berg. Da ist wieder einiges möglich und es macht Spaß auszugehen. Vor allen Dingen bin ich für die Leute dort nicht der Veteran mit der 90er-Jahre-Vergangenheit, die lernen mich nämlich gerade erst kennen.

Interview: Jacek Slaski

Fotos: Archiv Jim Avignon

Lesen Sie auch: "Bar Berlin" – Die neue tip Kunstedition von Jim Avignon 

Mehr Infos unter: www.neoangin.info

Mehr über Cookies erfahren