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Kolumne

Jackie A. entdeckt… Captain Homecoming

Lieber Taxifahrer,
Danke an Sie und Ihre Kollegen, die all die zerstörten Teilnehmer von Weihnachtsfeiern mit fast schon familiärer Nachsicht vor den Haustüren dieser Stadt ausladen. Sie sind mein Super­hero, mein Captain Homecoming, Rettungsboje im Tümpel der Betriebs­feierlichkeiten!

Im rauschhaften Reigen flugunfähiger Weihnachtsengel und desolater Santa-Claus-Darsteller bewahren Sie den Überblick, bleiben ergiebiger Informant über neueste Tourismusentwicklungen, Taxibranchen-Inside-Storys und Frusterfahrungen aus der Kunst­ledersitz-Perspektive. Letzte Woche haben Sie mich nach der tip-Weihnachtsfeier bis nach Brandenburg gefahren. Im Gespräch muss ich auf dem Rücksitz eingeschlafen sein. Nach Ihrer direkten Ansprache schreckte ich auf, zahlte und verließ wankend Ihr Gefährt. Ich weiß aber noch, dass Sie auf der Fahrt erzählten, wie es war, als Türkischstämmiger den Mauerfall live mitzuerleben. Ihr damaliger Arbeitgeber aus einem Kreuzberger Dönerladen hatte Ihnen extra frei gegeben. Es klang, als hätte Sie das Erlebte damals mehr berührt als mich, einen Ossi, der kurz zuvor in den Westen rübergemacht hatte, und sich an diesem Tag nur noch fragte, wozu.
Gelacht haben Sie, als ich Ihnen auf Ihre Frage nach den Vorteilen des Land­lebens betrunken-komprimiert nur „Bäume“ und „Luft“ zurückgab. Als ich Stunden später auf der Wohnzimmer-Couch aufwachte, war klar, dass nach Betriebs-schamanischen Gesichtspunkten die Feier ein wahnsinniger Erfolg gewesen sein muss, der Preis dafür war allerdings hoch. Auch nach gründlicher Suche blieb mein Smartphone verschwunden.

Sie glauben gar nicht, wie erleichtert ich war, Ihre Stimme zu hören, nachdem ich mich, verkatert und mit inzwischen Marilyn-Manson-haftem Rest-Make-up, auf meiner eigenen Nummer anrief. Sie sagten, Sie hätten schon gewartet, das Handy fanden Sie auf dem Boden Ihres Wagens. Am nächsten Tag habe ich es bei ihnen zu Hause in Reinickendorf abgeholt. Sie versuchten nach der Nachtschicht zu schlafen, und ich sprach leise mit ihrer Frau, während Flugzeuge gefühlte zwei Meter über Ihr Häuserdach donnerten.

Sie war sehr freundlich, erzählte, dass sie letzte Woche auch ihr Gerät verlor: „Handy in Waschmaschine. 30 Grad. Oh je. Oh je.“ Um so dankbarer bin ich, dass Sie mir meines aufbewahrten. Ich hoffe, Sie hatten das prächtigste Weihnachtsfest Ihres Lebens! Mögen Ihnen Trinkgelder, Handys und Herzlichkeit auch in 2019 nicht ausgehen.

Ihre Jackie A.

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