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80er-Jahre

Interview mit Klaus Theuerkauf – Teil 2

Interview mit Klaus Theuerkauf - Teil 2

Klaus Theuerkauf und der legendäre Bruno S. bei endart, 1982

tip Gemeinsame Bekannte hatten Sie und Kippenberger aber schon. Die berüchtigte Ratten-Jenny etwa, die Kippenberger im SO36 mit einer abgebrochenen Bierflasche das Gesicht verunstaltete.
Klaus Theuerkauf Mit Ratten-Jenny war das ja so: Er hat Ratten-Jenny umgestoßen, dass die mit der Hand in ihr Bierglas gefallen ist, sodass nur noch der Henkel in der Hand blieb, die hat heute noch einen steifen Finger davon. Mit dem Henkel in der Hand hat sie ihm dann natürlich in die Fresse gehauen. Hätte ich vielleicht genau so gemacht in blinder Wut.

tip In Wolfgang Müllers Buch über die West-Berliner Subkultur kann man nachlesen, dass Sie sich auch mit Ratten-Jenny geprügelt haben.
Klaus Theuerkauf Bei Müller steht es leider falsch drin. Er schrieb, dass sie mich verprügelt hat, dabei habe ich sie mal fast umgebracht, nachdem sie mir in der Schwarzen Else auch ein Bierglas an den Kopf geworfen hat. Ein ganzes allerdings, das mich am Ohr getroffen hat. Da wollte ich sie erwürgen, der sind die Augen schon nach hinten gerollt. Ein Kumpel hat mir noch mit voller Wucht ins Kreuz getreten, damit ich endlich von ihr abließ. Was ich da aber nicht wusste, ist, dass Jenny auf einem LSD-Trip war.

tip Wie kam es überhaupt zu dieser Bierglas-Attacke auf Sie?
Klaus Theuerkauf Ich hab der Jenny gesagt, dass ich nicht auf Frauen mit dicken Titten stehe, weil meine Mutter auch so Riesendinger hatte, und da haut die drauflos.

tip Sie haben hier in der Oranienstraße das alte West-Berliner Kreuzberg in seiner Blüte voll miterlebt. Die Hausbesetzerzeit, die alten Kaschemmen, die schrägen Gestalten. Schaut man heute aus Ihrem Schaufenster, sieht es doch recht anders aus. Wie gehen Sie mit diesem Wandel um?
Klaus Theuerkauf Dieser Ballermann, der hier eingerichtet wird, dieser Hedonismus, der ist von vorübergehender Natur. Das ändert sich schnell und wird dann hier so wie in Prenzlauer Berg. Die Gentrifizierungsformel ist simpel: Man lässt erst alles zu, dann verkauft man ein paar Häuser an Rechtsanwälte, die dort selber einziehen, und die sorgen dann für Ruhe. Dann hast du hochgeklappte Bürgersteige.

tip Das ist die Zukunft von Kreuzberg?
Klaus Theuerkauf Teilweise ja schon die Gegenwart. Neulich erst habe ich Jürgen Trittin in der Oranienstraße ohne Bodyguard gesehen und Franz Müntefering soll in der Graefestraße wohnen. Die Spitzenpolitiker fühlen sich hier schon sicher. Wir müssen vorbeugend selbst etwas gegen diese Entwicklung unternehmen, zum Beispiel, dass hier erst um Mitternacht Ruhe ist und nicht schon um 22 Uhr.

tip Vermissen Sie manchmal die alten West-Berliner Zeiten, als sich Spitzenpolitiker nicht einfach so nach Kreuzberg getraut hätten?
Klaus Theuerkauf Die Mauer vermisse ich, sonst nichts. Die Mauer fand ich richtig gut, das war der Antifaschistische Schutzwall. Es war weniger gefährlich hier, es gab weniger Vergewaltigungen, man konnte nachts in den Görlitzer Park gehen, auch als Frau, ohne blöd angemacht zu werden. Es war nicht so homophob. Und weil die Mauer da war, war es hier schön ruhig in der Ecke und die ganzen hedonistischen Kacktouristen haben sich nicht hergetraut. Damals schauten höchstens ein paar kunstinteressierte Berlin-Besucher vorbei, von den Touristen heute habe ich ja nichts. Die brauchen nichts Haptisches mehr.

Interview mit Klaus Theuerkauf - Teil 2

„Der Firmling“, Porno-Collage von Klaus Theuerkauf

tip  Trotz Wandel und Gentrifizierung sind Sie seit 33 Jahren mit dem endart-Laden hier in der Oranienstraße. Sie müssen sehr nette Vermieter haben.
Klaus Theuerkauf Die sind schon in Ordnung und mindestens zwei Drittel von den dreien sammeln Kunst, manchmal kauft der eine auch bei mir was und sie haben es wohl nicht nötig, mich finanziell an die Wand drücken zu müssen. Ich fühle mich also relativ sicher hier.

tip Auch dies dürfte ein Anlass zum Feiern sein. Dennoch, 33 Jahre sind ein schräges Jubiläum. Finden Sie nicht?
Klaus Theuerkauf Es gibt ja nur schräge Jubiläen.

tip Jesus ist auch 33 geworden, dann hat man ihn allerdings ans Kreuz genagelt.
Klaus Theuerkauf Das sagt man so. Ob dieser Rabbiner so überhaupt und in dieser Form existiert hat, weiß man überhaupt nicht. Tacitus beschreibt ihn nur mit einem Satz und sagt, er ist ein Krimineller gewesen. Die Kreuzigung war die Höchststrafe für Nichtrömer, die wie zum Beispiel Spartakus bzw. sich der Pax Romana nicht unterwerfen wollten (ein römischer Staatsbürger durfte(!) nicht ans Kreuz gebunden werden, um daran einen langen, qualvollen Erstickungstod zu erleiden).

tip Das könnte man auch auf den Kunstbetrieb anwenden. Einer ist der Star, andere werden nicht anerkannt, so wie endart damals in den frühen 80er-Jahren nicht anerkannt wurde.
Klaus Theuerkauf Das interessiert mich nicht die Bohne, das wird die Geschichte klären. Es tut manchmal weh im Portemonnaie. Aber sonst? Bitter wird es nur, wenn solche Typen wie Norman Rosenthal (ein britischer Kunsthistoriker und Kurator, Anm. d. Red.) uns des Antisemitismus bezichtigt, da kriege ich das kalte Kotzen.

tip Wie kam Rosenthal darauf?
Klaus Theuerkauf Da ging es um einen Objektkasten, den wir gemacht haben, in dem Sid Vicious von den Sex Pistols thematisiert wurde. Dieses Arschloch Sid Vicious hatte ja immer so ein Hakenkreuz-T-Shirt an, auch in unserer Skulptur, und deswegen hat sich Rosenthal so aufgeregt. Mein Vater war aber Kommunist und saß selber im KZ und deshalb empfand ich die Anschuldigung als so verletzend.

tip Muss man aber aushalten können. Die Werke von endart sollten provozieren.
Klaus Theuerkauf Sid Vicious konnte ja mit dem Hakenkreuz in England provozieren, hier war es sowieso ein verbotenes Symbol. Bei uns hat er eine Kette um den Hals und die Rasierklinge. Norman Rosenthal wollte aber den damaligen Galeristen Paul Maentz auf dem Kölner Kunstmarkt dazu zwingen, den Objektkasten abzuhängen, was Mentz nicht tat. Was mich daraufhin doch dazu veranlasste, den Kasten auszusortieren, war die Tatsache, dass die Speditionsangestellten den Kopf von Sid Vicious verloren hatten. Das war dennoch eine versuchte Zensur von Herrn Rosenthal.??

tip Passiert Ihnen das häufiger, Zensur?
Klaus Theuerkauf Ja, mit den Türken und Arabern hier aus dem Kiez. Die versuchen Ärger zu machen, denen sage ich aber, dass wenn es ihnen nicht passt, was wir hier machen, sie wieder nach Saudi-Arabien abziehen sollen. Ich mache doch keine Selbstzensur wegen denen. Einmal ging es um eine Arbeit, in der das Innere einer Stahlbürste auf einer Rosette liegt. Da meinte der Typ, das darf nicht sein, dabei hat die Bürste ja die Rosette verdeckt. Habe ich also gelassen. Die Freiheit der Kunst ist das höchste Gut, an dieser Freiheit erkennt man, wie frei ein Land wirklich ist.??

tip Die Gründung und das Fortbestehen von endart ließen sich ja als ein Beweis für diese Freiheit deuten. Beschreiben Sie doch kurz die Situation zu jener Zeit, als Sie sich gegründet haben.
Klaus Theuerkauf Der 13. September ist das historische Datum, weil am 13. September 1981 am Vormittag die Demo gegen den Besuch des amerikanischen Außenministers Alexander Haig war. Am Abend haben wir den Laden eröffnet. Die Gruppe entstand gut ein Jahr vorher, am Freitag, den 13. Juni 1980 in Wedding. Gerd Lüer und Peter Meseck waren von Anfang an dabei, andere waren nur kurz oder assoziativ involviert, zwischenzeitlich auch der Künstler und heute eher als Liedermacher bekannte Funny van Dannen. Hier in Kreuzberg war der Laden als Ausstellungsraum und Werkstatt und Ort zum Abhängen gedacht. Viele sagen ja bis heute fälschlicherweise „Galerie endart“, stimmt aber nicht, einfach nur „endart“, mehr wie ein Eigenschaftswort. Der Name „endart“ kommt ja von „entartet“, und dass es wie „Ende der Kunst“ klingt, ist dabei nur ein Schmankerl. Ein Wort ist immer zunächst ein Klang, ein oder mehrere Laute.

tip Stichwort: „Ende der Kunst“. Warum haben Sie sich nie mit dem Begriff „Künstler“ anfreunden können?
Klaus Theuerkauf  Begriffe wie „Werk“, „Schöpfer“, „Künstler“ sind schon mal scheiße. Das bin ich nicht. Bei mir läuft das Ganze einfach durch und dann lasse ich es eben raus, weil es raus muss, und manchmal weiß ich selbst nicht, was ich da mache. Ich bin da mehr das Medium, wenn man so will. Ein Medium zwischen der Information und meiner subjektiven Sicht, die am Ende durchblickend kommt.

Interview mit Klaus Theuerkauf - Teil 2

„Auf der Wiese“, Klaus Theuerkauf

tip Die Gründung von endart fällt nicht ganz zufällig in die Ära der Genialen Dilletanten, als sich in West-Berlin Gruppen wie die Einstürzenden Neubauten und Die Tödliche Doris formierten. Existierten da Kontakte?
Klaus Theuerkauf Nicht direkt. „Geniale Dilletanten“ ist so ein Schubladenbegriff. Wir haben zwar auch Musik gemacht, aber das wollen wir hier nicht so raushängen lassen. Mit Alexander Hacke und N. U. Unruh von den Neubauten habe ich aber schon zu tun, Alex hat auch mal ein Bild bei mir gekauft. Wir haben auch auf dem dritten Berlin-Atonal-Festival gespielt, mit der Band King of Therapie. Den Frieder Butzmann sehe ich öfters, eher auf der Straße oder im Supermarkt, und Wolfgang Müller kenne ich natürlich sehr gut. Ich treffe ihn hier ständig, da er seit 1984 im Kiez wohnt.

tip Jetzt, 33 Jahre nach dem historischen Gründungstag, soll am 13. September 2014 in der Oranienstraße 36 Geburtstag gefeiert werden. Was steht an?
Klaus Theuerkauf 1981 hieß es: „Morgens Steine, abends Biere und Weine.“ Ich hab 1982 aufgehört mit Steinen zu schmeißen, danach hatte ich nur ein paar Entgleisungen, auch nur im Affekt. Mir ist eben schon damals die linke Szene genauso auf den Keks gegangen. Wir haben alle verarscht, die Linken wie die Rechten, die Frauen wie die Männer, und das Spießertum mit den Waffen der Spießer bekämpft. Das ist so geblieben. Bier und Wein wird es am Abend geben und eventuell spielt das Original Oberkreuzberger Nasenflötenorchester.

Interview: Jacek Slask

Alle Fotos: Klaus Theuerkauf / endart

endart Oranienstraße 36, Kreuzberg, Di–Fr 16–20 Uhr, ?Jubiläum am Sa 13.9., 20 Uhr

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