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Interview mit Wirtschaftsexperte Karl Brenke über Berlin 2010

KarlBrenketip Herr Brenke, Sie wollten sich dieses Jahr ein neues Auto zulegen, haben wir gelesen.
Karl Brenke Ja, habe ich auch.

tip Glückwunsch. Da kam ja auch für Sie die Abwrackprämie gerade recht. Was wracken wir denn 2010 ab? Kühlschränke?
Brenke Ich halte von solchen Maß­nahmen relativ wenig. Es sind Strohfeuerwirkungen. Möglicherweise hat man aktuell eine Blase mit Steuergeldern aufgebaut. Jetzt weicht die Luft raus, das kann dann ein Problem werden. Und oftmals sind solche Maßnahmen auch mit Mitnahmeeffekten verbunden. Ich zum Beispiel hätte mir sowieso einen Wagen gekauft.

tip Ist Berlin eher glimpflich aus der Krise herausgekommen?
Brenke Die Krise konnte uns nicht so hart treffen, weil wir schon schwach waren. Wenn man das vergleicht: Hamburg hat auf die Einwohner gerechnet eine doppelt so hohe Wirtschaftsleistung wie Berlin. Berlin ist die einzige Hauptstadt in Europa, in der die Wirtschaftsleis­tung der Einwohner geringer ist als der Landesdurchschnitt. Die Krise ist in Deutschland auf die Exportindus­trie konzentriert. Wir haben in Berlin relativ wenig Industrie, vor allem relativ wenig Exportindus­trie. Und was wir davon haben, ist zum Teil gar nicht so krisenanfällig. Zum Beispiel die Phar­ma­branche.

tip Wie sind die Berliner Aussichten für 2010?
Brenke Wenn wir in Deutschland so langsam aus der Talsohle he­rauskrabbeln, glaube ich, dass Berlin natürlich dabei ist. Wahrscheinlich wird es sich bei der Wirtschaftsleistung sogar besser entwickeln als der Bundesdurchschnitt.

tip Welche Branchen haben Wachstumspotenzial?
Brenke Beispielsweise der Touris­mussektor. Berlin ist natürlich auf­grund seiner Größe und bestimmter Attraktionen ein Anziehungspunkt. Aber einen Trend zum wachsenden Städtetouris­mus kann man weltweit beobachten. Das ist nichts Berlin-Spezifisches. Ein anderer Bereich ist zum Beispiel das Sozial- und Gesundheitswesen. Hier geht es seit Jahren in der gesamten Bundesrepublik nur bergauf ohne ir­gend­welche konjunkturellen Ausschläge in der Entwicklung. Und speziell in Berlin haben wir die Kreativwirtschaft …

tip … eine Branche mit prekären Arbeitsverhältnissen …
Brenke Dass dort sehr viele Arbeitsplätze entstanden sind, ist gut. Richtig ist aber auch, dass es oft prekäre Arbeitsplätze sind. Auch wegen der Kreativen gab es in Berlin in den letzten Jahren einen enormen Zuwachs an Selbstständigen. Ihr Anteil unter den Beschäftigten liegt weit über dem Bundesdurchschnitt, auch weit über dem Durchschnitt vergleich­barer Städte wie Hamburg. Das Problem ist bloß, dass die Einkommen der Selbstständigen in Berlin sogar geringer sind als in den ostdeutschen Flächenländern.

tip Und dann sind da noch die viel beschworenen Dienstleis­tungen.
Brenke Natürlich. So eine große Stadt wie Berlin wird bei Dienstleis­tungen expandieren können. Aber die großen Dienstleistungszentren haben sich in 40 Jahren Bundesrepublik woanders konzentriert. Die Verlage sitzen zum Teil immer noch in Hamburg, die Versicherungen in München, die Banken in Frankfurt. Wir haben kaum bedeutende Unternehmen, die einen Hauptsitz in Berlin haben.

tip Stattdessen ist Berlin die Hartz-IV-Hauptstadt. Jeder Vierte lebt von Transferleistungen.
Brenke Noch schlimmer sieht es aus, wenn man nach dem Alter differenziert. Bei den Erwachsenen sind es fast 20 und bei den Kindern mehr als 30 Prozent. Wenn man sich die Hartz-IV-Emp­fänger anguckt – auch im Vergleich zum Bundesdurchschnitt – haben wir einen sehr hohen Anteil an Personen ohne Berufs­ausbildung. Fast 60 Prozent der Hartz-IV-Empfänger im Erwachsenenalter haben keine Berufsausbildung.

tip Wo wird’s denn für Berlin demnächst noch richtig teuer?
Brenke Bei den Beamten. Wenn die ausscheiden, werden Pensionen fällig. Wenn ich mir die Altersstrukturen im öffentlichen Dienst ansehe, wird es alsbald eine Verrentungswelle geben. Und bei der Infrastruktur zehrt Berlin von der Substanz.

tip Ab 2020 greift bei den Ländern die Schuldenbremse, die jetzt im Grundgesetz steht.
Brenke Für Berlin ist die Schuldenbremse absurd. Ich halte von dem Instrument auch generell nicht viel. In Grunde genommen ist die Schuldenbremse das kollektive Eingeständnis der Politik, dass sie bisher unwillig oder unfähig war und deshalb Zügel braucht.

tip Das heißt, Sie finden es gut, dass jetzt nach einer Phase der Haushaltskonsolidierung wieder Schulden gemacht werden?
Brenke Natürlich sind mehr Schulden nicht gut. Es gibt aber gar keine andere Möglichkeit. Das Problem ist: Man muss offen sagen, dass Berlin offenkundig pleite ist. Man kann sich so viel anstrengen, wie man will. Man wird die Probleme nicht lösen. Aber das sollte man auch ganz klar der Bevölkerung sagen.

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