• Kultur
  • „Italienische Nacht“ an der Schaubühne

Zeitstück

„Italienische Nacht“ an der Schaubühne

Am Vorabend des Faschismus: Thomas Ostermeiers plakative Horváth-Aktualisierung „Italienische Nacht“ gelingt nur zum Teil. Wieso eigentlich?

Foto: Arno Declair

Eigentlich hätte Thomas Ostermeiers Inszenierung von Ödon von Horváths „Italienische Nacht“ schon vor einem halben Jahr an der Schaubühne rauskommen sollen, aber dann wurde ein Schaupieler krank und die Premiere musste verschoben werden. In diesem halben Jahr sind einige Dinge geschehen, die ein besonderes Licht auf die Inszenierung werfen: Die SPD ist bei Wahlen abgestürzt, die AfD ist erstarkt, und Sahra Wagenknecht hat eine linke Sammlungsbewegung gegründet, die ihre eigene Partei zu spalten droht. Das passt fatal zum Thema von Horváths 1930 geschriebener Komödie, die in der Krisen-Endphase der Weimarer Republik ziemlich böse und komisch die Zerstrittenheit der damaligen Linken und ihre Hilflosigkeit im Versuch, den Nationalsozialisten etwas entgegen zu setzen, vorführt.

Weil Horváth am liebsten über Milieus schreibt, die er gut kennt, spielt das nicht in der Großstadt, sondern in einem bayerischen Dorfgasthaus, das die Bühnenbildnerin Nina Wetzel mit so großer Liebe zum realistischen Detail gebaut hat, dass man den Mief und den abgestandenen Zigarettenrauch zu riechen glaubt. Hier will die verkleinbürgerlichte SPD eine „Italienische Nacht“ feiern, während draußen die SA-Kolonnen aufmarschieren.

Ostermeiers Inszenierung muss man als unmittelbaren Kommentar zur aktuellen Lage verstehen, auch weil er Horváths Zeitstück aus den 1930er-Jahren mit AfD-Zitaten, Pegida-Parolen und einem Rechtsrock-Konzert überdeutlich in die Gegenwart holt. Das ist das entscheidende Problem dieser Inszenierung. Die Handlungsalternativen, die Horváths Stück skizziert, sind drastisch. Während die sozialdemokratischen Biedermänner die aufmarschierenden Rechtsradikalen sträflich unterschätzen und sich darüber freuen, dass sie als Stadträte und Beamte endlich in der staatstragenden Schicht und bei den Dorf-Honoratioren angekommen sind, verlangt ein wütender junger Genosse, dass sich die Demokraten bewaffnen, um sich notfalls mit Gewalt gegen die Aufmärsche der militanten Rechten zu wehren.

Das ist von heute sinnvollen Handlungsoptionen so grotesk weit entfernt wie Horváths höhnische Karikatur der damaligen SPD von der Lage der heutigen Linken. Ostermeiers plakative Aktualisierung beschädigt mit diesen Kurzschlüssen die schauspielerisch überzeugende, handwerklich gut gearbeitete Inszenierung. Die überdeutlichen Verweise auf die Gegenwart trauen dem Publikum nicht zu, selbst die Parallelen zwischen Horváths Stück und der gegenwärtigen politischen Lage zu erkennen.

Der Preis dieser Zuspitzung ist, dass die Figuren noch stärker als ohnehin bei Horváth zu Karikaturen werden. Hans-Jochen Wagner macht aus dem sozialdemokratischen Stadtrat einen dröhnenden SPD-Spießer; Sebastian Schwarz zeichnet dessen innerparteilichen Gegenpart, den jungen Genossen Martin, als aufgeregten Testosteron-Dorf-Revoluzzer. Lustig und gekonnt gesetzt sind die Peinlichkeiten, etwa wenn David Ruland als so betrunkene wie sentimentale SPD-Ortsvereins-Nervensäge zu fortgeschrittener Stunde seinen Gefühlen freien Lauf lässt. Die einzige, die noch bei Verstand zu sein scheint, ist die resolute Wirtin (Traute Hoess), die angesichts der aufmarschierenden SA den armen SPD-Wirrköpfen mit Schadenfreude mitteilt, was die Stunde geschlagen hat: „Jetzt gibt’s Watschen“.

Termine: Schaubühne Kurfürstendamm 153, Wilmersdorf

Mehr über Cookies erfahren