• Kultur
  • Jackie A. endeckt… Lügenbeutel in der Afterhour

Kolumne

Jackie A. endeckt… Lügenbeutel in der Afterhour

15 Uhr in einem Bretterverschlag auf dem Gelände der Griessmühle: Ich bestelle ein Bier „You drink Coffee – I drink Tea“ steht auf meinem Beutel und der letzte Tag des „New Dance Fantasy Festivals“ beginnt mit einer gedruckten Lüge.

Jackie A. 16/16

Richtigerweise müsste da stehen: „You’re drunk – and I’m going to drink as much as I can until I lose this bag“. Bis dahin sollten aber noch Stunden vergehen. Erstmal nehme ich mit versteinerter Miene die Fakten zur Kenntnis: Seit meinem letzten Besuch hat man sich professionalisiert und es glänzt eine elektronische Kasse hinterm Tresen. Welcher Mitarbeiter wird da noch unbemerkt Freidrinks ausgeben können? Das erste bis letzte Corona, wird jeweils 4,50 kosten – mit Pfand.
Unauffällig schaue ich mich um. Die New-Dance-Fantasy-Fans sind schon länger unterwegs: hier ein schmutziger Stretchhosenarsch, dort Augäpfel, so rot wie das Innere des Eyjafjallajökull. Der DJ legt Cosmic-Disco auf und tanzt extrovertiert mit den Gästen. Ein Shirt oder eine kontrollierte Gesichtsmimik braucht er nicht. Jetzt fragt mich jemand, ob ich ein Bouncer wäre, weil ich so ernst in der Ecke stehe. So geht das nicht, denke ich und laufe auf die Tanzfläche. Meinen Beutel binde ich an einen Dübel in der Wand. Das Tageslicht offenbart gnadenlos jedes Detail. Es fühlt sich an wie in einem experimentellen Videoclip. erste Szene: Tattoomotiv „Kartenspiel“ auf dem Oberarm des Brandenburg-Prolls, Typ „Ehrlich aber doof“ – Schnitt: Mückenstich an der Wade eines langhaarigen Tänzers – Schnitt: melancholischer Blick des Rastafaris an der Seite seiner schwedischen Freundin – Schnitt: drei Kohlensäurebläschen an Limette in meinem Bier – Schnitt: pinker Hut eines 80er-Jahre-Sheila-E.-Lookalikes –Schnitt: bleiche Herrenhühnerbrust – abruptes Videoende, als der DJ Udo Lindenberg auflegt. Daraufhin kurz Innehalten, dann Loslachen. Über Stunden Tanzen und Benglisch*-Kommunizieren mit Fantasy-Dance-Begeisterten aus Südamerika, Israel und Lichtenrade. Unruhe kehrt ein, als jemand auf Bretterkisten steigt, eingewickelt in eine Gardine – der Liveact beginnt. Der Versuch, ein wenig Mystik zu verbreiten, muss natürlich scheitern. Zeit für den polnischen Abgang. Kurz darauf aufwachen an unbekannten S-Bahnhof und feststellen: Der Beutel ist weg! Immerhin: Die Schuhe sind noch an. Am nächsten Tag dann im Club anrufen und später kleinlaut das Dokument der viel zu guten Laune abholen: „Dit is mein Beutel“, bestätige ich dem Mitarbeiter. „Dit is mein Berlin“, denke ich später in der Bahn.
*Besoffenes Englisch

Kommentare [email protected]

Mehr über Cookies erfahren