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Interview mit Raed Saleh

Interview mit Raed Saleh

Berlins SPD sucht den Super-Sozi. Klaus Wowereit räumt zum 11. Dezember sein Büro im Roten Rathaus. Bis spätestens 5. November sollen die hiesigen 17?100 Genossen über den nächsten Regierenden Bürgermeister befunden haben – per Mitgliederabstimmung. Der Fraktionsvorsitzende Raed Saleh tritt an.

Raed Saleh Der 37-jährige Sohn eines palästinensischen Arbeiters, der mit fünf Jahren nach Berlin kam, rief sich als Erster zum Bürgermeister-Kandidaten aus. Seit 2008 Chef des SPD-Verbandes Spandau, ?seit 2011 Fraktionschef im Abgeordnetenhaus, arbeitete sich der zweifache Familienvater in einem Fast-Food-Unternehmen hoch und hat mit Freunden ein kleines Medienunternehmen gegründet.
 
tip Herr Saleh, echt wahr, dass Sie im Auto Schlager schmettern?
Raed Saleh?Das ist wahr. Manchmal zum Nachteil der ­Person auf dem Beifahrersitz.

tip Was singen Sie denn da so?
Raed Saleh Verschiedenes. Angefangen mit Helene Fischer und Peter Maffay. Aber ich höre auch Peter Fox oder Grönemeyer. Ich stehe dazu.

tip Vom Beginn der Rücktritts-pressekonferenz Klaus Wowereits vergingen keine zwei Stunden, bis Sie Ihre Bewerbung erklärten. Geduld liegt Ihnen nicht so, oder?
Raed Saleh Doch, ich bin ein sehr geduldiger Mensch.

tip Was Sie nicht sagen. Wie viele Leute haben Sie darauf aufmerksam gemacht, dass Sie mit gerade mal 37 Jahren noch ein bisschen warten könnten?
Raed Saleh Sehr viele. Aber Alter soll kein Nach-,  aber auch kein Vorteil sein.

tip Ihr erster Gedanke, als nach Jan Stöß auch Michael Müller seine Bewerbung ausrief?
Raed Saleh Ich freue mich auf einen fairen Wettstreit.

tip Waren Sie sauer, dass sich Ihr Förderer Heinz Buschkowsky plötzlich für Müller aussprach?
Raed Saleh Ich gehe davon aus, dass er mich weiter unterstützt.

tip Sie haben Ihn nicht sofort angerufen und gefragt, ob er noch alle Tassen im Schrank hat?
Raed Saleh Ich telefoniere regelmäßig mit Heinz. Wir sehen uns auch regelmäßig. Uns verbindet, dass wir beide eine Integrations- und Bildungspolitik in Berlin wollen, die allen jungen Menschen eine echte Chance gibt.

tip Vom Westjordanland über den Spandauer Problemkiez Heerstraße Nord zum SPD-Fraktionsvorsitz – so eine Aufstiegsbiografie muss die Genossen doch begeistern.
Raed Saleh Ja, das ist eine sozialdemokratische Biografie. Ich möchte den Leuten Mut machen. Egal, wo man geboren wurde, ob in Nord-Neukölln oder Marzahn: Es gibt die Möglichkeit zum Aufstieg.

tip Deshalb sind Sie beispiels­weise für gebührenfreie Kitas, aber auch eine Kitapflicht.
Raed Saleh Alle Studien belegen: Wenn ein Kind ohne richtige Sprachkenntnisse in die Schule kommt, weil es sie in der Kita nicht gelernt hat, hat es schlechtere Chancen. Ich könnte jetzt natürlich flapsig sagen: Ich kam nach Berlin, da war ich fünf Jahre alt. Ich habe selbst keine Kita besucht, und man hört’s mir womöglich an (lacht).

tip Ihre Bewerbungsankündigung haben Sie abgelesen, dabei reden Sie im Gespräch sehr sicher. Wieso werfen Sie die doofen Zettel nicht einfach weg?
Raed Saleh Sollte ich mal machen, ja.

tip Nervt Sie die Debatte um Ihre Aussprache eigentlich sehr?
Raed Saleh Nein. Es ist doch klar, dass man darauf achtet, wie ein Politiker spricht. Wichtiger als Aussprache ist aber, was gesagt und vor allem getan wird.

tip Welche olympische Disziplin wäre Ihnen am nächsten?
Raed Saleh Da ich selber viel Sport mache, im Studio auf dem Laufband, ist mir Laufen sehr nahe. Auch im Sprint.

tip Überrascht mich nicht. Ihre Karriere ist rasant: vom Burgerbrater zum Bürgermeister …
Raed Saleh Ja, ich habe in meiner Jugend Burger gebraten. Ich habe mein Geld ehrlich verdient. Und ich finde es doch wichtig, dass man die Leute ermutigt: Nehmt euer Glück selbst in die Hand. Jede Arbeit verdient meinen Respekt. An der Fritteuse stand ich übrigens auch (lacht).

tip Fraktionschef sind Sie auch erst seit drei Jahren.
Raed Saleh Damals war ich 34, da haben einige gesagt: Der ist zu jung. Heute sind die meisten Kritiker große Unterstützer meiner Arbeit.

tip Sie wären Deutschlands erster muslimischer Landeschef. Die Aussicht muss Sie doch reizen.
Raed Saleh Als säkularer Moslem bin ich froh, in einem Land zu leben, wo die Religion nicht im Mittelpunkt steht. Mein erster Wahlkampfspruch 2006 war: „Auf den Menschen kommt’s an“.

tip Wie groß ist Ihre Hoffnung, dass Wowereit die miesen Umfragewerte der SPD mit sich nimmt?
Raed Saleh Wenn ich Regierender Bürgermeister werde, wird die SPD auch bei der Wahl 2016 die stärkste Kraft werden.

tip Kann man das innige Umarmen deutscher Rentnerinnen, wie es Wowereit im Wahlkampf so gut draufhatte, irgendwie üben?
Raed Saleh Haben Sie mich schon mal beim Umarmen erlebt?

tip Äh, nein. Bislang noch nicht.
Raed Saleh Begleiten Sie mich mal. Dann werden Sie sehen: Das Umarmen gehört zu meinen Stärken – und meinem Alltag.

Interview: Erik Heier

Foto: Markus Wächter

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