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Kolumne

Jackie A. entdeckt… Chemtrails mit Sahnesoße

Wen ich am meisten auf der Welt liebe? Meine Mutter. Wer mich am meisten auf der Welt nervt? Meine Mutter!

Jackie A.
Foto: Jackie A.

Manchmal denke ich, das ist auch gut so. Ich war ein aufmüpfiges Kind mit Freude am Aufstand – und sei es auch nur wegen eines Spiegeleis, das nicht so schön war wie das auf dem Teller gegenüber. Hier kommt die Chance, etwas zurückzugeben! Außerdem kann ich mich mit Themen auseinandersetzen, die mir in meinem Bekanntenkreis so nie begegnen würden. Und falls ich, wie beim letzten Treffen, nicht wieder in die Luft gehe wie ein explodierender Toaster, dann werde ich bald schon ein besserer Mensch sein: entspannt wie Bob Marley, versöhnlich wie der Dalai Lama. Vorerst bin ich die Tochter, die je nach Thema ausflippt oder still in sich reinwütet, während die Mama aktuelle Erkennt­nisse kundtut. Unser Essen heute beim Italiener wird eingeleitet mit der Schilderung eines Videos, in dem ein vermeintlicher Augenzeuge über seine Kontaktaufnahme mit Außerirdischen berichtet, und deren Botschaft an uns, die Vollpfosten auf der Erde. Schon infolge mathematischer Wahrscheinlichkeit ist intelligentes Leben außerhalb der Erde absolut denkbar. Nur würde mich mehr interessieren, wie es der Mutter gerade im Alltag so geht. Stattdessen werde ich nun über Verbrechen der Pharmaindustrie aufgeklärt, über krankmachende Stoffe im Trinkwasser und genmanipuliertes Korn in Brot, über die tiefe Ungerechtigkeit unseres Systems mit Wutbekundungen auf sämtliche Politiker, die an den Menschen vorbeiregieren. Die verdammte Merkel! Der falsche Gabriel! Wie, und jetzt auch noch Chemtrails? Schwer schnaufe ich in meine Nudeln. Sie versinken in Sahnesoße und mein Vorsatz – Ruhe bewahren! – gleich mit. Die hochschwangere Schwester ist auch dabei, das ist gut. Körperumfang und Hormone machen sie zu einer Art Buddha, rund und tiefenentspannt. Sie versucht auszugleichen zwischen Mamas Vorträgen und meiner Dauer­skepsis – vergeblich. Damit hier kein falscher Eindruck entsteht: Bis heute werde ich mit hilfreichen Ratschlägen mütterlicherseits versorgt, aber manchmal, da läuft es einfach aus dem Ruder. Da wünsche ich mir ein Internetverbot für Menschen ab 60 oder wenigstens vier Flaschen Rotwein auf den Tisch – sofort. Nur gut, dass wir beim Italiener sitzen! Besser noch, dass wir zwar selten einer Meinung, trotzdem auf das Leben anstoßen. Was ich am meisten an der Welt liebe?
Ein helles Violett, das Meeresrauschen, die Freiheit der Gedanken. Danke für die Lektionen, Mami.

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