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Kolumne

Jackie A. entdeckt… Bierdosen-Rocky

Schienenersatzverkehr ist meine Sachertorte. Davon kann ich gar nicht genug bekommen, kein Witz! Weil sich die Essenz vom großen Berlin ja nirgendwo so abbildet wie im Mikrokosmos eines rumpeligen SEV-Busses.

Jackie1816

Arm, reich, schlau, Hirnamöbe, IS-verdächtig oder bierfestivalbesoffen – hier steckt alles fest. Der Immobilienmaklerdarsteller, die fleischwurstgesichtige Prekariatsfamilie, Pokémon-Suchende, Bloggermädchen, Kopftuchfrauen, Rentner mit Haustier: Auf dem Parkplatz hinterm Netto stehen sie heute morgen wie eine Hochzeitsgesellschaft beieinander. Nur warten sie statt aufs Brautpaar auf den Busfahrer. Als der eintrifft, bricht so eine Art ironisierter Applaus los und jemand wirft in Ermangelung von Rosenblättern eine leere Bierdose in seine Richtung. Und was macht der so Gefeierte? Der winkt ganz lässig ab. So als würde er jeden Tag im Bierdosenregen verbringen. Auf der Fahrt wird er sich rächen an der Mutter mit Sohn Elias, der einen Wutanfall austrägt,  intensiv und hoch, wie experimenteller Gesang, eine Operette des Wahnsinns,  die ganz langsam und qualvoll eine Hirnschmelze einleitet. Da ruft der busfahrende Bierdosen-Rocky: „Dit Kind muss hören oder Sie steigen aus.“ Und weil für Berliner Kinder schon aus Imagegründen dieses „Auf-Mutti-Hören“ eine totale Null-Option ist, verlassen sie das Gefährt. Ich sitze da neben einer Frau mit Inka-Bause-Haarschnitt und dem IQ einer Obstfliege – sie scheiterte eben an der Erläuterung eines „Schnick-Schnack-Schnuck“-Spieles. Ihre Alkoholfahne ist enorm und ihr Flirtpartner ein astreiner Nazi. Hunderte Hektoliter „Goldkrone“, konsumiert in den Top-Ten örtlicher Kleingartenkolonien, haben ihn klein und knitterig geschrumpft, so dass er fast schon niedlich wirkt, ein Nazi-Erdmännchen. Die beiden balzen jetzt leider ganz schlimm, und um die in Satzfetzen und Grunzen gegossene Strunzdummheit nicht länger ertragen zu müssen, wünsche ich mir Schwerhörigkeit oder wenigstens Elias zurück. Als das Erdmännchen dazu übergeht, zwei Migranten zu bepöbeln, nähert sich ein weiterer Kahlköpfiger mit Riesenober­armen, der sich in ein zu enges „Camp-David“-Hemd gezwängt hat. Mir schwant jetzt wirklich nichts Gutes und als er so ganz dicht bei dem Typen steht, sagt er etwas Unerwartetes, nämlich: „Noch so’n Ding – Augenring!“ Stille kehrt ein. Und kaum wahrnehmbar: ein unterdrücktes Lachen aus der hinteren Reihe. Breit lächelt der Testosteroit in den Fahrgastraum. SEV ist manchmal besser als Sachertorte.

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